Anbauen, ernten, teilen

Ein Projekt des Sonderforschungsbereichs „Medien der Kooperation“ der Uni Siegen untersucht neue Formen bürgerschaftlichen Engagements.

(wS/red) Siegen 27.06.2018 | Im Universitätsgebäude am Siegener Campus Herrengarten steht ein Kühlschrank, der es Studierenden und MitarbeiterInnen erlaubt, nicht mehr benötigte Lebensmittel untereinander zu tauschen. Der Kühlschrank dient als „Fairteiler“, so jedenfalls nennen ihn die InitiatorInnen von der Siegener Foodsharing-Gruppe, die das Verteilen mit Hilfe einer gleichnamigen Online-Plattform organisiert. Diese und andere Fälle bürgerschaftlichen Engagements für einen nachhaltigeren Umgang mit Lebensmitteln und eine sozial und ökologisch verträgliche Landwirtschaft untersucht das Teilprojekt „Going Public in medienkooperativen Engagementformen“ des Sonderforschungsbereichs (SFB) „Medien der Kooperation“ der Universität Siegen. „Wir legen dabei einen weiten Begriff der Partizipation zugrunde“, erläutert der wissenschaftliche Mitarbeiter Dr. Mundo Yang. „Bürger engagieren sich zunehmend außerhalb von Parteien und Großverbänden in selbstorganisierten Initiativen, um Lebensmittel selbst anzubauen oder zu verteilen. Ausgangspunkt sind dabei häufig Proteste und Kontroversen zum Beispiel gegen Glyphosat oder Zustände in der Massentierhaltung“.

Auch in Zeiten von Facebook & Co. bleibt der Straßenstand ein wesentlicher Bestandteil der Öffentlichkeitsarbeit. Projektmitarbeiterin Lisa Villioth unterstützt Foodsharing auf dem Siegener Stadtfest. (Fotos: Uni)

Tatsächlich untersuchen die ForscherInnen unter Leitung von Prof. Dr. Sigrid Baringhorst Formen der Freiwilligenarbeit und des Online-Protests, die bisher kaum als politische Partizipation angesehen werden. „Bei Foodsharing packen die Engagierten eigenhändig mit an und verstehen das Verteilen von Lebensmitteln durchaus auch als politischen Beitrag“, so die wissenschaftliche Mitarbeiterin Lisa Villioth. Darüber hinaus erforschen die beteiligten Wissenschaftler Projekte des Netzwerks Solidarische Landwirtschaft und Gemeinschaftsgärten (auch als Urban Gardens bekannt). Feldforschungen und Interviews wurden in Siegen und Umgebung, aber auch im Umkreis von Berlin, Bremen und München durchgeführt.

Bei Foodsharing sollen die vielen noch verwertbaren Lebensmittel, die der Groß- und Einzelhandel entsorgt, weil sie als nicht mehr vermarktbar erscheinen, an Privatpersonen verteilt werden. „Foodsharing organisiert das größtenteils über eine Online-Plattform“, berichtet Lisa Villioth. Erste Zwischenergebnisse zeigen: Die Kommunikation und Organisation über das Internet sind zwar hochgradig standardisiert, ermöglichen aber lokal sehr eigenständige Formen der Selbstorganisation der jeweiligen Foodsharing-Gruppen in Siegen, München und Berlin. Das wird häufig mit den Geschäftsmodellen der Sharing Economy verwechselt. Es geht aber um gemeinnützige Partizipation und Teilen von Lebensmitteln ganz ohne Gewinnabsichten. Dazu haben die Foodsharing-AktivistInnen eine eigene soziale Plattform programmiert, die jedem kostenlos offensteht.

Acker des Solawi Almhof Elspe. Hier wird das angebaut, was die Gruppe entscheidet.

Anders setzt das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft an. Hier soll das Problem fallender Marktpreise angegangen und damit verbundene Folgen für Arbeitsbedingungen und Umweltstandards in der Landwirtschaft vermieden werden. Als Lösung versprechen die AktivistInnen jedem / jeder, dass er oder sie Gemüse-Bauer oder Bäuerin werden kann. Dazu tun sich Bäuerinnen und Bauern mit VerbraucherInnen zusammen. Die VerbraucherInnen finanzieren den Betrieb des Bauernhofs komplett vor und helfen auch aktiv auf dem Acker mit. Bäuerinnen und Bauern werden so vom Preisdiktat an den Märkten entlastet und versorgen im Gegenzug die VerbraucherInnen mit allem, was der Boden je nach Wetterlage und im Rahmen des ökologischen Landbaus hergibt. Auch in der Siegener Umgebung kommt ein solches Projekt jetzt in Gang. „Uns interessiert, welche Rolle Medien, das Internet, aber auch Flyer oder die lokale Presse beim Aufbau und der öffentlichen Wahrnehmung solcher Projekte spielen. Schließlich gilt es mit Verbrauchern und Bauern zwei sehr unterschiedliche Gruppen zur Zusammenarbeit zu bewegen, die sich sonst selten treffen und gemeinsam politisch aktiv werden“, erklärt die Projektleiterin Prof. Dr. Sigrid Baringhorst.

Um Gemüse geht es auch bei den Gemeinschaftsgärten (Urban Gardens), darüber hinaus geht es aber um ein grundlegend anderes Zusammenleben in Ballungsräumen jenseits von städtisch verwalteten Parks oder privat genutzten Schrebergärten. In Siegen existiert solch ein Garten, bei dem jeder mitmachen kann, am Effertsufer. „Viele wollen etwas Praktisches machen, etwas mit den Händen, wo der persönliche Einsatz schnell zu einem sichtbaren Erfolg wird“, erläutert Yang. Gemeinschaftsgärten schaffen einen öffentlichen Raum, der prinzipiell für alle zugänglich ist und an dessen Gestaltung alle mitwirken können. Es geht um eine neue Kultur des Zusammenlebens sowie des Zusammenarbeitens und das in aller Öffentlichkeit.

Hinsichtlich der Internetnutzung für das gemeinschaftliche Projekt sei weniger oft mehr. Ganz im Sinne der Maxime „small ist beautiful“ reizen viele Gemeinschaftsgärten und solidarische Bauernhöfe die Möglichkeiten des Internets aus – auch ohne sich von sozialen Medien abhängig zu machen. Unabhängigkeit und Selbstwirksamkeit sind zentrale Aspekte der kollaborativen Medienpraxis. Als wichtig erweist sich, dass Foodsharing-Aktive, Gemeinschaftsgärtner und Bauern in der solidarischen Landwirtschaft heute mit Hilfe von Smartphones einfach Bilder davon schießen und veröffentlichen können, worum es ihnen geht: nämlich zu zeigen, wie erstrebenswert es ist, sich zusammen mit Gleichgesinnten um Lebensmittel zu kümmern.

„Bekannt ist, dass Probleme in Landwirtschaft und Konsum in der Medienöffentlichkeit schon seit längerem intensiver diskutiert und skandalisiert werden“, führt Villioth aus. „Die von uns untersuchten Projekte versuchen demgegenüber vorrangig durch konkretes Handeln vor Ort, Lösungen zu erproben und damit öffentlich als Alternative ins Spiel zu bringen.“ Und das führe dazu, dass die vielen Protestkampagnen zu Fragen der Landwirtschaft, die heute auch im Netz mobilisieren, anders betrachtet werden müssten.

Das Forschungsprojekt untersucht dabei auch die Rolle von Online-Petitionen und Kampagnenorganisationen wie Campact oder Change.org, die regelmäßig gegen Glyphosat oder Massentierhaltung mobilisieren. Diese bieten einer breiten Masse von BürgerInnen die Möglichkeit, ihre Stimme für andere Formen von Landwirtschaft und Konsum per Mausklick zu artikulieren. „Wenn man die Hintergründe genauer erforscht, sind diese Proteste keine reinen Klick-Phänomene, sondern breiter in einer Zivilgesellschaft vernetzt, die vor Ort Alternativen entwickelt“, so Baringhorst. Um das sichtbar zu machen, so die WissenschaftlerInnen, sei eine intensive teilnehmende Beobachtung wichtig. So wurden Interviews vor Ort, aber auch per Video-Konferenz geführt. Um tiefere Einblicke zu gewinnen, greift man auch schon mal selbst auf dem Acker zum Spaten. „Wir helfen im Rahmen teilnehmender Beobachtung mit. Wir entscheiden aber nie mit. Das wäre nicht mehr methodisch tragbar“, erklärt Yang.

Hintergrund

Das Projekt ist eines von insgesamt 16 Teilprojekten des Sonderforschungsbereichs „Medien der Kooperation“ an der Uni Siegen. Der SFB wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert und ist Anfang 2016 gestartet. Mehr als 60 Wissenschaftler erforschen dort interdisziplinär digitale Medien und die durch sie hervorgerufenen, gesellschaftlichen Veränderungen. Das Teilprojekt „Going Public in medienkooperativen Engagementformen“ baut auf den Ergebnissen des vorhergehenden Projektes „Consumer Netizens – Neue Formen von Bürgerschaft an der Schnittstelle zwischen politischem Konsum und Social Web“ (2011-2015, DFG gefördert) auf.

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