(wS/red) Niederfischbach/Siegen-Wittgenstein 30.10.2026 | Eine Bürgerinitiative aus Niederfischbach im Kreis Altenkirchen richtet sich mit deutlicher Kritik an die Behörden in Südwestfalen und den angrenzenden Bundesländern: Unter dem Namen „ASP-ZAUN-STOPP“ haben sich Bürger aus dem Siegerland, dem Kreis Olpe, Wittgenstein, dem Westerwald und angrenzenden hessischen Regionen zusammengeschlossen, um auf die aus ihrer Sicht gravierenden Folgen der ASP-Schutzzäune für die heimische Tierwelt aufmerksam zu machen. Sprecher der Initiative ist Swen W. Nähs aus Niederfischbach.
Hintergrund: Über 16 Monate ASP-Bekämpfung in Südwestfalen
Die Afrikanische Schweinepest (ASP) war am 14. Juni 2025 erstmals in Nordrhein-Westfalen nachgewiesen worden — bei einem verendeten Wildschwein im Kreis Olpe. Wenige Wochen später folgten Fälle im Kreis Siegen-Wittgenstein, im Februar 2026 breitete sich die Tierseuche auch in den Hochsauerlandkreis aus. Die ASP verläuft für Haus- und Wildschweine fast immer tödlich, ist unheilbar und für Menschen ungefährlich. Die wirtschaftlichen Folgen für die Schweinehaltung können jedoch erheblich sein.
Als zentrale Maßnahme zur Eindämmung setzen die Behörden auf Schutzzäune. Bereits im Juli 2025 begannen die Kreise Olpe und Siegen-Wittgenstein mit der Errichtung von Zaunanlagen — teils als festes Knotengitter mit Untergrabeschutz, teils als Elektrolitzenzäune. Im April 2026 ordnete das NRW-Landwirtschaftsministerium unter Ministerin Silke Gorißen (CDU) einen weiteren Schutzzaun innerhalb der Sperrzone II an. Nahezu der gesamte Kreis Siegen-Wittgenstein gilt inzwischen als Sperrzone. Auch die angrenzenden Kreise in Rheinland-Pfalz — der Westerwaldkreis und der Kreis Altenkirchen — errichteten ihrerseits Schutzzäune entlang der NRW-Grenze. Hinzu kommen Zäune auf hessischer Seite. Bis Juni 2026 standen nach Angaben des NRW-Landwirtschaftsministeriums rund 400 Kilometer Schutzzaun allein um das Kerngebiet. Das Land NRW hat nach eigenen Angaben bisher rund 35 Millionen Euro für die ASP-Bekämpfung aufgewendet.
Initiative: „Sogar Talsperren komplett eingezäunt“
Die Bürgerinitiative „ASP-ZAUN-STOPP“ beziffert die Gesamtlänge der bisher errichteten Zäune in Südwestfalen und den angrenzenden Regionen von Rheinland-Pfalz und Hessen auf schätzungsweise 800 Kilometer. Sprecher Swen W. Nähs wirft den Behörden vor, dass die Realität vor Ort den öffentlichen Darstellungen widerspreche: Entgegen der Aussage, es gebe ausreichend Durchlässe für das Wild, seien sogar Talsperren nachweislich komplett eingezäunt worden — ohne jegliche Freiräume oder Passagen. Als konkretes Beispiel nennt die Initiative die Obernautalsperre bei Netphen.
Die Initiative bezeichnet die Zäune als „massive Zerschneidung der Landschaft“ mit gravierenden Folgen für die heimische Tierwelt. Immer wieder blieben Rotwild und andere Wildtiere in den Zäunen hängen, verletzten sich schwer oder verendeten qualvoll, so die Bürgerinitiative. In der Jägersprache werde dies zynisch als „Beifang“ bezeichnet.
Petition auf change.org gestartet
Bereits im Sommer 2026 hatte die Initiative eine Online-Petition auf der Plattform change.org ins Leben gerufen, um den Rückbau der Zäune zu fordern. Parallel betreibt die Gruppe eine Facebook-Seite, die als zentrale Informations- und Vernetzungsplattform für Betroffene aus der gesamten Grenzregion dienen soll — vom Siegerland über den Kreis Olpe und Wittgenstein bis in den Westerwald und die hessischen Nachbarregionen.
Die Initiative ruft Bürger dazu auf, Fotos und Videos von Missständen — beschädigte Zäune, herausstehende Haken, ausgetrocknete Wasserstellen oder eingesperrte und verletzte Tiere — einzusenden. Ausdrücklich betont die Gruppe, dass sie ausschließlich mit legalen und demokratischen Mitteln arbeite und sich von jeglichen Aufrufen zur Sachbeschädigung oder eigenmächtigem Verändern der Zäune distanziere. Fotos sollen ausschließlich von öffentlichen Wegen aus gemacht werden.
Kein neues Problem: Bereits in Brandenburg gab es ähnliche Konflikte
Der Konflikt zwischen Seuchenbekämpfung und Wildtierschutz ist nicht auf Südwestfalen beschränkt. Bereits in den Jahren 2021 und 2022 hatte der ASP-Schutzzaun im Nationalpark Unteres Odertal in Brandenburg bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Dort waren Dutzende Rehe verendet, weil sie dem Hochwasser der Oder aufgrund der Zäune nicht ausweichen konnten. Der Deutsche Tierschutzbund stellte Strafanzeige, mehr als 100.000 Menschen unterzeichneten eine Online-Petition, und der Zaun wurde schließlich teilweise verlegt. Der WWF forderte damals eine Überprüfung aller Zäune in sämtlichen Schutzgebieten.
Opposition kritisiert Krisenmanagement in NRW
Auch auf politischer Ebene steht die ASP-Bekämpfung in NRW in der Kritik. Die SPD-Landtagsfraktion hatte eine Große Anfrage an die Landesregierung gerichtet. Die SPD-Abgeordnete Julia Kahle-Hausmann bezeichnete die Antworten der Landesregierung als ein „Protokoll von Zaghaftigkeit und unterschätztem Risiko“. Landwirtschaftsministerin Gorißen verteidigte die Maßnahmen und betonte wiederholt, dass eine Ausbreitung der ASP in bislang nicht betroffene Gebiete erfolgreich verhindert worden sei. Bislang ist kein Hausschweinebestand in NRW betroffen.
Stellungnahme der Kreisbehörden steht aus
Ob die Vorwürfe der Bürgerinitiative — insbesondere bezüglich der angeblich fehlenden Durchlässe und der Einzäunung der Obernautalsperre — zutreffen, konnte zum Redaktionsschluss nicht unabhängig verifiziert werden. Die Redaktion hat den Kreis Siegen-Wittgenstein um eine Stellungnahme gebeten.

Die Petition ist unter change.org erreichbar, die Facebook-Seite der Initiative unter: facebook.com/
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