Zum Aufhören ist es nie zu spät

wS/wi  –  Diakonie in Südwestfalen  –  „Wir denken, in dem Glas auf dem Nachttisch sei Wasser, dabei ist es Wodka.“ Heike Dreisbach, Mitarbeiterin im Fortbildungszentrum der Diakonie in Südwestfalen, kennt diese Eindrücke. Mitarbeiter aus der mobilen Pflege schildern solche Vorfälle immer wieder.

Denn die Pflegekräfte machen bei ihren Einsätzen so manche Entdeckung: „Die Schwestern und Pfleger finden im Keller teilweise bis zu 150 leere Rotweinflaschen, weil der regelmäßige Gang zum Glascontainer nicht mehr möglich ist“, sagte Dreisbach. Dass es sich hierbei um einen zunehmenden Trend handelt, belegt eine Studie: Bundesweit haben rund 400.000 Menschen über 60 ein Alkoholproblem, allein in Nordrhein-Westfalen stieg der Anteil um über 17 Prozent. „Viele haben diese Entwicklung noch nicht im Fokus, aber wir als Diakonie haben den Bedarf erkannt“, erklärte Dreisbach ihre Motivation, eine Fortbildungsveranstaltung mit dem Pflegekreis Wilnsdorf zu dieser Problematik anzubieten.

Dr. Dieter Geyer (Chefarzt der Fachklinik Fredeburg) referierte hierzu. Herbert Cramer von der Suchtberatung der Diakonie Sozialdienste vertiefte den Vortrag mit praktischen Hinweisen. Abhängigkeiten kämen in allen Gesellschafts- und Altersschichten vor, so Cramer. Es gelte, der Sucht mit allen Sinnesorganen begegnen: „Ist der Melissengeist auf dem Rücken eingerieben oder hat die alte Frau eine Fahne?“ Auch der Irrglaube von anregenden Spirituosen könne zu einem ernsthaften Suchtproblem führen: „Da rät jemand in bester Absicht einer Demenzkranken, jeden Morgen ein Schnäpschen für den Kreislauf zu trinken“, schilderte Cramer. Die alte Frau wisse jedoch aufgrund ihrer eingeschränkten Gedächtnisfunktion nicht mehr, wie viel sie bereits zu sich genommen habe. Daher trinke immer weiter, bis sie vollends betrunken sei.

Trotzdem ist eine Abhängigkeit oder ein Missbrauch gerade bei älteren Menschen schwer festzustellen. „Die Symptome überschneiden sich mit denen einer Demenz“, sagte Geyer. Hierzu zählen unter anderem häufige Stürze und nachlassende Körperhygiene. Daher müssen sowohl Angehörige als auch Mitarbeiter der Altenhilfe geschult werden, um richtig mit Suchtkranken umzugehen. Hilfsangebote bieten unter anderem die Mitarbeiter der Suchtberatung der Diakonie an: „Wir sprechen mit den Ratsuchenden über ihren Konsum und vermitteln, falls erforderlich, die passenden Hilfen“, erläuterte Cramer. Wichtig sei zudem, dass man den Erkrankten auf Augenhöhe begegnet und sie – auch im fortgeschrittenen Alter – nicht entmündigt.

Ein mögliches Versorgungsangebot ist die Entgiftungsstation des Bethesda Krankenhauses in Freudenberg. Diese besichtigten die Fortbildungsteilnehmer unter Leitung von Sozialpädagogin Beate Hünting, um den vorangegangenen Vortrag praktisch zu ergänzen. „Eine Entzugsbehandlung ist der richtige Schritt, um sein Leben neu zu ordnen – egal in welchem Alter“, resümierte Hünting. Denn für das Aufhören sei es nie zu spät. „Die Therapieziele sind die gleichen wie bei jungen Abhängigen – die Erkrankten wollen wieder Verantwortung für sich und andere übernehmen können“, so die Sozialpädagogin. Sollte eine akute Notsituation vorliegen, können sich Betroffene und deren Angehörigen unter Tel. 02734/ 2794860 bei Beate Hünting über eine stationäre Behandlung informieren.

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Mit der Rente in die Abhängigkeit: Dr. Dieter Geyer (Chefarzt der Fachklinik Fredeburg, rechts) referierte über Suchtprobleme im Alter, gemeinsam mit Herbert Cramer (Suchtberatung Diakonie Sozialdienste, links) sowie den Organisatorinnen Roswitha Jerusel (Pflegekreis Wilnsdorf, 2.v.l.) und Heike Dreisbach (Ev. Bildungsarbeit, 2.v.r.).

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