Was können Schulen und Universitäten leisten?

Beim 20. Franz-Böhm-Kolleg der Universität Siegen diskutierten Bildungs-ExpertInnen und PraktikerInnen die Zukunft der Bildung.

(wS/red) Siegen 13.06.2018 | Wie können wir Erziehung und Bildung in Deutschland gestalten? Und was können Schulen und Universitäten leisten? Beim 20. Franz-Böhm-Kolleg der Universität Siegen zum Thema Bildung diskutierten neun Persönlichkeiten, die im deutschen Bildungssystem Erfahrung haben, gemeinsam mit dem Publikum im Siegerländer Haus der Wirtschaft. Der emeritierte Professor Dr. DCom. Bodo Gemper, Organisator der Veranstaltung, moderierte die Diskussionsrunde.

Der emeritierte Professor Dr. DCom. Bodo Gemper, Organisator der Veranstaltung, moderierte die Diskussionsrunde. (Foto: Uni)

„Ein Mensch soll durch Bildung zu einem mündigen und selbstbestimmten Individuum werden. Das ist das Ziel des Humboldt’schen Bildungsideals“, erklärte der in Siegen geborene Prof. Dr. Walter Rosenthal, Präsident der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Aus Rosenthals Sicht steht dieses Bildungsideal inzwischen unter Druck: „Heute besuchen viel mehr junge Menschen die Universitäten“, sagte er. Humboldts Bildungsideal funktioniere aber nur, wenn Universitäten weniger Studierende hätten. Zusätzlich hätten sich die Anforderungen an die Bildung über die Zeit verändert: „Heute kann niemand mehr einen gesamten Studienbereich erfassen, wie es noch zu Humboldts Zeiten möglich war. Da kann es passieren, dass Sie einem Biologen eine Blume zeigen und wissen wollen, wie sie heißt, aber ihr Gegenüber kann Ihnen diese Frage nicht beantworten. Dafür kann er Ihnen aber unendlich viel über Molekularbiologie erzählen.“

Aber wie lässt sich dieses Bildungsideal mit der Forderung nach einer lebensnahen und praktischen Bildung in Einklang bringen, die zum Beispiel aus der Wirtschaft kommt? „Das sind die zwei Pole, der eine Universität gerecht werden muss“, sagte Rosenthal. Menschen zu selbstdenkenden, mündigen und kritischen Persönlichkeiten zu erziehen, helfe nicht nur den Universitäten, sondern auch der Wirtschaft. „Humboldt ist dabei kein Luxus, wir brauchen ihn in allen Bereichen.“

Schule als Allheilmittel

Die Diskutierenden sahen ein großes Problem in der Überforderung – sowohl der Schulen als auch der Eltern. So berichtete unter anderem Herbert Hoß, Direktor des Städtischen Gymnasiums Kreuztal, er habe manchmal den Eindruck, „dass Eltern denken, ich melde mein Kind an der Schule an und nach acht, neun Jahren liefert die Schule mir dann mein Kind mit Abitur wieder ab“. Gleichzeitig hätte die Politik aber auch zu hohe Erwartungen an die Schulen, wodurch diese überfordert seien. „Die Schule soll jetzt alles heilen. Kinder sind zu dick? Die Schule wird sich schon drum kümmern. Kinder können nicht schwimmen oder Fahrrad fahren? Das muss die Schule ihnen beibringen. Dazu kommen die Mammutaufgaben Integration und Inklusion.“

Die Kernfrage des Franz-Böhm-Kollegs, nämlich wie man Bildung managen sollte, beantwortete der Kanzler der Universität Siegen Ulf Richter: „Ganz einfach: gut! Oder noch besser: besser als gut.“ Er sieht die Aufgaben der Verantwortlichen vor allem darin, dass sie gute Rahmenbedingungen für Bildungsorganisationen schaffen müssten. Dabei sei es wichtig, dass es nicht dem Zufall überlassen bliebe, wer eine Bildungsorganisation manage. „Diese Personen sollten sehr sorgfältig ausgewählt werden.“

Zum Franz Böhm-Kolleg:

Professor Franz Böhm (1895 bis 1977), Jurist, ist Mitbegründer der Freiburger Schule der Nationalökonomie und des Ordo-Liberalismus. Unter seinem Vorsitz konstituierte sich der, „Wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium“. Böhm personifiziert die Einheit des Denkens im gesellschaftlichen Ordnungsgefüge von Rechtsstaat und Sozialer Marktwirtschaft. Die „Franz Böhm-Kollegs“ wurden von Bodo Gemper, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Siegen, begründet. Sie sollen ein Ort des interdisziplinären Gedankenaustauschs und des konstruktiv-kritischen gesellschaftlichen Engagements sein und besonders auch jungen Menschen den Zugang zu sozialem Dialog eröffnen.

Weitere Diskutanten des Abends:

– Daniel L. Ambühl, Präsident des Councils der European Association for Internal Communication und des Schweizerischen Verbandes für interne und integrierte Kommunikation, Bern

– Klaus Gräbener, Hauptgeschäftsführer der IHK Siegen

– Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes a. D., Gymnasialdirektor a. D.

– Nina Patisson, CEO Albrecht Bäumer GmbH & Co. KG

– Walter Sidenstein, Schulamtsdirektor in der Unteren Schulaufsicht für die Kreise Siegen-Wittgenstein und Olpe

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