Das Leinenmuseum in Haigerseelbach öffnet wieder

(wS/hai) Haiger-Seelbach 24.05.2022 | Der Umzug in die eigenen vier Wände steht bevor, und alle Sachen werden gepackt. Für solch einen großen Schritt bereitet sich manch eine/r schon früh vor – in einer sogenannten Aussteuerkiste werden Utensilien für den eigenen Haushalt gesammelt. Immerhin kommen noch genug Investitionen. Was einem heute den Tapetenwechsel ein wenig erleichtern soll, war gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine fest etablierte Tradition in einer solchen Kiste – wie sie auch im Leinenmuseum in Haigerseelbach zu bestaunen ist – befand sich oft das ganze „Hab und Gut“ der Menschen.

Mehr besaßen sie nicht, weil die Landwirtschaft oft nur das Überleben sicherte. Eine originale Aussteuertruhe, wie sie einst die Bräute in ihre Ehe mitbrachten, ist im Leinen- und Spitzenmuseum in Haigerseelbach ausgestellt. Das Museum in Haigerseelbach öffnet am 5. Juni von 14 bis 17 Uhr wieder seine Tür im alten Rathaus in  Haigerseelbach.

Bemerkenswert ist der kleine Wortunterschied, dass es sich um eine „große“ Aussteuertruhe handelte und nicht um eine „kleine“. Aus massivem Holz waren die Truhen, die im 19. Jahrhundert die jungen Mädchen mit in ihre Ehe nahmen. Die Dame zog üblicherweise nach ihrer Heirat in den Haushalt des Bräutigams ein.

Eine solche Truhe hatte also nur die Frau. „Gefüllt war sie mit ihrer selbst hergestellten Wäsche, zum Beispiel erstes und letztes Hemd (Taufkleid und Totenhemd), Tischdecken, Bettwäsche und wichtigen Unterlagen. Die Truhe diente nicht nur als Transportmittel, sondern auch zur Aufbewahrung“, erklärt Ute Schimmel, Leiterin des Haigerseelbacher Leinenmuseums. In der Regel waren die Besitztümer im Vergleich zu heute vergleichsweise gering. Zwei bis drei langlebige Hemden und Röcke reichten, um beim wöchentlichem Waschrhythmus stets trockene und saubere Kleidung zu haben. Wer zudem Wertsachen transportieren musste, konnte diese in einem gesonderten Fach in der Truhe verstauen – in der sogenannten „Geldlade“. Mägden dienten die Truhen zudem als Transportkisten für ihre Werksachen, die sie für die Verrichtung ihrer Arbeiten auf dem Bauernhof benötigten. Aufgrund der Größe und Schwere der Truhen war ein Transport jedoch ohne die zusätzliche Hilfe eines Knechts oder Freundes nicht möglich.

Ein Stück Geschichte

Die Aussteuerkiste im Leinenmuseum stammt aus der Familie des Besitzers der alten Haigerseelbacher Mühle, dessen Frau aus Rodenbach stammte und die Truhe mitbrachte. Edeltraud Janzweert, Initiatorin und einstige Museumsleiterin, hatte die Truhe erworben. Heute dient sie als perfekter Stauraum für die Leinentücher des Museums und kann in der Leinenabteilung bestaunt werden. Und wer schon dabei ist, sich Exponate von Haigerseelbach anzuschauen, der kann auch direkt einen Blick auf die alte Uhr links neben der Truhe werfen, die ebenfalls aus der alten Mühle stammt.

Foto: Aussteuertruhe Lea Siebelist/Stadt Haiger

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