Eine Quelle sprudelt unter der Nikolaikirche

(wS/red) Hilchenbach 19.06.2016Heute erreichte die wirSiegen.de-Redaktion erneut ein sehr schöner Beitrag des Dahlbrucher Heimatforschers Heinz Bensberg. Diesen Bericht wollen wir unseren Lesern nicht vorenthalten…

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Eine Quelle sprudelt unter der Nikolaikirche

Die Siegener Nikolaikirche ist wegen ihrem sechseckigen Grundriss, den sie ursprünglich unverschleiert zeigte, eine architektonische Seltenheit. Wir haben zwar in Deutschland Kirchen, die einen acht- oder zwölfeckigen Grundriss haben, aber nirgendwo gibt es noch eine mit einem sechseckigen Grundriss die so Hexagon gebaut wurde wie die Nikolaikirche. So soll die Nikolaikirche das einzige europäische Hallenhexagon nördlich der Alpen sein. Wegen der Hanglage ist es vermutlich zu diesem seltenen Grundriss gekommen, denn diese empfiehlt einen Bau in die Breite.

Der Baubeginn war in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Es war nach der Martinikirche der zweite Kirchbau in Siegen. Zuerst war sie wohl nur eine zusätzliche Kapelle sowie eine Taufkirche für den Nassauischen Adel. In unmittelbarer Nähe war der Markt, wo Handelsniederlassungen und Kaufleute zu Hause waren. Da diese seinerzeit schon mächtig Einfluss hatten, wurde die Kirche auf ihren Schutzpatron den Hl. Niklaus geweiht. Der Bau ist nicht wie üblich nach Osten ausgerichtet. Er liegt genau auf der Achse zwischen dem Schloss auf der Siegbergkuppe und der Martinikirche.

Die Nikolaikirche mit dem Häuserblock ,,Klubb'' um 1850. Es ist ein Aquarell von  Wilhelm Scheiner

Die Nikolaikirche mit dem Häuserblock ,,Klubb“ um 1850 (Aquarell von Wilhelm Scheiner)

Eine Schule fand sich seit dem 14. Jahrhundert in der Nikolaikirche. Unter dem Kirchendach waren Anno 1607 fünf Klassenräume von einer Knabenlateinschule belegt. Die Räume lagen über den Gewölben des Kirchenschiffes und waren über einen 72 stufigen Treppenturm erreichbar. Das Satteldach der Kirche wurde wegen der Schule mit mehreren Dachgauben und einem Reiter für die Schulglocke versehen. Bis ins Jahr 1817 bestand hier die Lateinschule. Aus ihr ging das heutige Gymnasium am Löhrtor hervor. Treppenturm, Gauben und Dachreiter wurden nach dem Auszug der Schule wieder entfernt.

Der Bau des 53 Meter hohen Kirchturmes hatte die Stadt finanziell sehr belastet. Durch Steuern auf Bier und Wein sowie auf landwirtschaftliche Erzeugnisse und Spenden wurde die Finanzierung gesichert. Die Bruchsteine für den Turm wurden in Siegen am Ziegenberg gebrochen. Die Steine für die Fenstereinfassungen kamen aus Marburg. Im Jahre 1463 wurde der Turmhelm errichtet und auf die Spitze des Turmes wurde ein vergoldetes Kruzifix gesetzt. In diesem Jahr wurde auch die heute noch vorhandene Stundenglocke gegossen und die erste Uhr in den Turm gesetzt. Unmittelbar unter dem Helm erhielt der Turm 1537 ein Wächterhaus und einen Rundumgang, von wo aus die Stadt wunderbar zu beobachten war. Ein Kamin auf dem Helm, den man auf alten Bildern noch sehen kann, war Zeuge dieser Wächterwohnung. Erst am 1. Oktober 1855 wurde die Turmwache auf der Nikolai abgeschafft.

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Der Turm der Siegener Nikolaikirche (Archivbild: Kay-Helge Hercher)

Die Nikolaikirche ist seit der Reformation ein ev. Gotteshaus. Evangelisch reformierte Pfarrkirche von Siegen wurde sie 1580. Bis 1630 war in dieser Kirche die Familiengruft des Hauses Nassau-Siegen. Danach erfolgten die Umbettungen und die Beisetzungen in die Fürstengruft im unteren Schloss zu Siegen. Das Innere der Kirche hatte zu jener Zeit einen gewaltigen Eindruck gemacht. Wenn man im Inneren stand, ging der Blick automatisch an den mächtigen Pfeilern empor zu den Gewölben. Wände und Gewölbe waren seinerzeit bemalt. Reste hiervon und zwar Darstellungen des Leidensweges und die Kreuzigung Christi, das Verhör von Pilatus und die Stadt Jerusalem waren bis in unsere Zeit noch vorhanden. Die beiden Nebenaltare links und rechts wurden hell beleuchtet. Durch diese Lichtflut etwas verschleiert und so besonders geheimnisvoll und feierlich wirkende, der um einige Stufen erhöhte, Hauptchor.

Wenn wir uns in jene Zeit zurückversetzen, müssen wir Achtung und Ehrfurcht vor der Gestaltungskraft und dem Kunstsinn unserer Ahnen haben. Weniger erfreut können wir aus künstlerischer Sicht sein, was im Jahre 1658, durch Fürst Johann Moritz, im Innenraum der Nikolaikirche geschah. Um Platz zu schaffen, wurden überall im Schiff und Chor bis dicht unter die Gewölbe reichende hölzerne Emporen eingebaut. Die, bei diesem Einbau, hinderlichen Pfeiler wurden abgeschlagen die Bogen verstümmelt und die Fenster zum Teil vergrößert. Auch die uralte Malerei wurde zum Teil übertüncht und zwei hölzerne Treppenhäuser innen eingebaut. Als Vorbild dieser Änderung waren die reformierten Kirchen in den Niederlanden und Frankreich. Die Raumschönheit musste leider den Raumbedürfnissen weichen. So büßten viele mittelalterliche Kirchen im 17. und 18. Jahrhundert ihre innere Schönheit durch Einbau von Emporen ein.

Luftaufnahme von der Oberstadt Siegen mit der Nikolaikirche im Mittelpunkt (Foto: Heinz Gieger)

Luftaufnahme von der Oberstadt Siegen mit der Nikolaikirche im Mittelpunkt (Foto: Heinz Gieger)

Als Dank für die Erhebung in den Reichsfürstenstand ließ Fürst Johann Moritz am 17. August 1658 eine vergoldete Krone, von 2,35 Meter Durchmesser, auf die Turmspitze der Nikolai setzen. Das Krönchen, wie es im Volksmund später genannt wurde, ist heute das Wahrzeichen der Stadt Siegen. Unterhalb ist eine Windrose und über der Krone ein 3,5 Meter langer Windpfeil. Für das Aussehen vorteilhaft war auch, dass die Krämerbuden die sich außen anlehnten, befestigt wurden. Alle Erneuerungsarbeiten so auch der einzigartige aus Eisenplatten bestehende Fußboden wurden zum Teil vom Fürsten Johann Moritz beglichen.

Die schlimmen Veränderungen gingen in den Folgejahren immer weiter. Auch ein Fürstenstuhl, es war eine erhöhte abgetrennte Sitzgelegenheit für die Fürstenfamilie, die über dem Altar im Chor lag, wurde errichtet. Schließlich verlor man gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Freude an dem verunzierten und doch so ehrwürdigem Gotteshaus. Chronisten berichtigten sogar, dass man an den Abbruch dieser historischen Kirche gedacht hätte. Durch die gewaltigen Renovierungen in den Jahren 1903 bis 1905, die wie eine Erneuerung wirkte, bekamen die Siegener wieder Freude an ihrer alten Stadtkirche. Erwähnenswert ist noch, dass unter dem nördlichen Seitenchor eine Quelle sprudelt. Vermutlich ist es die Quelle des Donzenbachs. Denn woher gäbe es sonst in der Oberstadt eine Donzenbachstraße? Es wird wohl immer verborgen bleiben ob die Quelle auch genutzt wurde, um Taufwasser aus ihr zu schöpfen.

Sechs Glocken sind im Turm der Nikolaikirche, von denen fünf aus dem Mittelalter stammen. Solch ein Bestand ist in NRW nur noch im Herdorfer Münster zu finden. Für die Stundenglocke, die 1463 gegossen wurde, soll man in der Stadt Metall, somit Töpfe und Schüsseln, gesammelt haben. Die Glöckner schliefen im 15. Jahrhundert nachts noch in der Küsterei der Nikolai um die Glocken jederzeit läuten zu können. Sie waren nicht nur für das liturgische Läuten verantwortlich, sondern mussten auch die Glocken bei drohender Gefahr läuten. Die Marienglocke berichtete mit ihrer Inschrift von der Nebenaufgabe als Notglocke. ,,Man soll mich läuten in Gottes Ehre und in der Not der Bürger.‘‘ Die Jung Stilling Glocke ist die jüngste. Sie kam 1947 in den Turm und ersetzte die Abendglocke aus dem Jahre 1408. Sie hatte einen Sprung, konnte aber 1993 repariert werden und läutet seitdem wieder. Bevor 1905 das elektrische Läutewerk eingebaut wurde, hatte man die Glocken der Nikolaikirche schon über 600 Jahre manuell geläutet.

Als am 16. Dezember 1944 Siegen von den Alliierten Streitkräften in Schutt und Asche gelegt wurde, wurde auch die Nikolaikirche bis auf den Kirchturm fast vollständig zerstört und brannte bis auf die Grundmauern nieder. Ein übergreifen des Feuers auf den Turm mit dem historischen Glockenstuhl wurde durch eine kurz zuvor eingebaute Brandschutztür verhindert. Der Wiederaufbau der Nikolaikirche so wie sie heute ist dauerte genau 10 Jahre. Denn am 16. 12. 1954 wurde sie von der Gemeinde wieder feierlich übernommen. Eine Altarbibel ist Zeuge für diesen Tag mit Widmung und Unterschrift des damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss.

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