Dalton am DBG: „Das etwas andere Gymnasium“ setzt auf Eigeninitiative

(wS/red) Neunkirchen 09.01.2017 | Während zweier Schulstunden pro Tag ist am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium alles ein wenig anders, zumindest für die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 5 bis 8. Es gibt keine Lehrer, die im Frontalunterricht binomische Formeln oder den Vulkanismus auf Island erklären. Und es gibt auch keinen festgelegten Schulstoff, der durchgenommen werden muss. In welchen Klassenräumen, sie sich aufhalten, können sich die Gymnasiasten selbst entscheiden und sich damit auch den „Lernberater“ aussuchen, der sie betreut. Die fünfte und sechste Stunde gehören am DGB Dalton, das heißt, sie bieten Zeit zum selbstbestimmten Lernen.

Mit Beginn des Schuljahrs 2015/2016 wurden die Dalton-Stunden in den Unterricht integriert. Aber was genau bedeutet die Methode „Dalton“, die nach einer Stadt in Massachusetts benannt wurde? Schulleiter Jochen Haardt bezeichnet die Dalton-Stunden auch als Selbsttätigkeits-Stunden: „Es ist Zeit, die die Kinder und Jugendlichen ganz ihrem individuellen Lernplan und ihren Bedürfnissen entsprechend gestalten können.“ Ein Grund für Dalton ist laut Haardt eine immer heterogener werdende Klassenstruktur, aber auch eine sich wandelnde Gesellschaft. „Alles verändert sich, darauf sollte eine Schule flexibel reagieren können.“

Lennard nutzt die Dalton-Stunde für eine Recherche im Computerraum. Wie seine Eltern und Lehrer musste auch er sich zunächst an das neue System gewöhnen. Dennoch ist der Sechstklässler begeistert von der Möglichkeit des individuellen Lernens. (Foto: Gemeinde Neunkirchen)

Lennard nutzt die Dalton-Stunde für eine Recherche im Computerraum. Wie seine Eltern und Lehrer musste auch er sich zunächst an das neue System gewöhnen. Dennoch ist der Sechstklässler begeistert von der Möglichkeit des individuellen Lernens. (Foto: Gemeinde Neunkirchen)

In der Praxis entscheiden sich die Kinder, welches Thema sie während welcher Stunde bearbeiten, suchen sich einen Raum mit einem entsprechenden Fachlehrer oder verabreden sich mit Freunden zum gemeinsamen Lernen.

Lennard ist Schüler der sechsten Klasse. Er verbringt seine Dalton-Stunde im Computerraum. Im Internet recherchiert er nach Informationen über das Ei, denn dieses Thema steht in der nächsten Biologiestunde auf dem Plan. „Selbständig erarbeitete Inhalte bleiben viel besser haften, als Fakten, die von einer Lehrkraft vorgetragen werden“, weiß Haardt. Um dies möglichst strukturiert zu tun, bekommt jeder Schüler zu Beginn des Schuljahrs seinen Dalton-Planer, in dem jeder Wochentag sowie jede Schul- und Dalton-Stunde übersichtlich dargestellt sind. Die Schüler tragen ein, was sie während dieser Zeit erledigt haben und lassen sich dies von den Lehrern, die in der jeweiligen Klasse für Fragen und Hilfeleistungen zur Verfügung stehen, schriftlich bestätigen. So bleibt der Prozess für die Klassenlehrer, aber auch für Eltern nachvollziehbar.

Außerdem erhalten die Kinder von ihren Fachlehrern Monatspläne, in denen detailliert festgehalten ist, welche Themen in welcher Woche im regulären Unterricht behandelt und welche selbstständigen Arbeiten erledigt werden sollen. Mithilfe dieser Lehrpläne können die Schüler ihre Dalton-Stunden frei planen, sich Themengebiete erarbeiten, ihr Wissen wiederholen oder für Klassenarbeiten lernen.

Genau dies machen Mathild, Naomi und ihre Freundinnen aus der 8a. Sie büffeln für die anstehende Französischarbeit. Die Mädchen sind begeistert von Dalton. Während das Konzept von manchen Schülern durchaus kritisch gesehen wird, weiß die Lerngruppe um die vielen Vorteile und vor allem den Spaß beim gemeinsamen Lernen. Fachleute haben festgestellt, dass außerdem die Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit der Kinder und Jugendlichen verbessert wird und dass das gleiche Sprachniveau Gleichaltriger dazu führt, dass Kinder miteinander und voneinander besser lernen können.

Im Klassenraum nebenan betreut die Mathematiklehrerin Nicola Müller Schülerinnen und Schüler. „Sofort-Hilfe“ steht an der Tür. Hier können Schüler aller Dalton-Klassen, die kurz vor einer Arbeit stehen, Fragen stellen und Probleme besprechen. „Auch nach einer Klassenarbeit kommen Schüler zu mir, um sich Lösungswege oder Aufgaben erklären zu lassen“, so Müller. Der Vorteil: Die Kinder und Jugendlichen sind nicht auf ihre Lehrer angewiesen, sie können sich in den Dalton-Stunden Hilfe bei anderen Lehren des gleichen Fachs holen.

Welchen Klassenraum die Schüler für ihre Freiarbeit wählen, liegt also einerseits an den Fächern, die der zuständige Lehrer unterrichtet, andererseits aber auch an den Lehrern selbst. Immer wird auch ein „Raum der Stille“ angeboten, in dem die Pennäler alleine und konzentriert arbeiten können. Auch das Selbstlernzentrum kann während der Dalton-Stunden genutzt werden.

Das Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium war in Sachen Dalton Vorreiter im Kreisgebiet. Inzwischen haben einige weitere Gymnasien das Konzept mit den „Unterrichtsstunden in einer anderen Form“ übernommen. Begleitet wird der Prozess von der Universität Siegen. Der Schulpädagoge Dr. Jörg Siewert führt regelmäßige Evaluationen durch, die belegen, dass sich das Leistungsniveau der Schüler nicht verschlechtert hat. Inwieweit der gewünscht Effekt der Nachhaltigkeit durch selbstständiges und eigenverantwortliches Lernen eintritt, lässt sich jedoch erst später nachvollziehen.

Entwickelt wurde der Daltonunterricht von der amerikanischen Lehrerin Helen Parkhurst, die vor der Aufgabe stand eine Gruppe vier- bis vierzehnjähriger Schüler gemeinsam zu unterrichten. Ihre Unterrichtsform ermöglicht das selbstständige Erarbeiten von Inhalten sowie die Kooperation von Schülern, auch unterschiedlicher Klassen und Jahrgänge.

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