Große Begeisterung für Reinhold Messner – den „König der Berge“

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(wS/hgm) Siegen 16.03.2026 | Wer am vergangenen Freitagabend im fast vollbesetzten großen Saal der Siegerlandhalle von Extrembergsteiger Rheinhold Messner eine eher reißerische Rede erwartet hatte, der sollte eines Besseren belehrt werden.

Der inzwischen 81 Jahre alte „König der Berge“ absolvierte seinen Vortrag „M4 Weltberge – die vierte Dimension – in großer Bescheidenheit und einem erkennbaren Respekt, den er vor dieser Bergwelt hat.

„Der Berg lehrt uns Demut“, sagt er oft. Und Respekt und Hochachtung hat er auch vor den Menschen, die in dieser Region zu Hause sind und eben diese Berge – selbst heute noch – als den Sitz der Götter betrachten.

Mucksmäuschenstill war es im Saal, die Atmosphäre knisterte, als er die Bühne betrat und in einem bequemen Ledersessel Platz nahm, vor dem ein elektronisch imitiertes Kaminfeuer brannte. Was waren das denn das für Bilder, die er zeigte?
Dazu muss man sich ein wenig mit der grandiosen Technik befassen, auf der diese außergewöhnlichen Technik basieren.
Die Datenbasis:
Die Bilder basieren auf Daten der TanDEM-X-Mission. Dabei fliegen zwei Radarsatelliten in engem Abstand (bis zu 120 Meter) um die Erde und tasten die Oberfläche dreidimensional ab.
Die Auflösung:
Es entsteht ein globales Höhenmodell mit einer Genauigkeit von bis zu einem Meter. Für Messners Vortrag wurden diese Daten mit hochauflösenden optischen Satellitenbildern (z. B. von Sentinel-2 oder Landsat) „tapeziert“.
Der Clou:
Durch die photogrammetrische Aufbereitung können Perspektiven gezeigt werden, die kein Hubschrauber oder Drohnenpilot je erreichen würde – völlig verzerrungsfrei aus extremen Steilwinkeln.
Das Ziel:
Messner nutzt dies, um die Besteigungsrouten nicht nur flach auf einer Leinwand, sondern in einer echten räumlichen Tiefe (der „4. Dimension“ aus Zeit, Geschichte und Raum) zu erklären.

Die Technik hinter den Weltbergen:
Merkmal: Spezifikation
Satelliten-Duo: TerraSAR-X (Start 2007) & TanDEM-X (Start 2010)
Missionsziel: Erstellung eines globalen, homogenen 3D-Höhenmodells der Erde Technologie SAR (Synthetic Aperture Radar) – wetter- und tageslichtunabhängig.
Orbit-Höhe: ca. 514 km (sonnensynchroner Orbit)
Geschwindigkeit: ca. 27.000 km/h (7,5 km/s)
Formationsflug: Helikale Flugbahn, Abstand der Satelliten teils nur 120 bis 500 Meter.
Messraster: 12-Meter-Gitter (Standard), lokal noch feiner Höhengenauigkeit: Besser als 2 Meter (relativ)

Normalerweise sind topografische Karten an Landesgrenzen oft „gestückelt“, da verschiedene Länder unterschiedliche Messverfahren nutzen. Messner nutzt die DLR-Daten, weil sie die Erde zum ersten Mal völlig einheitlich und mit dieser extremen Präzision abbilden. Er kann so Details an Steilwänden zeigen, die auf klassischen Karten schlichtweg flach oder verzerrt wären.

Es gibt lediglich den Unterschied zu „normalen“ Fotoaufnahmen, dass diese auf den Betrachter etwas steril wirken können. Sie sind halt technisch perfekt und detailgenau belichtet, wirken dafür jedoch etwas kühl.

Messner nutzt die DLR-Daten nicht als trockene Geografie, sondern als virtuelle Bühne. Auch in Siegen ging es ihm in seinem Vortrag „Weltberge – Die vierte Dimension“ um folgende Kernpunkte:
Die 4. Dimension:
Für Messner ist das nicht die Zeit im physikalischen Sinne, sondern die Erfahrungswelt. Er legt die historischen Routen der Erstbesteiger (und seine eigenen) über die zentimetergenauen 3D-Modelle. So wird für den Zuschauer physisch greifbar, warum eine Wand an einer bestimmten Stelle unüberwindbar schien.
Objektivität vs. Erlebnisse:
Während die Satelliten die „kalte Wahrheit“ der Felsen zeigen, füllt Messner diese mit den menschlichen Dramen. Er kontrastiert die perfekte Technik mit der Unvollkommenheit und dem Risiko des Bergsteigens. Er gab den Hinweis, dass oft zitiert werde, Autofahren sei gefährlicher als Bergsteigen. Die Tatsache sei aber, dass gut die Hälfte aller namhaften Alpinisten in den Bergen ihr Leben verloren hätten.
Verlust der Wildnis:
Ein Zitat, das er in diesem Zusammenhang auch in der Siegerlandhalle machte: „Die Technik erlaubt uns heute, jeden Winkel zu vermessen, aber sie nimmt dem Berg nicht sein Geheimnis, solange wir ihm mit Respekt begegnen.“ Reinhold Messer war der erste Mensch, der alle 14 Achttausender (Hauptgipfel) bestiegen hat (1970–1986), wobei er oft neue Routen oder den Alleingang wählte, oft ohne künstlichen Sauerstoff. Er gilt trotz neuerer, teils umstrittener Debatten über Gipfelhöhen allgemein als der Erste, der diese Leistung vollbrachte.

Die 14 Achttausender von Reinhold Messner:

  1. Nanga Parbat (8125 m, 1970)
  2. Manaslu (8163 m, 1972)
  3. Hidden Peak / Gasherbrum I (8080 m, 1975)
  4. Trunelsee / Trango Towers (1976 – Anmerkung: Das war kein 8000er,
    gemeint ist die Serie der 14)
  5. Mount Everest (8848 m, 1978 & 1980)
  6. Nanga Parbat (8125 m, 1978 – Alleinbesteigung)
  7. K2 (8611 m, 1979)
  8. Shishapangma (8027 m, 1981)
  9. Kangchendzönga (8586 m, 1982)
  10. Gasherbrum II (8034 m, 1982)
  11. Broad Peak (8051 m, 1982)
  12. Cho Oyu (8188 m, 1983)
  13. Annapurna (8091 m, 1985)
  14. Dhaulagiri (8167 m, 1985)
  15. Makalu (8485 m, 1986)
  16. Lhotse (8516 m, 1986)
    Es war einfach atemberaubend, wie Reinhold Messer seine Bergabenteuer
    schilderte, in die er in mehreren Spots natürlicher Bergaufnahmen einblendete.
    Und so setzte er bei seinem Vortrag in Siegen den Fokus:
  17. Nanga Parbat (8.125 m) – Sein Schicksalsberg
    Lage:
    Westlicher Himalaya, Pakistan.
    Besonderheit: Die Rupalwand gilt mit ca. 4.500 Metern als die höchste Steilwand
    der Erde. Hier verlor er 1970 seinen Bruder Günther. Die DLR-Daten zeigen die
    mörderische Dimension dieser Wand so präzise, dass man die Unmöglichkeit der
    Route fast physisch spürt. Messner betrieb einen enormen Aufwand, um seinen
    Bruder zu retten. Dennoch geriet er oft ins Kreuzfeuer der Kritik, er habe seinen
    Bruder im Stick gelassen
  18. K2 (8.611 m) – Der „Berg der Berge“
    Lage: Karakorum, Grenze Pakistan/China.
    Besonderheit:
    Gilt technisch als weitaus schwieriger als der Mount Everest. Markant ist die
    perfekte Pyramidenform, die in den Satellitenaufnahmen voll zu Geltung kamen.
    Messner thematisierte die „Magic Line“ bzw. den Abruzzen Grat. Die 3D-Modelle
    lassen die extremen Neigungswinkel der Flanken erst richtig zur Geltung kommen,
    die auf normalen Fotos oft flach wirken.
  19. Mount Everest (8.848 m) – Der „Dritte Pol“
    Lage: Himalaya, Grenze Nepal/China.

Messner war 1978 der Erste (zusammen mit Peter Habeler), der ihn ohne Flaschensauerstoff bezwang. Im Vortrag nutzte er die Satellitenbilder, um den „Stau“ am Hillary-Stepp der heutigen Zeit dem einsamen Abenteuer von damals gegenüberzustellen.

Alle diese Aufnahmen zeigten die Berge aus der „Götterperspektive“ – einen Begriff, den Messner selbst gerne nutzt, um die Erhabenheit der Natur gegenüber der menschlichen Leistung zu unterstreichen. Weiterhin betonte er, dass die einheimische Bevölkerung anfangs gar nicht wünschte, dass diese hohen Berge bestiegen würden. Eine anfängliche Ausnahme sei Anfang der 20er Jahre den Engländern zugesprochen worden.

Ferner erwähnte er seinen Kollegen, den Extrembergsteiger Hermann Buhl, dem die Erstbesteigung des Nanga Parbat am 3. Juli 1953 gelang. Diese Leistung gilt als einer der größten Meilensteine des Alpinismus, da Buhl die letzten 1.300 Höhenmeter vom obersten Lager aus und ohne die Verwendung von künstlichem Sauerstoff bewältigte. Sein Erfolg war Teil einer deutsch-österreichischen Expedition unter der Leitung von Karl Maria Herrligkoffer. Besonders dramatisch verlief sein Abstieg:
Biwak in der Todeszone: Buhl musste die Nacht nach dem Gipfelsieg auf über 8.000 Metern Höhe verbringen, wobei er stehend an einer Felswand ausharrte.
Extremer Zeitaufwand: Insgesamt dauerte sein Alleingang zum Gipfel und zurück ins rettende Lager 41 Stunden.
Körperliche Folgen: Buhl kehrte mit schweren Erfrierungen ins Basislager zurück und war seitdem um Jahre gealtert.

Als Messner dieses erwähnte, herrschte große Stille im Saal. Und ja, große Touren mache er nicht mehr, bis auf Wanderungen und leichte Klettertouren.
Dabei unterstützt ihn seine wesentlich jüngere Ehefrau Diane Messner (geborene Schumacher) mit der er in dritter Ehe verheiratet ist und die ihm auch sein Erbe verwahren wird.

Als letztes Bild zeigte Messner ein Foto mit dahinschwebenden weißen Wolken auf blauem Himmel: „Genauso werde ich entschweben, wenn ich diese Welt verlasse“. Danach verneigte er sich und verließ unter tosendem Applaus den Saal.
Gerne gab er draußen im Foyer am Büchertisch noch Autogramme und war somit ein „Star zum Anfassen“.


Text: Hans-Gerhard Maiwald (unter Verwendung offizieller Unterlagen) – Fotos: Andreas Trojak / wirSiegen.de

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