(wS/red) Netphen/Hilchenbach 30.09.2026 | Motorradfahrer gehören auf den kurvigen Abschnitten der B 62 zwischen Netphen und Hilchenbach zum gewohnten Bild — besonders an Wochenenden mit gutem Wetter. Die Strecke mit ihren lang gezogenen Kurven und Tempo-70-Zonen zählt zu den bekanntesten Motorradrouten im Siegerland. Doch was Beobachter dort regelmäßig sehen, geht über normales Kurvenfahren deutlich hinaus.

Aufnahmen von der Strecke zeigen Motorradfahrer in extremer Schräglage. Auf mehreren Bildern ist zu erkennen, wie Fußrasten und Teile der Motorverkleidung den Asphalt berühren — deutlich sichtbar an den Funken, die dabei entstehen. Die Fahrer nutzen die sogenannte „Hanging-Off“-Technik, bei der sich der Körper weit nach innen verlagert. Diese Fahrweise ist aus dem Rennsport bekannt und wird dort auf abgesperrten Rennstrecken eingesetzt, wo es keinen Gegenverkehr, keine Fahrbahnverschmutzung und keine Fußgänger gibt.
Auf einer öffentlichen Bundesstraße gelten andere Bedingungen. Schmutz, Rollsplitt, Ölspuren oder ein entgegenkommendes Fahrzeug können bei solchen Schräglagen zu Situationen führen, in denen kaum noch Spielraum zum Reagieren bleibt. Die Unfallstatistik der Strecke belegt das. Allein im September 2026 berichtete wirSiegen über mehrere Motorradunfälle auf der B 62 im Abschnitt zwischen Afholderbach und der sogenannten „Applauskurve“: Am 12. September wurde ein Kradfahrer zwischen Afholderbach und der Kronprinzeneiche schwer verletzt, am 20. September krachte ein 25-Jähriger bei Hilchenbach in eine Schutzplanke, und am 17. September kam es bei Afholderbach zu einem Frontalzusammenstoß, bei dem Ersthelfer Insassen aus einem brennenden Fahrzeug retteten.
Die Kreispolizeibehörde Siegen-Wittgenstein reagiert seit Jahren mit regelmäßigen Sonderkontrollen. Erst am 26. September 2026 führte sie erneut Geschwindigkeitskontrollen im Bereich der Applauskurve durch — die Behörde stuft den Abschnitt als „tödlichen Unfallschwerpunkt“ ein. Bereits im Juni 2026 hatte die Polizei im Rahmen der europaweiten ROADPOL-Operation „2-Wheeler“ ganztägige Kontrollen an der B 62 durchgeführt. Dabei wurden 94 Fahrzeuge wegen überhöhter Geschwindigkeit beanstandet, darunter zehn Motorräder. Ein Fahrer war ohne die erforderliche Fahrerlaubnis unterwegs, bei zwei weiteren Motorrädern stellten die Beamten technische Mängel fest, die zum Erlöschen der Betriebserlaubnis führten.
Polizeirat Marcel Zirnsak, Leiter der Direktion Verkehr bei der Kreispolizeibehörde Siegen-Wittgenstein, betonte bei der Kontrollaktion im Juni: „Geschwindigkeit ist nach wie vor bei den Verkehrsunfällen mit gravierenden Unfallfolgen die Unfallursache Nummer 1.“ Während der laufenden Motorradsaison seien neben den routinemäßigen Kontrollen weitere Sonderkontrollen geplant.
Die auf den Aufnahmen dokumentierte Fahrweise ist nicht auf einzelne Fahrer beschränkt. Zu sehen sind sowohl Einzelfahrer als auch Gruppen, die die Kurven in Kolonne durchfahren. Unter den fotografierten Maschinen befinden sich leistungsstarke Sportmotorräder verschiedener Hersteller. Die Strecke zwischen Netphen-Lützel und Hilchenbach-Oechelhausen wird unter Motorradfahrern überregional als attraktive Kurvenstrecke gehandelt, was auch Fahrer aus weiter entfernten Regionen anzieht.
Für Anwohner und andere Verkehrsteilnehmer auf der B 62 bleibt die Situation ein Dauerthema. Die Bundesstraße ist keine reine Ausflugsstrecke, sondern eine stark befahrene Verbindung zwischen Siegen, Erndtebrück und Bad Laasphe. Wer die Strecke regelmäßig befährt, begegnet dem Motorradverkehr an Wochenenden und sonnigen Abenden mit einer Mischung aus Gewöhnung und Unbehagen — besonders in den unübersichtlichen Kurvenbereichen, in denen ein Motorrad in Schräglage plötzlich weit in die Fahrbahnmitte ragen kann.





Anmerkung der Redaktion
An alle Motorradfahrer auf dieser Strecke
Die Faszination Motorrad ist nachvollziehbar. Aber ein Ölfleck, ein Reh, ein einziger Fahrfehler — und aus Schräglage wird Notaufnahme. Oder Schlimmeres. Oft trifft es nicht den Fahrer allein, sondern Unschuldige im Gegenverkehr, die nichts dafür können.
Feuerwehrleute, die junge Menschen aus Leitplanken schneiden, vergessen das nicht. Notärzte, die auf dem Asphalt um das Leben von Verunglückten kämpfen, vergessen das nicht. Und Polizisten mussten auf genau dieser Strecke schon viel zu oft Angehörige über schwere Unfälle oder den Tod eines Familienmitglieds informieren.
Bitte drosselt das Tempo und kommt gesund nach Hause.
Dieser Text richtet sich selbstverständlich an alle Geschlechter.
Fotos: Andreas Trojak / wirSiegen.de – SIEHE AUCH HIER
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