„Corvette“-Piloten aus ganz Deutschland trafen sich in Bad Laasphe

U-Boot-Jäger auf dem Flugplatz: Stechrochen und anderen automobile Träume aus Plastik

(wS/red) Bad Laasphe 04.06.2018 | Der Start der viermotorigen Fairchild C-123 erfolgte überstürzt und war ziemlich holprig. Der Haken am Ende eines Stahltaus, das aus der offenen Heckklappe des Flugzeuges baumelte, hatte sich unter der Stoßstange eines Autos verfangen. Selbiges wurde mit in die Luft gerissen und folgte der himmelwärts dröhnenden Transportmaschine als Anhängsel auf dem Weg nach oben. Sportpiloten kennen so etwas als „F-Schlepp“.

Die luftige Reise war allerdings schon nach ein paar hundert Metern zu Ende. Zumindest für die Karre. Der Wagen, ein silberfarbener Chevrolet „Corvette“, krachte in einen zufällig die Flugroute kreuzenden Beobachtungsturm und crashte spektakulär zu Boden. Rien ne va plus! Solch haarsträubende Szenen, wie sie in dem 1997 auf der Leinwand erschienen Actionreißer „Con Air“ mit Nicolas Cage beim Kinopublikum für ungläubiges Staunen gesorgten hatten, gab es am vergangenen Sonntag auf dem Hirzenhainer Segelfluggelände nicht. Obwohl es an entsprechend vierrädriger Hardware nicht gemangelt hätte.

Gleich 20 dieser sportiven amerikanischen Boliden hatten abseits der Landebahn Aufstellung bezogen. Deren (stolze) Besitzer wären jedoch kaum bereit gewesen, ihre rollenden Schätze für Derartiges zur Verfügung zu stellen. Zumal die, also die Autos, längst nicht mehr gebaut und unter Liebhabern astronomische Preise dafür abgerufen werden. Wohl dem, der bereits (oder noch) ein solches Pferdchen daheim im Stall stehen hat.

Breitmaul: Charakteristisch für die Corvette-Modelle ab der zweiten Generation sind die Klappscheinwerfer. Die werden jedoch noch „analog“ aktiviert bzw. aufgeklappt – per Druckluft.

1953 lief der erste C1 vom Stapel Wir reden von den Modellen der Corvette- Baureihen C1 bis C3. Die sind längst Fertigungsgeschichte. Mittlerweile gilt Nr. 7 als aktuelle Variante, Nr. 8 ist bereits avisiert. Die C1-er wurden von 1953 bis 1962 gebaut, die Nachfolgende Generation von 1962 bis 1967. Der „C3“, der Benjamin im nostalgischen Bunde dieser Klassiker, lief zwischen 1982 und 1982 von den Bändern. Ein Auto-Tester der „Welt am Sonntag“ hatte den Kraftprotz sogar einmal verächtlich als einen „Scheinsport-Wagen mit dem Fahrverhalten eines Kängurus“ bezeichnet. Wer jedoch das Privileg genießt, hinter dem Steuer eines dieser mit V8-Motoren ausgestatteten automobilen Anachronismen Platz nehmen zu dürfen und damit durch die Pampa zu cruisen, wird diese Einschätzung kaum teilen.

Diese Autos sind der sicht- und (er-)fahrbare Beweis dafür, dass nicht alles Mist ist, was aus Amerika kommt bzw. kam. Inzwischen haben die Yankees jedoch die Kunst, konkurrenzfähige Motorschlitten herzustellen, verlernt. Damit die eigenen hausgemachten Vehikel trotzdem Gnade vor den Augen der einheimischen Käufer finden, wird die technisch deutlich ausgereiftere Konkurrenz aus Übersee (beispielsweise Europa) mit hohen Import-Zöllen ausgebremst. In Trump-eltanien gehen die Uhren ja inzwischen etwas anders. Da solle sich die nationale Autoindustrie nicht mehr mit solchen Nebensächlichkeiten aufhalten, vielleicht bessere Produkte entwickeln zu müssen als die freunedlichen Mitbewerber jenseits des Atlantiks. Aber das ist eine andere Baustelle.

Das Cockpit ist vergleichsweise spartanisch eingerichtet – ohne jedweden elektronischen Schnickschnack. Und: die Fenster lassen sich sogar noch mit der Hand hoch- und runterkurbeln.

„Porsche und Mustang fährt ja jeder“
Hin und wieder begegnet man einer dieser stattlichen Karossen schon mal auf der Gasse. General Motors hat schließlich Zigtausende davon von den Fließbändern in Kentucky rollen lassen. Sie fanden auch den Weg nach Deutschland. Im Land des germanischen Michels dürften zur Zeit noch etwa 3.000 der älteren C1-bis C3-Varianten über den Asphalt schnurren. Wo sie, wie unlängst auf dem Hirzenhainer Sonderlandeplatz geschehen, aber in solch massierter Form auftreten, ist ihnen die ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums sicher. Und das gilt nicht nur für Motorsport-affine Getriebe-Freaks. Der Flugbetrieb war plötzlich total uninteressant. Am Tag zuvor hatte die stolze Armada bereits auf Burg Greifenstein Station gemacht und dem alten Gemäuer vorrübergehend den Sightseeing-Rang abgelaufen.

Die Besitzer dieser außergewöhnlichen Kraftfahrzeuge („Porsche und Mustang fährt ja jeder“) haben sich gesucht und im deutschen Corvette-Forum gefunden. Diese Community organisiert regelmäßig Treffen, Ausflugsfahrten, Benzin-Talks und Bastler-Konferenzen. Die jüngste und als „Operation Südsauerland“ deklarierte Unternehmung führte die Asphalt- und Kopfsteinpflasterpiloten durch das geografische Spannungsfeld des Dreiländerecks Rheinland-Pfalz, NRW und Hessen. Es war bereits die sechste ihrer Art in Folge, bestens organisiert von dem Ewersbacher Volker Krau.

Der kleine Unterschied: Bereits an der Schreibweise erkennt der Eingeweihte, dass es sich bei diesem Exemplar um einen Corvette der C2-Reihe handelt, gebaut zwischen 1962 und 1967. Spätere Versionen hießen „Stingray“.

Aufgalopp mit 6.000 wiehernden Pferden
Ihr Feldlager aufgeschlagen hatten die Teilnehmer, die aus ganz Deutschland und dem benachbarten europäischen Ausland angereist waren, in Bad Laasphe. Die kleinstädtische Perle Wittgensteins war Ausgangs- und Zielpunkt entspannter Abstecher in und durch eine landschaftlich reizvolle Umgebung abseits der Hauptverkehrsstrecken. Die Tour führte durch Orte, von deren Existenz die meisten zuvor noch nie etwas gehört haben dürften. Die geballte Power unter den Motorhauben addiert, waren in Summe 6.000 Pferdchen auf teils holprigen Pfaden unterwegs. In Gestalt von Cabrios, Coupés, Roadstern und Limousinen .

Nach dem Durst seines Rosses gefragt, nuschelte der freundliche Mittfünfziger etwas, das sich mit etwas gutem Willen als „10“ interpretieren lassen konnte. Also zehn Liter. Meinte er auch. Zehn Liter. Auf 50 Kilometer. Klingt doch gleich viel besser als 20 auf 100. Irgendwo muss die unbändige Kraft ja herkommen. Gut, ein Trabi verbraucht weniger. Ist aber auch nicht ganz so schnell. Obwohl: Die Rennpappe aus Zwickau bestand ja ebenfalls aus Plastik. Wie die Karosserie des (oder halt der) „Corvette“. „Glasfaserverstärkter Kunststoff“ klingt allerdings eleganter als Leukoplast. Aber dafür sind die Dinger auch deutlich leichter als sie aussehen.

Windkraft trifft auf Pferdestärken.

Lieber Originale als koreanische Ferraris
Die Fabrikate der neusten Corvette-Generation sind (natürlich) mit allen elektronischen Helferlein ausgestattet, die man sich nur denken kann- oder auch nicht. Zumal: Dem sportlichen Cruiser der Moderne ist es schließlich nicht mehr zuzumuten, die Seitenfenster mit der Handkurbel zu öffnen, oder beim Rückwärtsrangieren nach hinten zu schauen, statt auf den Monitor, auf den die Heckkamera das Geschehen in Echtzeit überträgt. Diese Autos werden seit 2005 auch nicht mehr unter dem Markennamen „Chevrolet“ vertickt, sondern schlicht als „Corvette“. Weil: Sie sind „made in Korea“, zusammengeschraubt von Daewoo. Und sie sehen inzwischen aus wie Ferraris.

Deshalb stehen die Liebhaber eher auf die älteren Semester, die Originale. Hier ist noch alles „analog“ und nicht digital. Die frühen C-Muster waren eher minimalistisch ausgelegt. Elektronik? Fehlanzeige. Da lief das meiste über Druckluft. Wird zum Beispiel auch benötigt, um die für die Corvettes so typischen Scheinwerferklappen zu öffnen oder die Scheibenwischer aus ihrem Versteck zu holen.

Farbenprächtige „U-Boot-Jäger“ am Rande des Segelflugfeldes. Der Namen der amerikanischen Kunststoffboliden ist maritimen Ursprungs und leitet sich von „Korvette“ ab. Korvetten sind kleine und wendige Kriegsschiffe, wie sie auch zum Aufspüren und Bekämpfen feindlicher „Submarines“ eingesetzt werden.

Nix für doppelte Linkshänder
Doppelte Linkshänder sind unter den Haltern solcher Klassiker klar im Nachteil. Zwar hilft bei kleineren Alltäglichkeiten auch die Kfz-Werkstatt um die Ecke weiter, aber in der Regel müssen sich die Leute selbst helfen. Es war schon immer etwas aufwändiger, einen besonderen Geschmack zu haben. Insofern kann etwas Geschick, Fingerspitzengefühl und technisches Verständnis nix schaden. Ersatzteile gibt es zwar auch nicht gerade von der Stange, solche zu beschaffen (oder sich selbst herzustellen) ist auch kein unlösbares Problem. Und bevor das Wägelchen nach der Ausfahrt in der schützenden Garage landet, ist erst einmal Körperpflege angesagt. Da sind die Besitzer recht eigen und penibel. Ungeputzt kommen die edlen Teile nicht ins Haus. Deshalb kann man auch von ihren Vergasertöpfen essen.

Die Bezeichnung „Corvette“ hat übrigens maritime Wurzeln. Bei einer Korvette handelt es sich, die Seebären wissen das, um ein kleines wendiges Kriegsschiff, das auch zur Jagd auf U-Boote eingesetzt wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass den Fahrern ein solches auf deutschen Straßen begegnet, ist eher gering einzuschätzen. Zumal derzeit ja auch kein einziges „Submarine“ der Bundesmarine einsatzfähig ist.

Stech druff! Kampfpanzer und Bass-Gitarren
Und da gab es noch die Zusatzbezeichnung „Sting Ray“ oder „Stingray. Sie tauchte erstmals bei den C2-Typen auf und galt in abgewandelter Schreibweise auch für späteren C3er. Wörtlich übersetzt bedeutet der Name „Stechrochen“. Daher kommt auch die unter Corvette-Piloten gebräuchliche Abschiedsformel: „Stech druff!“. Stingray heißen bzw. hießen ferner auch ein leichter Kampfpanzer der Amikaner, ein Experimentalflugzeug und ein Torpedo der Royal Navy. Die Viersaitige von Gordon Matthew Thomas Sumner war ebenfalls eine „StingRay“. Deshalb nannte sich der Bassist von „The Police“ auch „Sting“. Allerdings ist der Sound, den die vierrädrigen Rochen produzieren, deutlich kräftiger als der vokale Output des britischen Musikers. Der gilt ja als Erfinder des Froschgesangs. Musikwissenschaftler nennen das den „Kermit-Bariton“. Wieder was gelernt…

Fotos: Foto: Jürgen Heimann

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