Uni Siegen – Mittwochsakademie eröffnet – Vom Zuhören hin zum Abhören

(wS/red) Siegen 26.04.2019 | Mittwochsakademie der Universität Siegen eröffnet. Rahmenthema: „Medizin in Stadt und Land“.

Mit dem Themenschwerpunkt „Medizin in Stadt und Land“ ist die Mittwochsakademie der Universität Siegen ins Sommersemester gestartet. Zur gesunden Stadt, so Prof. Dr. Stephan Habscheid als wissenschaftliche Leitung, gehörten auch die gesunde Region sowie eine Vernetzung der Institutionen medizinischer Versorgung sowie die Universität. Die Vorträge lägen daher im Bereich der Schnittpunkte Region, Gesundheit und Wissenschaft. Dies entspreche dem Transferkonzept der Universität Siegen, die Region als Experimentierfeld mit Reallaboren zu sehen, um Innovationen zu entwickeln, zu erproben und gegebenenfalls zu etablieren.

Privatdozent Dr. Cornelius Schubert widmet sich dem Thema aus Sicht der Techniksoziologe. Sein Thema lautete „Digitale Gesundheit. Zum Verhältnis von Technik und Heilung“. Schubert: „Es geht darum, wie Technik die Gesellschaft formt und wie Gesellschaft Einfluss auf die Technik nimmt.“ Schubert stellte in seinem historischen Rückblick die Profession des Arztes in seiner Fähigkeit des Zuhörens und Abhörens vor. Im 18. Jahrhundert war es gang und gäbe, dass Ärzte ihre PatientInnen daheim besuchten und ihnen zwecks Diagnose vor allem zuhörten. Der Arzt ging also zu den PatientInnen. Mit Entwicklung des Stethoskops, das im 19. Jahrhundert nicht zuletzt aus Sittlichkeitsgründen erfunden und genutzt wurde, wandelte sich das Zuhören des Arztes hin zum Abhören des Körperinneren. Schubert: „Um Erfahrung mit dem Stethoskop und dessen Nutzung zu sammeln, bedurfte es einer größeren Anzahl von PatientInnen. Diese waren anfangs nur in den Krankenhäusern der größeren Städte zu finden.“ Die PatientInnen gingen also zum Arzt. Die großen Städte verfügten zumeist über Universitäten mit Medizinerausbildung. Um das medizinische Gerät nutzen zu können, waren das notwendige Gespür, das subjektiv ist, sowie Praxiserfahrung vonnöten. Das Stethoskop verbreitete sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts, traf aber auch auf Vorbehalte. Erst mit dem Thermometer gab es erste objektive Diagnosetechniken.

Seit dem Jahr 2000 schreitet die technische Entwicklung in der Medizin rasant voran. Es gebe eine Konvergenz von Medizin und Medientechnologie in Gestalt „kleiner mobiler Begleiter“. Dabei stelle sich auch die Frage, was mit dem „digitalen Körperwissen“ passiere. In der Professionalisierung digitaler Gesundheitsdaten sah der Referent Potenzial zur Verbesserung der medizinischen Versorgung vor allem im ländlichen Raum. Die Professionalisierung beispielsweise durch Plattformen und Vernetzung diene vor allem dazu, ÄrztInnen Wissen über den Patientenkörper bereit zu stellen. Die Popularisierung ermögliche die Anwendung technischer Geräte auch daheim und führe zu einer Ermächtigung der Patientinnen und Patienten, die Daten selbst erheben und nutzen könnten. Die Pluralisierung der beteiligten Akteure (etwa Google, Apple, IBM) könne zu (Eigen-) Diagnosen beitragen, aber dem Wissen eines fachkundigen Arztes nicht standhalten. Die Entwicklungstrends seien nicht einheitlich und erzeugten Spannungen: „Deshalb sind sie für Soziologen interessant“. Die Digitalisierung, so Schubert, suggeriere umfassende Infoflüsse und exakte Daten: „Wir wissen aber, dass diese Daten oft brüchig sind und interpretiert werden müssen.“

Prof. Dr. Rainer Brück, Inhaber des Lehrstuhls für Medizinische Informatik und Mikrosystementwurf, referierte zum Thema „Digitale Gesundheit für Stadt und Land: Chancen durch IT und Sensorik“. Die Wegstrecken zu medizinischen Versorgungszentren sind auch in Deutschland ungleich lang, legte Brück dar. Smart Cities ermöglichten bereits vieles: ein Vogelhaus, das nur dann freies WiFi anbietet, wenn die Luftqualität gut ist, Straßenlaternen mit integrierten E-Auto-Ladestationen und mehr. Brück: „In urbanen Zentren gibt es viele clevere Ideen, um Digitalisierung mit einem Mehrwert zu verbinden.“ Da stelle sich die Frage, ob es auch Smart Health, oder eine Digitale Medizin gebe.

IT-Systeme und mobile Technik würden mittlerweile in allen Versorgungsbereichen von Vorsorge bis hin zur Pflege genutzt. Dies biete Chancen für Effizienzsteigerung, Kostenreduktion, Versorgungsoptimierung und Therapieinnovation. Die Digitale Medizin nutze Technologie sowohl zur Kommunikation zwischen Playern und Geräten als auch für technische Innovation. Dabei sei zu bedenken, dass Technologie auch immer emotions- und angstbeladen sei. Brück machte anhand von Forschungsbeiträgen aus Siegen klar: „Digitalisierung kann helfen.“ Telemedizin sei mehr als Videosprechstunde. Als Beispiel nannte er eine App-Entwicklung für Mobiltelefone in Kooperation mit dem Institut für klinische Immunologie des Marienkrankenhauses. Das Institut zählt deutschlandweit über 1000 Patientinnen und Patienten. Arzt und Patient könnten über die App in Kontakt bleiben. Stay-in-touch ermögliche Telemedizin im Smartphone-Format, kontinuierliche Tele-Sprechstunde sowie Behandlungsplanung und –Überwachung. Die virtuelle Welt durch eine 3-D-Brille gesehen, ermögliche neue Therapieformen zum Beispiel bei Raucherentwöhnung. Die Effektsteigerung basiere auf dem Leben im virtuellen Raum. Auch zur Qualifikation von Medizinstudierenden diene eine virtuelle Brille. Sie ermögliche das praxisnahe Einüben schwieriger Handhabungen wie der Handsterilisation.

Umrahmt wurde die Semestereröffnung vom Bamasi-Trio (Bastian Schmidt, Simon Gelhausen, Matthias Siembab). Beim Gewinnspiel der Mittwochsakademie gewann Taghi Memarian einen Gutschein für ein gebührenfreies Sommersemester.

Die Veranstaltungen der Mittwochsakademie in Siegen und Olpe beginnen am 8. Mai. Neben den insgesamt 17 Veranstaltungen der Mittwochsakademie sind bestimmte reguläre Hochschul-veranstaltungen für Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Mittwochsakademie geöffnet.

Das Programm ist einzusehen unter www.uni-siegen.de/wissensstadt


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