(wS/fdp) Siegen 16.09.2026 | Siegen. Die FDP-Fraktion im Rat der Universitätsstadt Siegen hat einen Antrag für die Ratssitzung am 30. September eingereicht, mit dem sie eine ergebnisoffene Prüfung eines möglichen Nationalparks auf dem Rothaarkamm einfordert. Kern des Antrags ist eine Resolution, die einen unabhängig moderierten Dialog-, Mediations- und Beteiligungsprozess vorsieht. Befürworter und Gegner des Vorhabens sollen darin gleichermaßen angehört werden.
Der Antrag ist an Bürgermeister Tristan Vitt gerichtet und auf den 16. September datiert. Vor einer abschließenden Entscheidung sollen nach dem Willen der FDP-Fraktion sämtliche fachlichen, wirtschaftlichen, rechtlichen und finanziellen Grundlagen vorliegen. „Eine Entscheidung mit so weitreichenden Folgen für unsere Region braucht eine belastbare Grundlage und einen fairen Austausch. Wir wollen die Chancen eines Nationalparks sorgfältig prüfen und die Bedenken der betroffenen Menschen und Unternehmen ernst nehmen. Eine unabhängige Moderation kann helfen, die Diskussion zu versachlichen und tragfähige Lösungen zu entwickeln. Das Ergebnis muss dabei offenbleiben“, erklärt Markus Nüchtern, Vorsitzender der FDP-Fraktion im Siegener Rat.
In den vorgeschlagenen Beteiligungsprozess sollen nach den Vorstellungen der Fraktion insbesondere die heimische Industrie und Wirtschaft, die Forstwirtschaft und Waldbesitzer, Städte und Gemeinden, der Tourismus, der Natur- und Umweltschutz sowie die betroffene Bevölkerung einbezogen werden. Die FDP fordert, Chancen, Risiken und mögliche Folgen transparent darzustellen. Das digitale Informationsangebot des Kreises solle weiterhin die Möglichkeit bieten, Fragen einzureichen und öffentlich beantwortet zu bekommen.
Rechtssicherheit für Route 57 als zentrale Forderung
Ein zentraler Bestandteil des Antrags ist die verbindliche Absicherung wichtiger Verkehrs- und Infrastrukturprojekte. Dies betrifft nach Angaben der Fraktion insbesondere die Route 57, die L 719 und die Eisenstraße. Die vorgesehene Aussparung des Trassenkorridors der Route 57 aus der Nationalparkkulisse müsse rechtssicher abgesichert werden. Hier sieht sich die Siegener FDP-Fraktion in absoluter Übereinstimmung mit der FDP-Kreistagsfraktion. Die Ankündigung, den Trassenkorridor auszusparen, sei ein wichtiger Schritt, müsse nun aber in belastbare rechtliche Regelungen überführt werden, heißt es in der Begründung des Antrags.
Auch neue Gewerbegebiete und die Erweiterung bestehender Gewerbe- und Industriestandorte außerhalb eines möglichen Nationalparks dürften nach Auffassung der FDP-Fraktion weder grundsätzlich verhindert noch unverhältnismäßig erschwert werden. Unverhältnismäßige Einschränkungen aufgrund der räumlichen Nähe zu einem möglichen Nationalpark müssten ausgeschlossen werden.
Kosten sollen dauerhaft Landesaufgabe bleiben
Die Frage der finanziellen Auswirkungen hat für die FDP-Fraktion besondere Bedeutung. „Unsere Region braucht verlässliche Perspektiven für Arbeitsplätze, Unternehmensentwicklung, eine leistungsfähige Verkehrsinfrastruktur und eben ihre besondere Natur. Deshalb müssen die Zusagen zur Route 57 und zu weiteren wichtigen Infrastrukturprojekten rechtlich belastbar sein. Ebenso klar muss die Finanzierung geregelt werden: Die originären Kosten für Einrichtung und Betrieb eines Nationalparks gehören dauerhaft in die Verantwortung des Landes. Zusätzliche Belastungen für den Kreis und die Städte und Gemeinden müssen ausgeschlossen werden“, ergänzt Klaus Volker Walter, der langjährige Fraktionsvorsitzende und Vorgänger von Markus Nüchtern.
Beide verlangen vor einer abschließenden Entscheidung eine umfassende Kosten- und Finanzierungsübersicht. Diese soll einmalige und laufende Ausgaben, die jeweiligen Kostenträger und mögliche Finanzierungsbeiträge von Bund und Land ausweisen. Auch mittelbare Auswirkungen auf die kommunalen Haushalte, etwa über die Kreisumlage, müssten offengelegt werden.
Resolution mit neun Punkten
Die Resolution umfasst insgesamt neun Beschlusspunkte. Unter anderem begrüßt der Rat darin, dass die Grundlagen für eine mögliche Nationalparkeinrichtung umfassend geprüft werden. Er fordert den Kreistag Siegen-Wittgenstein auf, das Verfahren ergebnisoffen und ohne Vorfestlegung fortzuführen. Die Bevölkerung soll umfassend, sachlich und transparent über die Chancen, Risiken und möglichen Folgen informiert werden. Eine abschließende Festlegung soll erst erfolgen, wenn die Prüfung sowie der Dialog-, Mediations- und Beteiligungsprozess abgeschlossen sind und sämtliche relevanten Entscheidungsgrundlagen vollständig vorliegen.
Laut der Begründung des Antrags umfasst die derzeit diskutierte Gebietskulisse rund 4.300 Hektar staatlicher Waldflächen. Der Kreistag Siegen-Wittgenstein hatte im März 2026 beschlossen, die möglichen Auswirkungen erneut zu prüfen. Eine Entscheidung ist für den 13. November 2026 vorgesehen.
Die FDP-Fraktion betont, dass es ausdrücklich nicht um eine Resolution gegen einen Nationalpark gehe. Ebenso wenig solle jedoch vor Abschluss der Prüfung der Eindruck entstehen, die Einrichtung sei bereits politisch vorweggenommen. Sollte der Kreistag am 13. November grundsätzlich für die Einrichtung eines Nationalparks stimmen, erwartet die FDP-Fraktion, dass die in der Resolution formulierten Anforderungen verbindlich berücksichtigt und in einen entsprechenden Antrag des Kreises an das Land Nordrhein-Westfalen aufgenommen werden.

FDP Hilchenbach positioniert sich klar für den Nationalpark Rothaarkamm
Ebenfalls am Dienstag hat sich der FDP-Stadtverband Hilchenbach mit einer eigenen Pressemitteilung klar für die Einrichtung eines Nationalparks Rothaarkamm ausgesprochen. Damit positionieren sich die Hilchenbacher Liberalen deutlich anders als die FDP-Fraktion im Siegener Rat, die am selben Tag einen Antrag für eine ergebnisoffene Prüfung ohne Vorfestlegung eingebracht hatte.
Für den FDP-Stadtverband Hilchenbach ist das Projekt nach eigener Darstellung keine Entscheidung gegen Wirtschaft und Industrie, sondern eine Entwicklungschance für die Stadt und die Region. Im Mittelpunkt der Hilchenbacher Überlegungen steht der Ortsteil Lützel. Dort beginne die mögliche Nationalparkkulisse, und der Ort verfüge mit Bahnanschluss an die Rothaarbahn, dem Rothaarsteig, dem Giller sowie vorhandener Gastronomie und touristischer Infrastruktur bereits über wichtige Voraussetzungen. Die FDP Hilchenbach fordert für die Stadt ein eigenes, hochwertig gestaltetes Nationalparktor mit Informations- und Servicepunkt.
Darüber hinaus spricht sich der Stadtverband dafür aus, die künftige Nationalparkverwaltung in Lützel anzusiedeln. Eine vom Land finanzierte Verwaltung würde qualifizierte, dauerhafte Arbeitsplätze schaffen und den Ortsteil ganzjährig beleben. Die Industriebrache der alten Munitionsfabrik biete dafür geeignete Flächen. Stadt und Kreis sollten nach dem Willen der FDP frühzeitig ein Standortkonzept entwickeln und gegenüber dem Land für Lützel werben.
„Hilchenbach kann zu einem wichtigen Ausgangspunkt des Nationalparks werden. Wir wollen diese Chance aktiv gestalten. Ein Nationalparktor, ein leistungsfähiger Knoten in Lützel und neue naturtouristische Angebote können dauerhaft Besucher, Wertschöpfung und Arbeitsplätze in unsere Stadt bringen“, erklärt der Vorsitzende des FDP-Stadtverbandes Hilchenbach, Martin Arzt.
Touristische Effekte als zentrales Argument
Als Beleg für das wirtschaftliche Potenzial verweist die FDP Hilchenbach auf Vergleichszahlen aus dem Nationalpark Eifel. Dort seien zuletzt 1,4 Millionen Besuche pro Jahr, ein Bruttoumsatz von etwa 81 Millionen Euro und rechnerisch knapp 1.400 Vollzeitbeschäftigungsäquivalente ausgewiesen worden. Diese Zahlen ließen sich nicht eins zu eins auf den Rothaarkamm übertragen, so der Stadtverband, zeigten aber das Potenzial, wenn Schutzgebiet, touristische Infrastruktur, regionale Unternehmen und professionelles Marketing zusammenwirkten. Der Rothaarsteig mit seinen nach Angaben des Stadtverbands rund 850.000 Besuchern spreche dafür, dass der Tourismus funktionieren werde.
„Bislang profitiert besonders das Sauerland vom Rothaarsteig, der Nationalpark wird die Anziehungskraft von Siegen-Wittgenstein steigern“, erklärt der Hilchenbacher Oliver Idem, der als Sachkundiger Bürger auch in der FDP-Kreistagsfraktion eingebunden ist.
Zum Gesamtkonzept gehört aus Sicht des Stadtverbands auch die Idee eines naturnahen Campingplatzes, die bereits der ehemalige Stadtvorsitzende Karl-Heinz Jungbluth angeregt hatte. Ein solcher Platz könne die touristische Lücke zwischen Tagesausflug und klassischem Hotelaufenthalt schließen. Darüber hinaus fordert die FDP Hilchenbach eine Aufwertung des Bahnhofs Lützel, eine bessere Taktung der Rothaarbahn an Wochenenden sowie Wander- und Fahrradbusse.
Keine Einschränkungen für die Industrie erwartet
Befürchtungen, der Nationalpark werde die industriellen Entwicklungsmöglichkeiten der Stadt beschneiden, weist der FDP-Stadtverband zurück. Nach den offiziellen Antworten des Kreises gälten die Regelungen eines Nationalparks ausschließlich innerhalb seiner Grenzen. Für Industrie- und Gewerbestandorte außerhalb der Kulisse entstünden allein durch die Ausweisung keine zusätzlichen Umweltauflagen oder betrieblichen Einschränkungen. Vorgesehen seien rund 4.300 Hektar Staatswald sowie möglicherweise etwa 330 Hektar der Dieter-Mennekes-Umweltstiftung. Private Flächen sollten nur freiwillig einbezogen werden.
„Hilchenbach bleibt Industriestadt. Der Nationalpark ergänzt unser Profil um eine starke Natur- und Tourismusmarke und verbessert damit zugleich die Lebensqualität, die Unternehmen im Wettbewerb um Fachkräfte brauchen“, so Idem.
Auch Route 57 bleibt für Hilchenbacher FDP unverzichtbar
In einem Punkt stimmen die Hilchenbacher Liberalen mit der Siegener FDP-Fraktion überein: Die Route 57 sei für Pendler, Bevölkerung und Unternehmen unverzichtbar und müsse ohne Abstriche weitergeplant und realisiert werden. Die politische Zusage von NRW-Umwelt- und Verkehrsminister Oliver Krischer, dass ein Nationalpark die Route 57 nicht gefährden werde, müsse vor der abschließenden Entscheidung rechtlich belastbar abgesichert werden. Der Vorstoß der FDP-Kreistagsfraktion, dazu ein Rechtsgutachten beauftragen zu lassen, sei der richtige Weg.
„Unsere Position lautet deshalb klar: Ja zum Nationalpark, aber ebenso klar Ja zur Route 57. Beides muss verbindlich möglich sein“, erklärt Arzt.
Zwei FDP-Positionen am selben Tag
Damit liegen am selben Tag zwei unterschiedliche Positionierungen aus der FDP zum Thema Nationalpark vor: Während die Siegener Ratsfraktion eine ergebnisoffene Prüfung ohne Vorfestlegung fordert und einen Mediationsprozess anregt, hat sich der Hilchenbacher Stadtverband ausdrücklich für die Einrichtung des Nationalparks ausgesprochen – verbunden mit konkreten Forderungen für die Stadt Hilchenbach. In der Frage der rechtssicheren Absicherung der Route 57 sind sich beide Seiten einig.

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