(wS/hgm) Siegen 07.11.2026 | „Das war der absolute Wahnsinn!“ – Ausverkaufte Siegerlandhalle feiert das ultimative Gipfeltreffen der Blasmusik

Wenn der sprichwörtliche Funke vom ersten Ton an überspringt und eine vollbesetzte Siegerlandhalle in ein Meer aus Begeisterung verwandelt wird, dann ist Zeit für das ultimative Gipfeltreffen der Volksmusik. Am Mittwochabend trafen zwei der bedeutendsten Klangkörper Europas direkt in Siegen aufeinander: Alexander Wurz mit seinen Egerländer Musikanten und Sašo Avsenik mit seinen legendären Oberkrainern. Vor einer restlos ausverkauften Kulisse zelebrierten die Ensembles ein dreistündiges, rasant gespieltes Fest der Generationen.
Dass der Abend den Nerv der Zeit traf, zeigte sich schon kurz nach dem Finale im Netz: „Das war der absolute Wahnsinn“, kommentierten begeisterte Fans in den sozialen Netzwerken. Ein vom Berichterstatter exklusiv veröffentlichtes Live-Video vom „Slowenischen Winzertanz“ entwickelte sich binnen weniger Stunden zum viralen Hit, wurde vielfach geteilt und sammelte reihenweise Likes, die regelrecht in die Höhe schossen. Während im Saal zwar fleißig mit den Smartphones für den Privatgebrauch gefilmt wurde, blieb die professionelle, veröffentlichungswürdige Dokumentation des Abends ein Alleinstellungsmerkmal. Die Veranstalter zeigten sich bei den Fotokonditionen vor Ort erfreulich unkompliziert und locker, was die ausgelassene und freie Stimmung im weiten Rund sichtlich befeuerte.
Charmante Doppelmoderation und ein ganz besonderes Grußwort
Durch das dichte, hochkarätige Programm führte eine überaus charmante Doppelmoderation: Orchesterchef Alexander Wurz und Sašo Avsenik bewiesen als Moderatoren-Duo viel Humor und Esprit, ganz im Zeichen eines „Wiedersehens unter alten Freunden“. Ein besonderer Gänsehaut-Moment des Abends war das feierliche Grußwort von Ehrendirigent Ernst Hutter, dem langjährigen musikalischen Wegbereiter der Egerländer, der die tiefe, länderübergreifende Freundschaft der beiden Traditionsformationen würdigte. Die Hutter-Tradition auf der Bühne lebt nahtlos weiter, unter anderem durch seinen Sohn Martin Hutter, der am Flügelhorn und an der Trompete glanzvolle Akzente setzte.
Glanzpunkte bei den Egerländern setzte zudem die markante Solostimme von Sängerin Katharina Praher, die das Publikum restlos begeisterte. Wer ein klassisch gedrucktes Programmheft im Foyer suchte, ging in diesem Jahr zwar leer aus – die geballte Information gab es dafür gut gelaunt und hautnah von der Bühne.
Als der Gong 20 Uhr schlug, ging es voll zur Sache: Beide Formationen marschierten zackig auf die Bühne und versetzten das Publikum im gemeinsamen Vortrag mit dem Ernst-Mosch-Klassiker „Rauschende Birken“ schon zu Beginn in helle Verzückung. Dass Egerländer und Oberkrainer so vorzüglich zusammen harmonieren, hätte früher wohl niemand gedacht.
Dann jedoch kamen erst einmal die Oberkrainer zum Zuge, die ihr Repertoire flott und humorvoll mit der Schnell-Polka „Tante Mizzie“ („…sie gibt uns das Geld“) starteten. Wesentlich sentimentaler, jedoch genauso virtuos, brachte die Gruppe anschließend „Slowenien, mein Heimatland“ lupenrein zum Vortrag.
Die Besetzung des Abends (Sašo Avsenik & seine Oberkrainer):
- Akkordeon / E-Bass / Moderation: Sašo Avsenik
- Akkordeon-Support: Jens Neher
- Gesang: Lucija Selak & Luka Sešek
- Bass & Bariton: Aleš Jurman
- Gitarre: Matic Plevel
- Klarinette / Trompete: Tommy Budin & Denis Daneu
Als die Oberkrainer schließlich das „Hirtenlied“ anstimmten, in dem Tommy Budin als Solist auf der Klarinette brillierte, konnte man im Saal nahezu eine Stecknadel fallen hören, und es flossen manche verstohlenen Tränen. Eine Melodie, die immer wieder tiefste Emotionen weckt!
Generationenwechsel und musikalische Höchstleistung am Bass
Besonders emotional wurde es bei den Oberkrainern: Sänger Luka Sešek, der die Formation mit seiner sympathischen Statur und kraftvollen Stimme in den letzten Jahren maßgeblich prägte, befindet sich aktuell auf großer Abschiedstournee, um sich künftig Soloprojekten zu widmen. In Siegen harmonierte er ein letztes Mal brillant und auch als fabelhafter Spaßmacher mit der zierlichen Sängerin Lucija Selak.
Auch Ensemble-Chef Sašo Avsenik blickte nach vorn und bewies wahre Größe: Aufgrund einer intensiven Handtherapie (fokale Dystonie), die ihm das gewohnt rasant fließende Akkordeonspiel derzeit erschwert (er könnte theoretisch nur zwei Finger nutzen), überließ er die schnellen Tastenläufe seinem fähigen Kollegen Jens Neher, der als musikalische Verstärkung die Gruppe perfekt am Alpengold-Akkordeon unterstützte. Sašo selbst griff stattdessen sichtlich gut gelaunt zum E-Bass und meisterte die tiefen Rhythmen mit Bravour. In einer emotionalen Ansprache schlug er zudem die Brücke zu seiner Familie und würdigte seinen Vater Gregor Avsenik, was bei den eingefleischten Fans im Siegerland für großen Applaus sorgte. Mit diesem war er zuletzt, gemeinsam mit seinen Oberkrainern in teilweise anderer Besetzung, im Mai 2018 in der Olper Stadthalle aufgetreten.
Woher kommt eigentlich der Name „Oberkrain“?
Für alle, die sich fragen, woher der weltbekannte Begriff historisch stammt: Er leitet sich von der slowenischen Region Gorenjska (deutsch: Oberkrain) ab – der wunderschönen, gebirgigen Heimat rund um den Avsenik-Heimatort Begunje. Den unverwechselbaren Namen „Oberkrainer Sound“ verdankt die Welt übrigens dem Münchner Radiomoderator Fred Rauch, der das damalige Ensemble 1954 mit dem „Trompetenecho“ im Rundfunk hörte und sie kurzerhand für das deutsche Publikum als „Original Oberkrainer“ taufte.
Weiter ging’s im Walzer- und Polkatakt mit gemeinsamen Vorträgen, darunter „Auf der Autobahn“, wobei Gitarrist Matic Plevel kräftig in die Saiten schlug und einige Akkorde markant hervorstellte – das ist einfach seine unverwechselbare Art. Sehr ergreifend war auch der „Böhmische Wind“, der untrennbar mit dem legendären Orchesterchef Ernst Mosch verbunden ist, welcher dieses Walzerlied weltberühmt machte und 1999 verstarb. Dessen langjähriger, kongenialer Gesangspartner war Franz Bummerl. Die beiden sangen diesen Titel über Jahrzehnte hinweg als unschlagbares Duo im weichen, böhmischen Satzgesang. Als die legendäre Textzeile „Er wird noch wehen, wenn wir längst nicht mehr sind…“ durch das weite Rund der Siegerlandhalle klang, schloss sich ein gewaltiger, generationenübergreifender Kreis.
Löffel-Polka und die Schwerstarbeit am Baritonhorn
Neben den großen Gefühlen kam auch der Humor nicht zu kurz. Für stürmische Lachsalven im Saal sorgte die legendäre „Löffel-Polka“. Hier zog Egerländer-Schlagzeuger Holger Müller, der das Orchester bereits seit 1994 und über drei Dirigenten-Generationen hinweg rhythmisch anführt, alle Register seines komödiantischen Könnens. Gemeinsam mit Sašo Avsenik lieferte er sich ein rasant-witziges Duell an den hölzernen Esslöffeln. Dass sich Sašo dabei auf der Bühne ganz bewusst herrlich tollpatschig anstellte, machte die Nummer zu einem umjubelten Glanzlicht des Abends.
Gleich im Anschluss bot der packende „Slowenische Winzertanz“ wieder die gewohnten, traditionellen Possen und parodistischen Einlagen. Musikalisch offenbarte der Titel echten Kennern ein faszinierendes akustisches Phänomen: Für das Baritonhorn ist es eine immense technische Herausforderung, die extrem tiefen Töne dieses Satzes sauber und druckvoll zu erzeugen. Das Instrument ist von Natur aus für mittlere Tonlagen ausgelegt. Wenn der Musikant hier bis in den tiefsten Keller greifen muss, um das Bass-Fundament im typischen Oberkrainer-Stil zu stützen, erfordert das eine mörderische Lippenspannung und perfekte Atemtechnik – ein absoluter Genuss für das fachkundige Ohr im Saal!
Als Alexander Wurz so langsam das offizielle Ende des Konzertes ankündigte, ging ein unwilliges Raunen durch den vollbesetzten Saal. „Ein paar Titel haben wir aber noch“, beruhigte er die Gemüter, woraufhin beide Formationen den Mosch-Klassiker „Auf der Vogelwiese“ anstimmten – ein Evergreen, der heute wohl auf keinem Schützenfest fehlen darf. Dass Egerländer und Oberkrainer, die stilistisch doch stark unterschiedlichen Formationen sind, so harmonisch zusammenspielen würden, wäre in früheren Jahrzehnten schier unvorstellbar gewesen. Soweit war man damals einfach noch nicht. Dieses historische Zusammenspiel war jedoch von langer Hand geplant und kam erstmals unter Ernst Hutter erfolgreich zur Umsetzung.
Einer der letzten Titel bot zudem eine herrlich lustige Einlage: Der „Kammbläser-Marsch“. Hierbei kamen vier in Stanniolpapier eingewickelte Kämme zum Einsatz, die von den Musikern tatsächlich in verblüffende musikalische Resonanz gebracht werden konnten – ein echter Publikumsliebling.
Als alle Akteure am Ende gemeinsam zum großen Finale anstimmten, gab es in der Siegerlandhalle endgültig kein Halten mehr. Als letzte von insgesamt drei stürmisch geforderten Zugaben erklang die gemeinsame, programmatische Melodie „Freunde, wir bleiben Freunde“ – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Als Freunde waren die beiden Formationen nach Siegen gekommen, und als Freunde verabschiedeten sie sich wieder von der Bühne. Im Saal waren langanhaltende Standing Ovations angesagt: Das Publikum hielt es nicht mehr auf den Sitzen, die treuen Fans sprangen begeistert auf und hüpften vor Freude regelrecht in die Höhe. Bemerkenswert war dabei auch, dass auffallend viele jüngere Besucher unter den Gästen waren. Ein rundum denkwürdiger Abend, der eindrucksvoll bewies, dass diese handgemachte Musik auch nach Jahrzehnten generationenübergreifend verbindet.





Text und Fotos: Hans-Gerhard Maiwald
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