„Wir versinken im Verkehrschaos“

(wS/red) Siegen 13.10.2016 | Welche Alternativen gibt es zum Privatauto und wie können wir verhindern, dass ganze Städte und Autobahnen durch den Verkehr verstopft werden? BWL-Professor Gustav Bergmann und Soziologe Dr. Jürgen Daub von der Universität Siegen entwickeln dazu Ideen im Forschungsprojekt Remonet.

Der Bundesrat empfiehlt, ab 2030 neue Benzin- und Diesel-Fahrzeuge zu verbieten. Gleichzeitig subventioniert die Europäische Union Elektroautos. Wenn aber alle ihre Verbrennungsmotoren durch Elektroautos ersetzen, wird kein einziges Auto von der Straße verschwinden. „Das Verkehrsnetz wird zusammenbrechen“, prophezeien Dr. Jürgen Daub und Prof. Dr. Gustav Bergmann vom Lehrstuhl für Innovations- und Kompetenzmanagement an der Uni Siegen. Politiker verfolgen europaweit die falschen Ziele, sagen die beiden. Ihr Lösungsansatz: Alternativen zum Privatauto durchzusetzen. Ideen entwickeln sie im Forschungsprojekt Remonet (Regionales eMobility Netzwerk) – besonders für die Stadt Siegen.

Prof. Dr. Gustav Bergmann und Dr. Jürgen Daub (v.l.) sehen für die Stadt Siegen großes Potenzial. (Foto: Universität Siegen)

Prof. Dr. Gustav Bergmann und Dr. Jürgen Daub (v.l.) sehen für die Stadt Siegen großes Potenzial. (Foto: Universität Siegen)

Wie auch in vielen anderen Städten stehe hier das private Auto seit den 1950er Jahren für individuelle Freiheit, Verkehrs- und Straßenpolitik würden danach ausgerichtet. Die Ampelschaltungen sähen lange Grünphasen für Autos und kurze Phasen für Fußgänger vor, die Hüttentalstraße (HTS) sei ausgebaut, Parkflächen in der Innenstadt geschaffen worden. Für Jürgen Daub ist das nicht der richtige Kurs. „Das gibt falsche Anreize, das Privatauto zu benutzen, statt zum Beispiel mit dem Bus oder dem Rad in die Innenstadt oder zur Arbeit zu fahren.“

Wenn der Forscher der Uni Siegen in die Zukunft blickt, sieht er für Siegen großes Potenzial, gerade weil die Stadt eine große Anziehungskraft für Bürger aus benachbarten Dörfern und Gemeinden hat. „Wie wäre es zum Beispiel, mit dem Bus in die Stadt zu fahren und den ganzen Tag shoppen zu gehen ohne schwer tragen zu müssen? Ein Lieferservice bringt mir am Abend all meine Artikel direkt bis zur Haustür“, schlägt er vor. „Damit würden wir viele Autos von der Straße holen und ein besseres Shopping-Erlebnis schaffen. Aber natürlich sind wir darauf angewiesen, dass der Öffentliche Nahverkehr gut ausgebaut ist und der Lieferservice einwandfrei funktioniert“, so Daub.

Geschäftsideen wie diese entwickeln Dr. Daub und Prof. Dr. Bergmann im Remonet-Projekt. Egal ob Carsharing, E-Bikes oder Fahrgemeinschaften – sie wollen die Menschen überzeugen, zumindest auf ihren Zweitwagen zu verzichten und über alternative Mobilität nachzudenken. „Um den Autoverkehr zu reduzieren, ist es wichtig, Car-Sharing-Systeme in Städten zu fördern und Mobilitätssysteme mit unterschiedlichen Mobilitätsformen zu entwickeln“, meint Daub.

Weil sich seit Jahrzehnten alles auf das Privatauto ausrichte, fällt es laut Daub vielen Menschen schwer, umzudenken. Um die Menschen dabei zu unterstützen, bieten die beiden Forscher Workshops und Tagungen an, wie die 3. Siegener eMobility-Konferenz. Dort konnten Bürger zusammen mit Wissenschaftlern und Politikern diskutieren und Erfahrungen austauschen. „Viele Bürger haben tolle Ideen, aber die Politiker müssen sie auch umsetzen wollen“, sagt Prof. Bergmann.

Das Siegerland mit seinen vielen Hügeln und Bergen verbinden die wenigsten mit einer ausgeprägten Radfahrertradition. Neue Technologien sollen die Bürger zum Umdenken bringen: „Mit den E-Bikes können wir ohne uns anzustrengen Berge hochfahren, das eröffnet ganz neue Möglichkeiten“, sagt Prof. Bergmann. In Siegen habe sich viel getan, Radwege seien neu geschaffen und ausgebaut worden.

„Wir wollen die Menschen dazu bringen, E-Fahrzeuge auszuprobieren, sich einfach auf diese neue Technik einzulassen – denn danach beschäftigen sich die meisten intensiver mit ihrer Mobilität“, sagt Bergman. Das sei ein erster Schritt. Denn fest stehe: „Wir müssen jetzt etwas ändern und neue Konzepte fördern, sonst ersticken wir an unseren eigenen Abgasen und versinken im Verkehrschaos.“

Das remonet-Projekt läuft seit 2014 für drei Jahre und wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit insgesamt 1,4 Millionen Euro gefördert.

Weitere Informationen unter www.remonet.eu

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