Burbach – Fly & Drive: Feuchte Geriatrie-Träume

(wS/red) Burbach 04.01.2018 | Ein Bericht von  Jürgen Heimann | Fly & Drive: Feuchte Geriatrie-Träume aus Plastik und Sperrholz

Wenn ich’s mir aussuchen dürfte, ich würde natürlich das Flugzeug nehmen. Nicht nur deshalb, weil ich auf ältere Damen stehe. Selbst dann, wenn sie, wie in diesem Fall, einen männlichen Namen tragen: Günter. Aber das ist wieder eine andere Geschichte. Andererseits: Die beiden straßengestützten Boliden sind auch nicht zu verachten, haben allerdings ein paar Jährchen weniger auf dem Chassis als der pittoreske Tiefdecker auf seinen Holmen. Dem sieht man seine 77 Lenze jedenfalls nicht an. Hat sich gut gehalten. Dafür haben die vierrädrigen Leukoplast-Boliden aber (deutlich) mehr PS. Plastik-Bomber klinkt jetzt etwas despektierlich. Aber letztendlich läuft eine Glasfaserverstärkte Kunstharzkarosserie genau darauf hinaus. Während man bei der mit Stoff bespannten himmlischen Oma noch auf (Sperr-)Holz klopft.

Was die drei malerischen Exponate außer dem nachgewiesenen Seltenheitswert noch gemeinsam haben: Mit deren Erwerb haben sich ihre Besitzer einen Lebenstraum erfüllt. Und: Sie sehen geil aus. Also die Autos und das Flugzeug. Jedes für sich genommen, aber erst recht in dieser Konstellation. Die Motorsport-Fotografin Elfi Jung aus Wilnsdorf hat den flotten Dreier in Szene gesetzt – auf dem Siegerlandflughafen. Dort, wo die Sterntakt’ler zu Hause sind. Die Jungs, die ebenfalls auf reifere Semester abfahren bzw. fliegen. ´
Davon zeugt ihr „Fuhrpark“: Drei Bücker „Jungmann“, der älteste noch flugfähige „Stieglitz“ (Fw 44) der Welt und eine Jodel D140c „Mousquetaire“. Bis auf letztere alles Doppeldecker. Von diversen, noch auf ihre Reanimation wartenden „Bausätzen“ ganz zu schweigen. Irgendwann werden sich all diese Einzelteile zu einem Ganzen zusammengefügt haben. Oder mehreren.

Da klemmt nix! Günters lange Reise

Und seit neuestem glänzt eben auch eine Klemm Kl-35D im fliegenden Altersheim auf der Lipper Höhe. Eine von weltweit nur noch drei existierenden Mustern in dieser Einbeinfahrwerk-Version. Und da klemmt nix.
Die hochbetagte Dame hatten Friedrich Diehl und Thomas Holz in Schweden angebaggert, um sie dann im Rahmen eines dreitägigen und 1.100 Kilometer langen Parforceritts zurück in ihre angestammte Heimat zu holen:

Klemm 35, Baujahr 1941, Stockholm-Siegerland from SternTakt on Vimeo.

Das war das Ende einer langen, bewegten Odyssee. Zuletzt in Privathand, hatte der taffe Vogel zuvor der schwedischen Luftwaffe bis Ende der 40-er Jahre als Trainer in der Pilotenausbildung gedient. Der Namensgeber des Brummers, Hanns Klemm, zählte zu den bekanntesten deutschen Flugzeugkonstrukteuren des vergangenen Jahrhunderts.

Ästhetischer Brückenschlag

Die kreative Lichtbildnerin aus dem Kreis Siegen-Wittgenstein hat nun zusammengeführt, was auf den ersten Blick eigentlich nicht zusammen passt. Denn: Entweder wir fahren, oder wir fliegen. Dazwischen liegen Welten. An diesem Punkt kommt jedoch die Ästhetik als verbindendes Element ins Spiel. Und die ist bei beiden Seiten werksseitig. Wer jetzt wem bei besagter Fotosession die Schau gestohlen hatte, ist noch immer nicht entschieden. Zumal es sich bei den beiden sportiven Asphaltschlitten auch nicht gerade um B-Ware gehandelt hat. Im Gegenteil: Sie repräsentier(t)en Vergangenheit und Zukunft eines wahrgewordenen amerikanischen Autotraums, dem von der „Corvette“.
Seit 1953 beglückt General Motors mit dieser Reihe Motorsport-affine PS-Freaks weltweit. Der Erstling, der C1, kam 1953 auf die Welt und wurde bis 1962 gebaut. Am anderen, vorläufigen Ende der Produktkette stand bzw. steht der C7. Diese Version ist die vorläufig letzte ihrer Art. Seitdem ist den Ingenieuren und Designern in Bowling Green/Kentucky nichts Neues mehr eingefallen. Sie brüten aber angeblich emsig über ihrem nächsten Ei – dem C8. Schaun ´mer mal.

Bis dahin müssen es Modifikationen und Updates der aktuellen Serie tun. Der „Z06“ ist so eines. Vor allem in der Hochleistungs-Performance-Variante, die vergangenes Jahr anlässlich des Jubiläums „65 Jahre Corvette“ als „Limited Edition“ herauskam. Mehr als 125 Exemplare dürften es aber kaum sein, die mit waffenschein-pflichtigen 650 PS durch Europa rollen – über Rennstrecken ebenso wie über zivile Autobahnen. Weltweit sind es 650.
Ihr Pflegeaufwand ist relativ gering – im Gegensatz zu dem, den die Vertreter der ersten Generation beanspruchen. Beim C1 muss der ambitionierte Eigner schon einiges an Zeit und finanziellem Aufwand investieren, damit sein Schätzchen flott bleibt. Man(n) gönnt sich ja sonst nix.

Viele Stunden in der Maske

Erheblich darüber liegen die Anstrengungen, derer es bedarf, einen fliegenden Oldtimer bei Laune zu halten. Hier beträgt das Verhältnis zwischen Nutzen und Aufwand 1:15. Eine Stunde Luftspaß, 15 Stunden Wartung. Die meiste Zeit schrauben passionierte Klassik-Piloteure an ihrem Equipment herum, statt selbiges zu bewegen. Ist bei den Menschen ja so ähnlich. Insbesondere bei den Damen. Die Vorbereitungen bis zur Ausgehreife dauern mit fortschreitendem Alter ja auch immer länger. Deshalb gilt Kosmetik auch als Kunst, aus der Not eine Jugend zu machen…

Fly & Drive: Links ein C7 in der „Z06“-Version, rechts der Urahne der Corvett-Familie, ein „C1“ aus dem Jahre 1962. Die schicke Klemm-35 dahinter hat allerdings ein paar Jährchen mehr auf den Holmen, dafür aber deutlich weniger PS. Foto: Elfi Jung

Damenwahl: Ich nehme dann die linke… Foto Elfi Jung

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