Neunkirchen: Junge Iranerin unterstützt Team des Familienbades

(wS/red) Neunkirchen 27.08.2019 | Rettungsschwimmerin mit Begeisterung

In dem Land, in dem Mona Zahmatkeshan aufgewachsen ist, gelten die Scharia-Vorschriften: Eine Religionspolizei wacht darüber, dass Männer und Frauen sich dem Koran entsprechend verhalten. Wer eine westliche Zeitschrift oder die DVD eines Hollywoodfilms mit sich führt, muss die Medien abgeben, der Erwerb und Verzehr von Schweinefleisch ist unter Strafe gestellt und wer in der Öffentlichkeit Alkohol trinkt, muss gar damit rechnen ausgepeitscht zu werden. Außerdem gilt sowohl für Frauen als auch für Männer eine Kleiderordnung: Bei Männern ist das Tragen langer Hosen Pflicht, Frauen hingegen müssen ihre Haare unter einem Kopftuch verbergen und ihre Körperkonturen mit einem langen weiten Mantel verhüllen.

Mona Zahmatkeshan stammt aus dem Iran. In der Hauptstadt Teheran ist sie aufgewachsen und zur Schule gegangen. Dass Männer und Frauen, die nicht miteinander verheiratet oder verwandt sind, nicht miteinander reden und auch nicht gemischtgeschlechtlich Sport treiben dürfen, war für sie an der Tagesordnung. Insbesondere als sie später ihren Beruf ausübte: Sie arbeitete als Schwimmlehrerin.

Betriebsleiter Thomas Daub freut sich über die Unterstützung von Mona Zahmatkeshan, die während der Stoßzeiten im Sommer die Badeaufsicht im Familienbad unterstützt.

Dies ist an sich nicht außergewöhnlich. Doch im Iran herrschen völlig andere Sitten, Regeln und Vorgaben. Will eine Frau gemeinsam mit ihrem Mann und ihren Kindern schwimmen gehen, dann ist dies nur mit der entsprechenden Bekleidung möglich. Dies gilt für alle Sportarten, die in der Öffentlichkeit ausgeübt werden. Selbst die Nationalspielerinnen der iranischen Fußballnationalmannschaft müssen mit einem Kopftuch, dem Hijab, spielen. Alternativ gehen sie ihrer Körperertüchtigung in geschlossenen Räumen nach: In den öffentlichen Schwimmbädern im Iran gibt es Zeiten, zu denen nur Frauen und Zeiten zu denen nur Männer schwimmen. So sind die Frauen nicht den Blicken der Männer ausgesetzt sind – und umgekehrt – schwimmt jeder zu seiner Zeit und unter sich.

Auch Mona Zahmatkeshan treibt gern Sport. Mountainbike fahren und Wandern stehen neben dem Schwimmen hoch im Kurs. Als es um die Jobwahl ging, machte sie ihr Hobby zum Beruf. „In der Schulzeit habe ich mich noch für Architektur interessiert und selbst Möbelstücke entworfen“, erzählt die 31-Jährige. Doch die Begeisterung für das Schwimmen war größer.

Sieben Jahre gab Mona Zahmatkeshan Schwimmkurse für Klein und Groß, unterrichtete Kinder und Frauen. Aber auch Wassergymnastik und natürlich die Badeaufsicht im Schwimmbad standen auf dem Programm „Etwa 50 Prozent der Bevölkerung kann schwimmen“, weiß die Iranerin.

Vor zwei Jahren kam die junge Frau mit ihrem Mann und dem inzwischen siebenjährigen Sohn nach Deutschland, fand eine Bleibe in Neunkirchen. Vor Ort wandte sie sich an Hubert Multhaup, den Leiter des Projekts „Flüchtlinge in Arbeit“ im Neunkirchener Rathaus. Er vermittelte Mona Zahmatkeshan an Sandra Wollin, die Bäderbeauftragte für das Familienbad. „Da Rettungsschwimmer immer gesucht werden, haben wir den Kontakt zum DLRG vermittelt und Mona die Möglichkeit gegeben im Familienbad zu schwimmen“, erklärt Sandra Wollin.

Da die Ausbildung und der notwendige Rettungsschein der Iranerin in Deutschland nicht anerkannt wurden, musste die junge Frau zunächst die entsprechenden Prüfungen absolvieren, um als Rettungsschwimmerin aushelfen zu können. „Es hat einige Zeit gedauert, bis wir die Prüfungsbögen in Farsi erhalten haben und sie den DRLG Silber-Schein und ihren Erste-Hilfe-Kurs nachholen konnte“, so Wollin. Seitdem wird sie als Aushilfe im Familienbad eingesetzt.

Mona Zahmatkeshan nimmt eine Wasserprobe, um den Chlorgehalt des Wassers zu bestimmen.

Dass hier Frauen und Männer gemeinsam schwimmen, und das in mitunter recht knapper Badbekleidung, das stört die aufgeschlossene Frau nicht. Ihr geht es um den Spaß am Sport und die Möglichkeit, Menschen das Schwimmen beizubringen und sie im Zweifelsfall auch vor dem Schlimmsten zu bewahren. Letzteres ist glücklicherweise bislang allerdings weder in ihrem Heimatland noch in Neunkirchen vorgekommen.

Der Schwimmunterricht im Iran unterscheide sich nur unwesentlich von der Vorgehensweise in Deutschland. Die 3- bis 6-Jährigen Kinder im Iran, lernen das Schwimmen ein wenig spielerischer als die Kinder vor Ort. Um die Armbewegung beim Brustschwimmen richtig auszuführen, sollen die Kinder beispielsweise, „einen großen Apfel in das Wasser malen“.

Derzeit besucht Mona Zahmatkeshan einen Deutschkurs. Das ist nicht nur wichtig, um sich in Deutschland zu integrieren, das ist auch wichtig, um die übrigen Prüfungen nachzuholen, die für eine berufliche Perspektive als Schwimmlehrerin und Bademeisterin oder kurz: Fachangestellte für Bäderbetriebe noch nötig sind. „Insbesondere der Teilbereich, in dem es um die chemischen Abläufe geht, ist ohne fundierte Deutschkenntnisse nicht möglich“, weiß der Betriebsleiter des Familienbades Thomas Daub.

Von Mona Zahmatkeshan und ihrer freundlichen und positiven Art ist er genauso begeistert wie die Kollegen im Salchendorfer Schwimmbad. Bei den Kinderschwimmkursen im Herbst soll sie in jedem Fall als Helferin eingesetzt werden. Und vielleicht malen die kleinen Wasserratten dann ja auch einen großen Apfel ins Wasser.

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