AKTION Guck ma: Invema e.V. verleiht zum siebten Mal den Inklusionspreis

 

(wS/red) Siegen 12.05.2017 | Aufzuzeigen, dass „Inklusion“ (die selbstverständliche Teilhabe behinderter Menschen in allen Lebensbereichen) noch lange nicht Realität geworden ist, es aber gleichzeitig gute Beispiele dafür gibt, wie Inklusion im „normalen Leben“ funktionieren kann – das will der Verein INVEMA e.V. aus Kreuztal mit seiner Aktion „Guck ma´“ und der Verleihung des jährlichen Inklusionspreises deutlich machen.

Anlässlich des Europäischen Protesttages zur Gleichstellung behinderter Menschen in allen Bereichen der Gesellschaft rief der Verein, der sich seit 1993 für die Inklusion behinderter Menschen in allen Lebensbereichen im Kreis Siegen-Wittgenstein einsetzt, nun bereits zum siebten Male die Öffentlichkeit dazu auf, Vorschläge für den „HIN- und WEG-gucker 2017“ zu machen.
Unter dem Motto „Guck ma´ – Inklusion beginnt im Kopf“ zeichnet der Verein Personen, Gruppen, Organisationen, Betriebe, Behörden oder Geschäfte dafür aus, sich entweder für die Inklusion (Teilhabe) von Menschen mit Behinderung besonders eingesetzt zu haben oder eben – im Gegenteil – Inklusion bewusst behindert, Menschen mit Behinderung ausgegrenzt und Teilhabe blockiert zu haben bzw. zu blockieren. Im ersten Fall wird die auserwählte Person bzw. die auserwählte Organisation, Behörde oder Firma mit dem „HINgucker“ ausgezeichnet, im zweiten Fall mit dem „WEGgucker“.

20 bis 30 Vorschläge gingen auch in diesem Jahr wieder sowohl für den „HIN-gucker“ als auch für den „WEG-gucker 2017“ von Seiten der Bevölkerung ein. Insbesondere Menschen mit Behinderung selbst und ihre Angehörigen nutzen die Aktion, ihrem Ärger Luft zu machen – aber auch um zu loben!

Verleihung des HINguckers an Schwimmschule Margit Müller
Auf dem Bild (von links nach rechts): Vorstandsmitglied Renate Weber, Geschäftsführer Stephan Lück, Preisträgerin Margit Müller, 1. Vorsitzende Christiane Münker. Foto: Verein INVEMA

Der Vorstand des Vereines INVEMA entschied sich nach Durchsicht der Vorschläge dazu, den „WEG-gucker 2017“ den „auf Gehwegen und Parkplätzen für behinderte Menschen parkenden Verkehrsteilnehmern“ zu verleihen, die durch ihr „Falschparken“ die selbständige Fortbewegung und letztlich auch Teilhabe von Menschen mit Behinderung be-hindern. Insbesondere hier trifft der von Menschen mit Behinderung geäußerte Satz „Ich bin nicht behindert – ich werde behindert“ ins Schwarze!
Das Thema ist nicht neu: Als Autofahrer will man „nur mal eben kurz“ in das Geschäft springen, kurz die Post einwerfen oder schnell den Kindern ein Eis holen. Was liegt also näher, als „nur mal eben kurz“ auf dem Gehweg zu parken oder – nach erfolgloser Parkplatzsuche – sich dann doch „mal eben kurz“ auf den „Behindertenparkplatz“ zu stellen. Schließlich will man ja nichts Böses und man will auch niemanden behindern und schließlich ist es ja auch „nur mal eben kurz“. Wer kennt diese Situation nicht?
Doch die Probleme, auf die dann „in genau diesem kurzen Moment“ Menschen mit Gehbehinderung, Menschen im Rollstuhl oder blinde Menschen stoßen, machte ein Vorstandsmitglied des Vereines INVEMA, welches selbst im Rollstuhl sitzt, im Rahmen der Verleihung sehr authentisch und einfühlsam deutlich.
Die Fahrt im schweren elektrischen Rollstuhl endet nämlich genau da, wo das Auto auf dem Gehweg parkt; aufgrund der oft hohen Bordsteine und der befahrenen Straße ist ein Umfahren nicht möglich und selbst Wendemanöver auf dem Gehweg nicht ungefährlich. Eltern mit Kinderwagen können die durch parkende Autos auf dem Gehweg entstandene Barriere gut nachvollziehen. Aber mal ganz ehrlich: wie schnell hat man das vergessen, wenn die Kinder groß sind … ?

Noch schwieriger wird es, wenn vor wichtigen öffentlichen Gebäuden der einzige für Rollstuhlfahrer nutzbare Parkplatz von Falschparkern belegt ist: dann ist der Besuch beim Arzt oder im Rathaus oder im Geschäft eben im Moment gar nicht möglich und das Vorhaben muss unverrichteter Dinge abgebrochen werden.
Da der Preis schlecht an einen Falschparker verliehen werden konnte, wurde der Preis stellvertretend an alle Autofahrer verliehen, die gedankenlos auf Gehwegen oder Rollstuhl-Parkplätzen parken. Im Zusammenhang mit der Verleihung wurden dann unter den Zuschauern der Preisverleihung Flyer verteilt und dazu aufgefordert, die Flyer an Windschutzscheiben falsch-parkender Autos zu heften. So erhalten diese Autofahrer „im Nachgang“ die „WEGgucker-Trophäe“ und werden über den Flyer dazu aufgefordert, über die Konsequenzen ihres „Falschparkens“ nachzudenken.

Der „HIN-gucker 2017“ wurde an die „Schwimmschule Margit Müller“ in Siegen verliehen. Die Schwimmschule Siegen ist keine besondere Schwimmschule – und das ist genau das Besondere! Vom Baby- bis zum Erwachsenenschwimmkurs oder auch bei der Wassergymnastik sind alle eingeladen und alle machen ganz selbstverständlich mit! Unabhängig von Herkunft oder Religion, ob jung oder alt, ob mit oder ohne Behinderung!
Für die Schwimmlehrerin Margit Müller ist klar: alle gehören dazu! So wurden von ihr seit vielen Jahren auch Kinder mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen „ganz selbstverständlich“ in den „normalen Schwimmkursen“ integriert. Besonders bewundernswert fand der Vorstand des Vereines INVEMA auch die Zivilcourage von Frau Müller, die einer Mutter, die den inklusiven Ansatz ihrer Schwimmkurse und die Teilnahme eines autistischen Kindes hinterfragte, „deutlich die Meinung gesagt“ und ihren inklusiven Ansatz verteidigt hatte.

Frau Müller selbst war von der Ernennung überrascht und schildert das, was sie tut, als selbstverständlich und ihre Einstellung zur gleichberechtigten Teilhabe von Menschen mit Behinderung bringt sie mit folgenden Worten auf den Punkt: „Alles andere geht ja wohl gar nicht“!
Der Vorstand des Vereines war sich sehr schnell darin einig, dass das selbstverständliche Engagement von Frau Müller in ihrer Schwimmschule, in der Inklusion „einfach gelebt wird“, ein echter „HINgucker“ ist und wieder einmal mehr deutlich macht, dass „viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, das Gesicht der Welt verändern – bzw. eine inklusive Gesellschaft erst entstehen lassen“.
Die 1. Vorsitzende des Vereines INVEMA, Christiane Münker, überreichte die von der Künstlerin Kött-Gärtner speziell für diesen Preis angefertigte Trophäe mit den Worten: „Sie sind für uns alle ein gutes Vorbild dafür, dass Inklusion nicht von oben verordnet werden kann, sondern von jedermann gelebt werden muss! Jeder kann etwas tun, jeder hat andere Stärken und Talente und jeder kann dort aktiv werden, wo er lebt und arbeitet. Sie setzen das in Ihrer Schwimmschule vorbildlich um!“

Die „Aktion GUCK MA´“ wird von der Aktion Mensch gefördert, die anlässlich des Europäischen Protesttages zur Gleichstellung behinderter Menschen Aktionen zum Thema „Barrierefreiheit und Miteinander in unserer Stadt“ unterstützt.

Pressefoto:

Verleihung des HINguckers an Schwimmschule Margit Müller
Auf dem Bild (von links nach rechts): Vorstandsmitglied Renate Weber, Geschäftsführer Stephan Lück, Preisträgerin Margit Müller, 1. Vorsitzende Christiane Münker

Rückfragen an:
Verein INVEMA, Stephan Lück, 02732-55290-40 oder 0160-5548578