Experten plädieren für geregelten Umgang mit virtuellen Spielwelten

wS/ksw    Siegen Wittgenstein   –   Schroffe Berge, speiende Vulkane, fließende Lavaströme, phantastische (Pixel)Landschaften. Gut gegen Böse, Spielfiguren, die man aus einem umfangreichen Fundus heraus selbst kreiert, mit denen man sich immer mehr identifiziert, die sich in feindlicher Umgebung gegen andere Fabelwesen wie Magier, Jäger oder Kämpfer bewähren müssen und mit zunehmender Spieldauer immer besser, immer stärker, immer unverwundbarer werden, einen immer höheren „Level“ erreichen. Die Figur verschmilzt immer stärker mit der Identität des Spielers…

Online-Spiele, wie etwa das weltweit meistgespielte „World of Warcraft“, üben mit ihren phantastischen Welten eine riesige Faszination auf die überwiegend jungen Nutzer aus. Vielen Eltern ist diese Welt äußerst fremd und sie versuchen erst gar nicht zu verstehen, was ihre Kindern an diesen Spielen so fasziniert.

„Sollten Sie aber“ – war einhellige Meinung der Fachleute auf einer Tagung zu Online-Spielen, die der Fachservice Gesundheit und Verbraucherschutz des Kreises Siegen-Wittgenstein jetzt organisiert hatte. Teilnehmer waren regionale Fachkräfte aus der Schul- und Erziehungsberatung, den örtlichen Suchtberatungsstellen sowie Schulsozialarbeiter und Mitarbeiter der offenen Jugendarbeit. Die Erfahrung zeigt: auch bei uns wenden sich Menschen mit Onlinespielproblematik sowie Eltern von jungen Nutzern zunehmend an die Beratungsdienste.

Referent der Fachtagung war Andreas Gohlke, der sich seit vielen Jahren mit dem Thema „Neue Medien“ beschäftigt und als Referent bereits für verschiedene Landesverbände und für die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen tätig war. Nach einer theoretischen Einführung  folgte die konkrete Anschauung in Form einer kurzen Wanderung durch die „World of Warcraft“ mit einer Spielfigur, so dass die Teilnehmer einen plastischen Eindruck von den künstlichen Welten bekommen konnten.

Eine Untersuchung des kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen hat ergeben, dass 15-Jährige, die „World of Warcraft“ nutzen, im Schnitt fast vier Stunden täglich in dieser virtuellen Welt leben. Etwa 8,5% der Nutzer gelten laut dieser Studie als akut suchtgefährdet. Das bedeutet: Sie haben die Kontrolle über ihr eigenes Spielverhalten verloren und entwickeln Entzugserscheinungen, wenn sie nicht zum Spielen kommen.

Das Spielen in Gruppen, so genannten „Gilden“, kann die Problematik noch verschärfen, wenn man sich mit mehreren Spielern online verabredet, um Aufgaben anzugehen, die nur gemeinsam in der Gruppe zu bewältigen sind. Eine Organisation des Tagesablaufs um diese Spielzeiten herum, verbunden mit der Vernachlässigung sonstiger Verpflichtungen, ist nicht selten.

Das erklärt dann auch aggressive Reaktionen von Jugendlichen, wenn die elterliche Aufforderung beispielsweise zum Mittagessen zu kommen oder die Schulaufgaben zu erledigen, genau in den alles entscheidenden Moment der Auseinandersetzung mit dem mächtigen virtuellen Gegner fällt.

Dennoch hält Andreas Gohlke nichts von einer pauschalen Verteufelung von Online-Spielen, die weltweit von Millionen Menschen genutzt werden. Dies wäre nicht hilfreich, so der Experte. Vielmehr plädiert er zum Beispiel für eine klare zeitliche Eingrenzung der Spieldauer bei Jugendlichen. Hier sollten Eltern altersgemäß konsequente Grenzen setzen.

Bei Unsicherheiten hierüber oder bei der Frage, ob beim eigenen Kind bereits ein problematisches Spielverhalten vorliegt, können sich Angehörige an die heimischen Beratungsdienste wenden. Auch Betroffene selber, die den Eindruck bekommen, dass ihnen etwas außer Kontrolle gerät, finden hier kompetente Ansprechpartner. Fragen zum Thema beantwortet auch die Fachstelle für Suchtprävention und Koordination des Kreises Siegen-Wittgenstein unter der Telefonnummer 0271 333-2716 oder -2717. Sie kann auch weitere Ansprechpartner vermitteln.

Online-Spieleexperte Andreas Gohlke erklärt an einer Karte die Spielewelt von „World of Warcraft“.