Virtuelle Rekonstruktion der Siegener Synagoge

(wS/Si) Siegen 15.07.2021 | Die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Siegerland e.V. präsentiert am 9. November 2021 im Rahmen des Jubiläumsjahres „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ die Virtuelle Rekonstruktion der Siegener Synagoge.

Ort: Außenwand des Bunkers (Aktives Museum Südwestfalen), Obergraben 10, Siegen
Zeit: Dienstag, 9. November 2021, 17:00–21:30 Uhr
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Virtuelle Rekonstruktion der Siegener Synagoge
Zum Gedenken an die Reichspogromnacht lassen die Multimedia-Künstlerin Gabriela von Seltmann und ihr internationales Team die Siegener Synagoge virtuell auferstehen. In einer animierten Video- und Klang-Installation erhebt sich die am 10. November 1938 niedergebrannte Synagoge aus den Trümmern und erscheint an der Außenwand des Hochbunkers (Aktives Museum Südwestfalen) in ihrer einstigen Gestalt. Das 1904 eingeweihte Zentrum der Siegerländer Juden kehrt zurück in das Gedächtnis der Stadt. Während der zwei- und dreidimensionalen Animation sind historische und zeitgenössische Aufnahmen von synagogalen Gesängen zu hören.
Die Premiere der ersten virtuellen Rekonstruktion einer Synagoge in Deutschland soll stellvertretend die über 1400 Synagogen und Bethäusern ins Gedächtnis rufen, die in der sogenannten Reichskristallnacht im November 1938 zerstört wurden.

Das einzigartige Ereignis wird in den Zuschauern vor Ort und weltweit (Live-Übertragung im Internet) vielfältige Emotionen erwecken – die virtuelle Rekonstruktion der Siegener Synagoge erreicht nicht nur die Köpfe, sondern auch die Herzen und Seelen. Für manche Zuschauer wird das Ereignis die erste Begegnung mit der jüdischen Kultur und dem Judentum überhaupt sein.
Die Universitäts- und Industriestadt Siegen zählt rund 100.000 Einwohner und liegt etwa 130 Kilometer nördlich von Frankfurt (Main) und 90 Kilometer östlich von Köln. Der Kreis Siegen-Wittgenstein ist seit 1973 durch eine offizielle Partnerschaft eng verbunden mit dem Kreis Emek Hefer in Israel. Bei der Partnerschaft handelt es sich um die erste offizielle Kreispartnerschaft zwischen Deutschland und Israel.

Stein für Stein wird die Siegener Synagoge am Computer wieder zusammengefügt.
Das Projekt der virtuellen Rekonstruktion der Siegener Synagoge ist eine deutsch-polnisch-ungarische und zugleich jüdisch-christliche Co-Produktion. Die Künstler stammen aus Ländern, in denen wie in Ungarn und Polen nationalistisch-autokratische Regierungen die Demokratie in autoritäre Staatsformen umwandeln und in denen – wie auch in Deutschland – der Antisemitismus in alle Bevölkerungsschichten eindringt. Das Projekt ist also auch als Warnung und Mahnung vor wachsender Judenfeindschaft gedacht – gemäß der Worte des Literaturnobelpreisträgers Hermann Hesse: „Es kommt alles wieder, was nicht bis zu Ende gelitten und gelöst ist.“
Zugleich wird bei der Open-Air-Veranstaltung die 2018 uraufgeführte virtuelle Rekonstruktion der Großen Synagoge Warschau gezeigt – als grenzübergreifendes Zeichen dafür, dass Tod und Zerstörung durch Erinnerung,

Versöhnung und Liebe überwunden werden können. Das 1878 erbaute Wahrzeichen des einst blühenden jüdischen Lebens in Warschau war am 16. Mai 1943 von der SS gesprengt worden. Das Warschauer Ghetto steht – neben Auschwitz – als Symbol für die Vernichtung des europäischen Judentums durch die Deutschen. In Warschau war vor der Schoah mit über 300.000 Mitglieder die größte jüdische Gemeinde Europas beheimatet.

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Gabriela von Seltmann:
„Nur wenn der offene Umgang mit der Vergangenheit gelingt, kann es zu einem Prozess des gegenseitigen Verstehens kommen und damit zu einem friedlichen Miteinander in Gegenwart und Zukunft. Tod und Zerstörung dürfen nicht das letzte Wort behalten! Durch Erinnerung, Versöhnung, Hoffnung und Liebe können wir Tod und Zerstörung überwinden.“

„Erinnern allein genügt nicht. Erinnern muss immer mit Empathie verbunden sein. Diese Empathie kann vor allem mit künstlerischen Projekten erweckt werden, denn Kunst kann in besonderem Maße jene Gefühle hervorrufen, die Voraussetzung für Empathie sind. Kunst kann Erinnerungen zurückbringen, Hoffnung geben, inspirieren und heilen. Wo es Empathie gibt, herrscht keine Angst mehr.“
„Wenn wir uns nicht den Erinnerungen stellen, bürden wir die Lasten den nächsten Generationen auf. Sie werden Probleme haben. Ihre Kinder werden Probleme haben.“

Frederick Whittaker, US-amerikanischer Holocaust-Experte:
„Das Projekt zeigt, dass Kunst die Kraft hat, uns zum Erinnern zu nötigen, in uns Hoffnung zu erwecken, in uns Heilung zu bewirken und uns zu einer größeren Liebe aufzurufen.“


Das Foto zeigt die virtuelle Rekonstruktion der Großen Synagoge Warschau, die am 16. Mai 1943 auf Befehl des SS-Generals Jürgen Stroop gesprengt worden war. Auf ihrem ehemaligen Standort befindet sich heute ein Finanzhochhaus, an dessen Außenfassade die Video Installation projiziert wurde.
Die Multimedia-Installationen zu den Jahrestagen des Warschauer Ghettoaufstands am 19. April 2018 und am 18. April 2019 sowie – pandemiebedingt – am
26. September 2020 wurden von bis zu 7000 Besuchern vor Ort und mehreren Tausend weltweit per Live-Stream gesehen.

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Die Juden in Siegen und im Siegerland
Das südwestfälische Siegerland gehört zu jenen Regionen in Deutschland, in denen sich jahrhundertelang keine Juden ansiedelten durften. Die älteste urkundliche Erwähnung von Juden in Siegen stammt aus dem Jahr 1253, doch die mittelalterliche jüdische Gemeinde wurde vermutlich während der Pestpogrome 1349/50 ausgelöscht. Bis in die napoleonische Zeit hinein (um 1800) verweigerte das Fürstenhaus Nassau Jüdinnen und Juden das Aufenthaltsrecht im Siegerland. Erst als unter dem Einfluss der Französischen Revolution (1789) und der Aufklärung den Juden in den deutschen Landen mehr Rechte und Freiheiten gewährt wurden, konnte sich 1815 zum ersten Mal seit dem Mittelalter eine jüdische Familie in Siegen niederlassen. Es dauerte jedoch weitere drei Jahrzehnte, ehe ihr 1843 die Stadt das Bürgerrecht gewährte.
Ein nennenswertes jüdischen Leben in Siegen lässt sich ab 1867 verzeichnen, als mehrere jüdische Familien aus dem angrenzenden Sauerland und Wittgenstein in die wachsende Industriestadt zogen. 1884 gründeten sie eine Gemeinde, die sich zwanzig Jahre später (1904) eine Synagoge errichtete. Die Gemeinde, die meist um die hundert Mitglieder zählte, bestand jedoch keine sechs Jahrzehnte: Im Februar 1943 wurden die letzten Siegener Jüdinnen und Juden in die nationalsozialistischen Vernichtungslager deportiert. Zuvor hatten am 10. November 1938 Siegener SS- und SA-Männer die Synagoge in Brand gesteckt und zerstört. Seit 1945 lebten und leben nur vereinzelt Jüdinnen und Juden in Siegen.

Der Textilkaufmann Meier Leser Stern (Bildmitte) war die zentrale Persönlichkeit der Siegerländer Judenheit.
Das Foto wurde am 6. Oktober 1920 auf dem Fest der Goldenen Hochzeit des Ehepaars Sara (1850–1933) und Meier Leser Stern (1834–1924) aufgenommen.
Meier Leser Stern war Mitgründer der Synagogengemeinde Siegen und von Beginn an bis Oktober 1921 deren Vorsitzender. Das Ehepaar hatte fünf Kinder und 18 Enkel, von denen acht rechtzeitig auswandern konnten und die Schoah in Australien, England, Israel und den USA überlebten.

Die Synagoge Siegen
Die Siegener Synagoge wurde von dem renommierten Berliner Architekten Eduard Fürstenau (1862–1938) entworfen. Der Gottesdienstraum bot unten 90 Sitzplätze für Männer und auf der Empore 70 für Frauen. Die Gottesdienste wurden von einem Chor und einem Harmonium musikalisch umrahmt. Das Gebäude enthielt zudem einen Schulraum, ein rituelles Bad und eine Hausmeisterwohnung.

Die am 22. Juli 1904 eingeweihte Synagoge wurde gegen Mittag des 10. Novembers 1938 von Siegener SA und SS-Männern in Brand gesteckt. Die Feuerwehr konzentrierte sich darauf, das Überspringen des Feuers auf die umliegenden Gebäude zu verhindern. Die zahlreichen Schaulustigen verhielten sich ruhig, weder Beifallsbekundungen noch Protest waren zu vernehmen. Nach der Zerstörung verlangten die NS-Behörden von der Gemeinde den Abbruch der Ruine und den Verkauf des Grundstücks. Die Kosten des Abbruchs hatte die Gemeinde zu übernehmen. Das Grundstück ging am 20. Juli 1940 – fast auf den Tag genau 36 Jahre nach Einweihung der Synagoge – weit unter Wert an die Stadt Siegen. 1941 baute die Stadt auf dem Grundstück einen Luftschutzbunker. Nichts sollte mehr daran erinnern, dass hier eine Synagoge gestanden hatte.

Mitwirkende Künstler
GABRIELA (GABI) VON SELTMANN (Hilchenbach/Warschau) zählt zu den bedeutendsten Protagonistinnen der jüdischen Kulturszene (Foreign Policy/USA, 2020). Ihr Spektrum umfasst animierte Video-Clips, Dokumentarfilme, avantgardistisches Musiktheater und visuelle Großprojekte. Mit ihren Projekten möchte sie das reichhaltige Erbe der jüdischen Kultur bewahren und wiederbeleben.
https://gabivonseltmann.com/

Das polnisch-ungarische Künstlerpaar ELWIRA WOJTUNIK und POPESZ CSABA LÁNG (Krakau) präsentiert unter dem Label Elektro Moon Vision seine interaktiven Multimedia-Installationen, Animationen und Augmented-Reality-Kunstprojekten auf fast allen Kontinenten.
https://elektromoon.com/

MARCIN LENARCZYK (Warschau) aka DJ Lenar ist ein international gefragter Filmkomponist, Sound-Designer, Sound-Engineer und Avantgardemusiker.
Die im ukrainischen Tschernobyl geborene und in Tel Aviv und Wien ausgebildete Sängerin SVETA KUNDISH (Berlin) ist in Konzertsälen ebenso zu Hause wie in Synagogen: Seit 2018 leitet sie als Vorbeterin und Kantorin die Gottesdienste in der Jüdischen Gemeinde Braunschweig.
https://www.pattysounds.com/sveta-kundish–patrick-farrell-de.html

Die Fotografin und Scherenschnitt-Künstlerin MONIKA KRAJEWSKA (Warschau) widmet sich seit über 40 Jahren der jüdischen Kunst. Mit ihren Scherenschnitten hat sie das von den Nationalsozialisten weitgehend ausgelöschte Kunsthandwerk des osteuropäisch-jüdischen Scherenschnitts neu belebt.

Powerful Papercuts: Online Exhibition of Monika Krajewska’s “Burning” Cycle (2003-2020), a requiem for the Jewish world destroyed in the Shoah

MAREK GAJCZAK (Krakau) gehört zu den bedeutendsten Kameramännern und Bildregisseuren (Director of Photography) des polnischen zeitgenössischen Films.
http://www.gajczak.pl/

UWE VON SELTMANN (Hilchenbach/Warschau) beschäftigt sich seit über 30 Jahren sowohl mit der jüdischen Geschichte und Kultur als auch mit den familiären, gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen der NS-Zeit auf die Gegenwart. Zuletzt erschien im März 2021 „Wir sind da!“, das offizielle Buch zum Jubiläumsjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ (homunculus verlag Erlangen).
https://uwe-von-seltmann.de

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Die virtuelle Rekonstruktion der Siegener Synagoge findet auf Initiative der Gesellschaft für Christlich Jüdische Zusammenarbeit Siegerland (CJZ) statt. Die 1959 gegründete CJZ erinnert seit 1965 alljährlich am Platz der zerstörten Synagoge an die Reichspogromnacht von 1938. Das diesjährige Gedenken am 9. November 2021 findet im Rahmen des Jubiläumsjahres „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ statt. www.cjz-siegen.de

Kontakt
Werner Stettner,
katholischer Vorsitzender der CJZ Siegerland:
westernet@arcor.de
Tel.: +49 1515 6055604 oder +49 271 31395733

Uwe von Seltmann,
Projektleiter:
uvseltmann@gmail.com
Tel.: +49 172 3474445
https://synagoge-siegen.de/presse

Bildnachweis: Collage: Gabriela von Seltmann; Fotos: Archiv Aktives Museum Südwestfalen, Berlinische Galerie, Elektro Moon Vision, Siegerländer Heimat- und Geschichtsverein, Uwe von Seltmann.
Autor: Uwe von Seltmann

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