Uni Siegen – „Partizipation ist häufig unterentwickelt“

(wS/red) Siegen 14.05.2019 | Prof. Bukow plädierte in seinem Vortrag bei Forum Siegen zum Thema „Stadtentwicklung“ für einen Aushandlungsprozess im Sinne einer neuen Urbanität.

Mit einem Plädoyer für eine „gute“ Stadtentwicklung war der Soziologe, Theologe, Ethnologe und Psychologe Prof. Dr. Wolf-Dietrich Bukow zu Gast bei Forum Siegen, der öffentlichen Vortragsveranstaltung der Universität Siegen. Bukows Forschungsprofessur am Forschungskolleg „Zukunft menschlich gestalten“ (FoKoS) der Universität habe die Schwerpunkte Mobilität und Diversität, stellte Prof. Dr. Gustav Bergmann den Vortragenden bei der Begrüßung vor. Diese Themen spiegelten sich auch in den Ausführungen zu einer „guten“ Stadtentwicklung wider. Wer sich mit Stadtentwicklung befasse, müsse sich darüber klarwerden, was die Attraktivität von Städten ausmache, erklärte Bukow. Bislang hapere es an einheitlichen Konzepten. Jede Fachrichtung habe eigene Vorstellungen und sei häufig nicht bereit, den Blick für andere Perspektiven zu weiten. Für eine „gute“ Stadtentwicklung seien sowohl diagnostische und analytische Kenntnisse darüber vonnöten, was eine Stadt ausmacht, als auch Kenntnisse darüber, „was die Menschen wollen“. „Wir brauchen ein Gesamtbild, einen sach- und sozialadäquaten Referenzrahmen, der den Menschen gerecht wird“, erläuterte Bukow.

Die Vorstellungen von Stadt seien mittlerweile global. Mit ihr einher gingen Bedürfnisse, deren Erfüllung Städten zugeschrieben werde. Diese Bedürfnisse besäßen eine ebenfalls globale Rangordnung: Arbeit, Wohnen, Bildung für die Kinder, alltägliche Versorgung, kulturelle und religiöse Möglichkeiten, Kommunikation und faire Beteiligung. „Vor diesem Hintergrund erscheint der urbane Alltag attraktiv“, erklärte Bukow, zumal er eine Anerkennung der „Vielen als Viele“ im Möglichkeitsraum Stadt in Aussicht stelle: „Der urbane Alltag ist eine attraktive globale Vision geworden. Er zieht sich durch alle Gesellschaften und Räume – von der Kleinstadt bis zur Megacity.“ Nur: In riesigen Städten sei diese Urbanität fast nicht mehr durchzusetzen. In Gemeinwesen mit etwa 1200 Einwohnerinnen und Einwohnern indes schon.

Das Urbanitätsnarrativ basiere eben auf der Betrachtung der Stadt als Möglichkeitsraum, der allen ein funktionsmäßig dichtes und gemischtes Zusammenleben verspreche, führte Prof. Bukow weiter aus. Das setze nicht nur eine alltagsorientierte, selbstbewusste und engagierte Stadtgesellschaft voraus, sondern auch eine Stadtstruktur, die urbanes Zusammenleben in einem überschaubaren Raum und für alle ermögliche. Heute stehe dem beispielsweise das ausgeprägte Pendlerwesen entgegen. Städte sollten es Alteingesessenen wie Neuankömmlingen ermöglichen, sich nachhaltig gesellschaftlich zu platzieren und sich ohne Ansehen der Person im vertrauten sozialen Umfeld engagieren zu können. Deshalb rücke das Quartier wieder in den Fokus, in dem die genannten Bedürfnisse wie in einem Dorf in überschaubarem Rahmen erfüllt werden könnten.

Das Quartier erfülle drei Grundsätze des Lebens und des Miteinanders, führte Bukow aus: „Leben und leben lassen“ als Grundsatz der Toleranz, „Es ist schon immer gut gegangen“ als Vertrauen in die Kräfte des Quartiers und „Sehen und gesehen werden“ als Verwirklichung des Bedürfnisses nach Anerkennung und Präsenz. Bukow: „Man braucht in der Stadtgesellschaft systemische Strukturen. Das gilt mit Blick auf Arbeit, Wohnen, Versorgung, Gesundheit und Bildung.“ Bukow plädierte in diesem Zusammenhang für Verwaltungsstrukturen auf Quartiersebene: Lokale Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft erzeugten eine bevölkerungsnahe Verantwortlichkeit, das Quartier sei der entscheidende Raum für gutes Zusammenleben. Es basiere auf Offenheit und Überschaubarkeit des urbanen Raumes. Schlagwort sei die „Stadt der kurzen Wege“. Um diese zu erhalten, bedürfe es des Zusammenspiels von Zivilgesellschaft und Kommunen in Form eines Aushandlungsprozesses neuer Urbanität. Schon seit Jahrzehnten sei bekannt, dass Einkaufszentren am Rande der Städte oder auf der grünen Wiese Urbanität zerstörten. Auch der ländliche Raum werde aktiv. Es gebe Beispiele dafür, dass Orte und Kommunen gemeinsam aktiv werden und Zukunftsperspektiven entwickeln.

Am 16. Mai referiert bei Forum Siegen Prof. Dr. Bernd Meyer zum Thema „Die gesunde Stadt spricht viele Sprachen“ – wie üblich um 20 Uhr in der Aula des Lÿz an der St.-Johann-Straße.


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