Die beste Zeit des Lebens

Seit 25 Jahren gibt es an der Uni Siegen den Lehrstuhl für Materialkunde und Werkstoffprüfung unter Leitung von Prof. Dr. Hans-Jürgen Christ. Zur Jubiläumsfeier kamen Ehemalige aus aller Welt zurück an „ihren“ Lehrstuhl.

(wS/red) Siegen 28.05.2018 | Sie reisten aus China, Indien, Südkorea, Georgien und Costa Rica an – und aus ganz Deutschland. Zum 25jährigen Jubiläum des Lehrstuhls für Materialkunde und Werkstoffprüfung hatten Leiter Prof. Dr. Hans-Jürgen Christ und sein Team sämtliche „Ehemaligen“ an die Universität Siegen eingeladen: Von DoktorandInnen, über technische MitarbeiterInnen bis hin zu Auszubildenden des Lehrstuhls. Mehr als 100 Einladungen wurden versandt, mehr als 90 Prozent der Eingeladenen sagten zu und kamen für ein Wochenende zurück nach Siegen. Neben einem Vortragsnachmittag an der Universität standen ein gemeinsames Abendessen und eine Wanderung zum Kindelsberg auf dem Programm.

Prof. Christ und sein Team erforschen an der Uni Siegen, wie sich Belastungen auf Metalle auswirken – beispielsweise in Eisenbahnrädern oder Flugzeugturbinen. (Fotos: Uni)

„Die Stimmung war entspannt, alte Freunde und Kolleginnen und Kollegen haben sich schnell wiedergefunden“, berichtet Prof. Christ. „Besonders die Doktoranden haben ja teilweise einiges miteinander durchgestanden, das schweißt zusammen.“ In der Rückschau überwogen jedoch bei allen die positiven Erinnerungen an die Zeit am Lehrstuhl. „Es gab viel zu lernen, es war nicht immer einfach – aber es war die beste Zeit meines Lebens“ – das habe er beim Jubiläum von vielen Ehemaligen gehört, freut sich Christ. Die meisten Doktoranden arbeiten mittlerweile in der freien Wirtschaft, einige haben Professuren an Universitäten im In- und Ausland. Im Siegerland geblieben sind die wenigsten, denn Stellen für promovierte Ingenieure seien in der Region eher rar, erklärt Christ, der selbst an der Universität Nürnberg-Erlangen promovierte und habilitierte und seit 1993 Professor an der Uni Siegen ist.

Zum 25jährigen Jubiläum des Lehrstuhls für Materialkunde und Werkstoffprüfung kamen Ehemalige aus aller Welt zurück an die Uni Siegen.

Am Lehrstuhl für Materialkunde und Werkstoffprüfung erforschen Christ und sein Team das Verhalten von Metallen und Legierungen unter komplexen Bedingungen – zum Beispiel, wenn sie in Eisenbahnrädern oder Flugzeugturbinen verbaut sind. Wie wirkt sich die alltägliche Belastung auf das Material aus? Wann führen etwa hohe und wechselnde Temperaturen in Kombination mit einer starken mechanischen Belastung zu Ermüdungserscheinungen? „In unseren Laboren können wir die verschiedensten Szenarien in Versuchen nachbauen. Wir haben außerdem anspruchsvolle Großgeräte, etwa für die Elektronenmikroskopie“, sagt Christ. Regelmäßig geben Industrieunternehmen am Lehrstuhl Versuche in Auftrag. Die Messergebnisse werden von den WissenschaftlerInnen bis auf atomare Dimensionen analysiert und interpretiert.

Auch im Bereich der Schadensanalytik ist die Expertise der Siegener Werkstoffexperten immer wieder gefragt. Im Auftrag von Gerichten müssen dann Gutachten erstellt werden – zum Beispiel, um zu klären, ob ein Fahrradunfall auf Materialschäden zurückzuführen ist. Für seine Arbeit hat Prof. Christ in den vergangenen Jahren zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Seit 2012 ist er Mitglied in der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und Künste, seit 2017 in der Akademie der Technikwissenschaften. Im September 2018 wird er die Heyn-Denkmünze der Deutschen Gesellschaft für Materialkunde für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Materialkunde erhalten.

In den vergangenen 25 Jahren hätten sich die Möglichkeiten in seinem Forschungsbereich enorm weiterentwickelt, sagt Prof. Christ. Neben einer immer präziseren Messtechnik meint er damit auch verbesserte Prüfsysteme: „Bauteile sollen trotz einer hohen zyklischen Beanspruchung möglichst lange halten. Mit neuen Maschinen können wir heute die Ermüdung bei sehr hohen Lastspielzahlen in sinnvollen Zeiträumen experimentell erfassen.“ Solche Maschinen arbeiten mit Prüffrequenzen von bis zu 20.000 Zyklen pro Sekunde. So können innerhalb mehrerer Tage Aussagen darüber getroffen werden, wie lange beispielsweise ein Sensor in einem Auto hält, der ständigen Wackelbewegungen ausgesetzt ist. Im Rahmen eines Schwerpunktprogramms der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) wurden an der Uni Siegen zahlreiche Projekte in diesem Bereich erfolgreich abgeschlossen.

Ein neuer Schwerpunkt am Lehrstuhl für Materialkunde und Werkstoffprüfung ist seit einiger Zeit die Entwicklung neuartiger Werkstoffe. „Die vorhandenen Werkstoffe stoßen bei der Temperaturbelastung an Grenzen. Wir versuchen daher neue Stoffe zu entwickeln, die großen Temperaturunterschieden noch besser standhalten“, erklärt Christ. Eingesetzt werden könnten solche Materialien in Zukunft etwa in Flugzeugtriebwerken. Die Siegener WissenschaftlerInnen arbeiten bei der Werkstoffentwicklung mit KollegInnen des Karlsruher Instituts für Technologie und der TU Braunschweig zusammen.
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