Das doppelte Zittern: Zwischen Werkbank und Schutzraum

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(wS/red) Siegen 16.03.2026 | Ausbildungskrise und Katastrophenschutz: In Siegen-Wittgenstein stellt die CDU-Fraktion Fragen, die weit über die Grenzen des Kreishauses hinausreichen. Es geht um die Substanz einer Industrieregion – und um die Angst vor dem Kontrollverlust.

Wenn Hermann-Josef Droege, der Vorsitzende der CDU-Kreistagsfraktion, zum Stift greift, dann tut er das meist mit der Präzision eines Statikers. Seine jüngsten Anfragen an Landrat Andreas Müller lesen sich nicht wie bloße Verwaltungsakte. Es sind vielmehr Diagnosen einer Verunsicherung, die sich durch das südliche Westfalen zieht. Es geht um zwei Themen, die auf den ersten Blick wenig eint, die aber denselben Kern berühren: die Frage, wie krisenfest dieses „industrielle Schwergewicht“ wirklich ist.

Die Erosion der Fachwelt

Zuerst ist da die Sache mit den Lehrstellen. Jahrelang galt die duale Ausbildung als das unerschütterliche Fundament des deutschen Mittelstandes. Doch das Fundament bekommt Risse. Bundesweit brechen fast 30 Prozent der Azubis ihre Zelte vorzeitig ab – ein historischer Tiefstand der Beständigkeit. In einer Region, die stolz auf ihre technischen und gewerblichen Berufsbilder ist, wirkt diese Nachricht wie ein ferner Donner vor einem Unwetter.

Droege will nun wissen: Hat das Unwetter Siegen-Wittgenstein bereits erreicht? Die CDU fordert harte Zahlen von den Berufskollegs in Siegen und Bad Berleburg. Es ist die Suche nach dem „Warum“:

  • Sind es die Dienstleistungsberufe, die wegbrechen, während die Industrie noch standhält?
  • Gibt es ein Gefälle zwischen dem urbanen Altkreis Siegen und dem ländlichen Wittgenstein?
  • Und was bedeutet es für die Schulen, wenn Klassen plötzlich wegschrumpfen?

Dahinter steht die Sorge, dass die „Zukunft der Arbeit“ in der Region nicht an fehlenden Aufträgen scheitert, sondern an einer Generation, die den Anschluss – oder die Lust – verliert.

Die Architektur der Angst

Nur einen Tag zuvor adressierte die Fraktion ein noch düstereres Feld: den Zivil- und Katastrophenschutz. In einer Zeit, in der das Wort „Kriegstüchtigkeit“ wieder durch deutsche Debatten geistert, wirkt die Frage nach Schutzräumen und Notfallplänen nicht mehr wie Paranoia, sondern wie notwendige Inventur.

Die CDU legt den Finger in eine offene Wunde: Die Unterscheidung zwischen Katastrophenschutz (Sache des Kreises) und Zivilschutz (Sache des Bundes) ist vielen Bürgern schlicht nicht bewusst. Man fordert Aufklärung über den „Muster-Katastrophenschutzplan“ und will wissen, wie viel Personal im „Amt 38“ eigentlich damit beschäftigt ist, das Undenkbare zu planen.

Besonders brisant:

  • Die Inventur des Schutzes: Wie viele zivile Schutzbauten existieren im Kreis überhaupt noch?
  • Die Resilienz: Was tut der Kreis, um die Bevölkerung durch Schulungen zum Eigenschutz „krisenfest“ zu machen?
  • Die Transparenz: Warum werden die politischen Gremien nicht stärker in diese lebenswichtigen Planungen eingebunden?

Fazit: Das Brodeln unter der Oberfläche

„Machen, worauf es ankommt“ – so lautet der Slogan auf dem Briefpapier der Fraktion. Es ist ein Signal an den Landrat, dass die Zeit der folgenlosen Berichte vorbei ist. Wenn fast jeder dritte Ausbildungsvertrag gelöst wird und gleichzeitig die zivile Schutzinfrastruktur im Unklaren liegt, dann brodelt es in der Tat. Es ist das Brodeln einer Gesellschaft, die spürt, dass die alten Gewissheiten nicht mehr tragen.

Andreas Müller wird antworten müssen. Nicht nur der CDU, sondern einer Region, die wissen will, ob ihre Werkbänke morgen noch besetzt und ihre Keller im Ernstfall sicher sind.

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