Kreuztal: Inklusion ist ein Menschenrecht

(wS/red) Kreuztal 24.01.2020 | Studenten der UNI Siegen erlebten viele Defizite bei der Umsetzung von Inklusion

Studenten der UNI Siegen, die im Rahmen ihres Studiums der Sozialen Arbeit an unterschiedlichen Orten ihr erstes Praktikum im Bereich der „Behindertenhilfe“ abgeleistet und sich auch durch Selbsterfahrungsübungen in die Lebenssituation von Menschen mit Behinderung hineinversetzt haben, zogen nun am Ende der zwei Praxissemester mit ihrem Lehrbeauftragten Stephan Lück ein Resümee aus ihren Erfahrungen:

Saskia 20 J.: „Wir haben erlebt, dass zwar aufgrund der UN-Behindertenrechtskonvention alle Menschen mit Behinderung das Recht haben, gleichberechtigt am Leben teilzunehmen, dies aber im wirklichen Leben aufgrund der Barrieren, die ihnen begegnen, oft einfach (noch) nicht möglich ist!“
In den Praktika und den Selbstversuchen waren den Studenten in vielen Bereichen Probleme auf-gefallen, die gelöst werden könnten zugunsten einer selbstbestimmteren Lebensführung. Zum Beispiel bei der Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln, bei Arztbesuchen, bei Freizeitaktivitäten, bei der Benutzung des Internets oder ganz einfach am Geldautomaten.

David, 23 J.: „Die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln stellt für viele Menschen mit einer Beeinträchtigung ein Problem dar. Bahn- und Bürgersteige haben die falsche Einstiegshöhe, Blindenleitsysteme fehlen und durch die komplizierte Menüführung und Sprache der Fahrkartenautomaten werden Menschen mit Lernbeeinträchtigungen unnötig behindert.“
Ähnliches gilt auch für viele Freizeiteinrichtungen, Arztpraxen, Restaurants und vieles mehr. „Oftmals wird höchstens an die Bedarfe von Menschen im Rollstuhl oder mit einer Gehbehinderung gedacht! Die vielfachen Barrieren, denen z.B. blinde, gehörlose oder Menschen mit einer Lernbeeinträchtigung begegnen und deren Teilhabe verhindern, sind oftmals gar nicht im Blick!“ (Alina, 21 J.)

Foto: Invema

Aber auch für die Gruppe der Rollstuhlfahrer ist ein „normales, selbstbestimmtes Leben“ nur selten möglich, wie das Beispiel der 28-jährigen Anita (Name erfunden) zeigt, die durch einen Unfall seit drei Jahren im Rollstuhl sitzt: „Ich hatte einen Motorradunfall. Seitdem hat sich mein Leben komplett verändert. Ich war Schornsteinfegerin. Ich fuhr gerne Motorrad, spielte Volleyball, liebte die Arbeit in meinem Garten und hatte einen großen Freundeskreis. Seit Unfall bin ich querschnittsgelähmt und habe auch Lernschwierigkeiten. Heute ist vieles anders. Ich bin alleinstehend, kann meinen alten Beruf nicht mehr ausüben und meine Freizeit nicht mehr so aktiv gestalten. Ich bin viel alleine und viele meiner Freunde und Bekannten haben mir geraten, in ein Wohnheim zu ziehen. Das wollte ich aber auf gar keinen Fall.

Ich wollte mein Leben weiterhin selbstbestimmt leben, was aber leider nur noch bedingt möglich ist. Ich bekomme eine Assistenzkraft gestellt, aber diese kann mir nur bedingt dabei helfen, selbstständig und aktiv zu leben. Manchmal fühle ich mich auch von ihr bevormundet.
Ich kann mein altes Leben nicht vergessen und vermisse es sogar, den Abwasch zu machen. In der Werkstatt für Behinderte, in der ich nun arbeite, verdiene ich total wenig. Ich wünsche mir meine Unabhängigkeit und meine Freiheit zurück. Ich würde gerne auf dem normalen Arbeitsmarkt arbeiten und mir wünschen, dass ich durch die vielen Barrieren nicht so ausgeschlossen werde. Ich möchte nicht bemitleidet werden, sondern einfach nur dazugehören. Ich hätte nie gedacht, dass ein einziger Moment mein Leben so verändern könnte.“

Die Begegnungen mit den Menschen in ihren Praktika und die Selbsterfahrungsexperimente machten den Studenten deutlich, dass noch viele Barrieren in den Köpfen und in der Umwelt beseitigt werden müssten, um „Inklusion und selbstverständliche Teilhabe“ von Menschen mit Behinderung wirklich umzusetzen!
Antje, 20 J.: „Uns ist klar geworden, dass Inklusion und bedingungslose Teilhabe jedem Einzelnen von uns wichtig wären, wenn wir in so eine Lebenssituation kämen – was ja morgen schon der Fall sein könnte! Und wenn wir für uns das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben einfordern, ist es auch unsere Pflicht als angehende Sozialpädagogen aber eigentlich Pflicht von jedermann, für gleichberechtigte Teilhabe zu kämpfen!“

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