„Heimat²“ zum Theaterjubiläum: 4. Siegener Biennale feierlich eröffnet

(wS/red) Siegen 22.04.2017 | Das Apollo-Theater feiert vom 21. April bis 21. Mai unter dem Motto „Heimat²“ die 4. Siegener Biennale – und gleichzeitig sein eigenes Zehnjähriges.

Am Freitagabend wurde die Biennale im Zelt vor dem Apollo Theater feierlich eröffnet. Magnus Reitschuster, der Intendant des Apollo-Theaters, erläuterte den anwesenden Gästen das Motto der Veranstaltungsreihe „Heimat²“. „Heimat, die ich meine, ist nicht die Behaglichkeit der Kuhweide, sondern ein Ort der verschiedenen Identitäten, der diversen Kulturen, der wiederstreitenden Lebensstile und Anschauungen, die sich im demokratischen Diskurs aushalten und annähern“, so Reitschuster.

Die 4.Siegener Biennale wurde im Zelt vor dem Apollo-Theater feierlich eröffnet. (Fotos: Kay-Helge Hercher / wirSiegen.de)

Eine besondere Rolle spielt bei allen Biennalen die Verleihung der beiden Theaterpreise. Die Sieger der ersten Biennale mit dem Titel „Vom Verlieren“ erhielten Aktien der damals bankrotten Hypo-Real-Estate Bank, die später dank staatlicher Hilfsmaßnahmen im Wert gestiegen waren.

Magnus Reitschuster, der Intendant des Apollo-Theaters

Die zweite Biennale, unter dem Titel „Dran glauben“ vergab auf dem Höhepunkt der Griechenland-Krise griechische Staatsanleihen, die den Preisträgern ebenfalls hohe Wertzuwächse einbrachten.

„Nun, in diesen aus den Fugen geratenen Zeiten, verleihen wir ganz ironiefrei Rucksäcke, die von Geflüchteten aus dem Material der auf der Insel Chios gelandeten Boote gerade für uns hergestellt werden. Natürlich werden diese bis an den Rand gefüllt mit unseren „Heimat für alle“-Herzchen“, so Magnus Reitschuster weiter.

Siegens Bürgermeister Steffen Mues richtete ein Grußwort an die Gäste

Siegens Bürgermeister Steffen Mues wies in seinem Grußwort darauf hin, dass es bei dem Motto der Veranstaltung nicht um Heimat-Tümelei oder Heimat-Seligkeit geht, sondern ums Suchen, Zweifeln aber auch Finden; letztendlich geht es seiner Ansicht nach um die Entscheidung für eine Stadt, für eine Region, für die Menschen an einem „Herzensort“. Es geht ums Ankommen und auch um das engagierte und kritische Anteilnehmen an dem, was vor Ort geschieht, was von der Vergangenheit geprägt ist und bleibt und was im Fluss ist und sich ändert, Stichwort „Siegen – Zu neuen Ufern“.

Die diesjährige Biennale ist die umfangreichste seit der Gründung: 34 Veranstaltungen an 31 Tagen, davon 20 auf der großen Apollo-Bühne und 14 im Zelt. Inhaltlich präsentiert die Biennale laut Reitschuster, abgesehen von Rubens, das Beste an Künstlern und Intellektuellen, das die Stadt Siegen und die Region hervorgebracht hat.

v.l.: Dr. Henrich Schliefenbaum (Vorsitzender des Trägervereins des Apollo-Theaters), Prof. Ralf Schnell (ehemaliger Rektor der Siegener Universität), Magnus Reitschuster (Intendant des Apollo-Theaters), Siegens Bürgermeister Steffen Mues

Im Jahr 2007, als andernorts Theater geschlossen oder zwangsgeschrumpft wurden, ging Siegens Apollo-Neubau an den Start. Inzwischen lockt das Haus statt der prognostizierten 45.000 Besucher pro Spielzeit 90.000-100.000 Besucher an.

Die beiden Standbeine der Siegener Biennale sind identisch mit denen, die das Apollo zu einem Theater neuen Typs machen: Der Spielplan wird geprägt von Gastspielen großer deutscher Theater. Ergänzend dazu gibt es ambitionierte Siegener Eigenproduktionen, aktuell „Große Liebe“ nach dem Roman von Navid Kermani, der in Siegen geboren wurde, dramatisiert von Apollo-Intendant Magnus Reitschuster.

Das vierte Biennale-Programm wird mitgestaltet vom Deutschen Theater Berlin, das schon seit zehn Jahren regelmäßig in Siegen gastiert, dieses Mal mit gleich drei Vorstellungen („Die Glasmenagerie“, „Väter und Söhne“, „Transit“). Ebenso lange mit dem Apollo verbunden sind die Münchner Kammerspiele, die Johan Simons „Ekzem Homo“ zeigen, mit Gerhard Polt im Zentrum. Oliver Reese (noch Intendant in Frankfurt, demnächst Peymann-Nachfolger als neuer Chef des Berliner Ensembles) bringt seine „Terror“-Inszenierung zur Siegener Biennale mit und setzt sich anschließend für eine Diskussion mit dem Bundesverfassungsrichter i.R. Herbert Landau auf die Bühne.

Der Literaturwissenschaftler und frühere Rektor der Universität Siegen, Ralf Schnell, erläuterte Wissenswertes zur „Glasmenagerie“

Das Nationaltheater Mannheim („Brandner Kaspar“) ist ebenso präsent wie das Ensemble vom Berliner Maxim-Gorki-Theater („The Situation“). Regisseur Herbert Fritsch kommt persönlich, um mit der Berliner Volksbühne seine irre „(S)panische Fliege“ zu präsentieren.

Das Thema „Heimat²“ wird durch den Biennale-Preis definiert. Es geht nicht um kuschelige Tümelei, sondern um einen neuen, erweiterten Heimatbegriff: Die beiden besten Inszenierungen werden mit Rucksäcken und Taschen geehrt, die aus Flüchtlingsbooten hergestellt wurden. Aus dem Material also, dem sich heimatlos Gewordene unter Lebensgefahr anvertrauen mussten, um eine neue Heimat zu gewinnen. Das Berliner Projekt mimycri, das mit Flüchtlingen zusammen arbeitet, stellt sie exklusiv aus Gummibooten her, die an Griechenlands Stränden geborgen wurden.

Am 6. Mai – mitten in der Biennale – steht dann der Festakt „10 Jahre Apollo“ auf dem Programm. An dem Tag beherrschen jede Menge frisch gebackener Lebkuchenherzen und Alphornklänge vom südwestfälischen Rothaarsteig die Szenerie.

Fotos: Kay-Helge Hercher / wirSiegen.de
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