GÄNSEHAUT IM SIEGERLAND! „Stahl muss fließen!” – Tausende kämpfen Schulter an Schulter für den Erhalt der DEW in Geisweid

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(wS/at) Geisweid 26.10.2026 | Ausnahmezustand in Siegen-Geisweid: Rund 3.500 Menschen sind am Montagabend dem Aufruf der IG Metall zur Großdemonstration für den Erhalt des Stahlwerks der Deutschen Edelstahlwerke (DEW) gefolgt. Vom Bürgerhaus zog der Demonstrationszug zur zentralen Kundgebung auf den Klafelder Markt. Die Veranstalter sprachen von bis zu 4.000 Menschen auf dem Platz. Im Mittelpunkt stand die Sorge um rund 400 Arbeitsplätze, die mit der geplanten Aussetzung der Stahlerzeugung ab Mitte 2028 auf dem Spiel stehen – und ein über den Abend immer wiederkehrender Ruf: bezahlbare und verlässliche Strompreise für die Industrie, und zwar jetzt.

wirSiegen kompakt: Was: Großdemonstration der IG Metall für den Erhalt der Stahlerzeugung bei den Deutschen Edelstahlwerken (DEW) in Siegen-Geisweid. Wann: Montag, 26. Oktober 2026, Demonstrationszug ab 17.45 Uhr am Bürgerhaus Geisweid, anschließend Kundgebung auf dem Klafelder Markt. Teilnehmer: rund 3.500 (Angabe der Stadt Siegen); die Veranstalter nannten bis zu 4.000 Menschen auf dem Marktplatz. Anlass: Der Mutterkonzern Swiss Steel will die Stahlerzeugung in Geisweid voraussichtlich ab Mitte 2028 aussetzen. Rund 220 Menschen arbeiten direkt in der Stahlerzeugung, die IG Metall rechnet mit bis zu 400 betroffenen Arbeitsplätzen. Veranstalter: IG Metall.

Ein Meer aus Fahnen und Handylichtern

Schon beim Sammeln am Bürgerhaus war die Stimmung aufgeladen. Musikalisch begleitet wurde der Abend von einem Musiker, der mit dem Lied „Weltkulturerbe” und später mit „You’ll Never Walk Alone” für Gänsehautmomente sorgte – Tausende Teilnehmer hielten dabei die Taschenlampen ihrer Handys in die Höhe. Immer wieder brandeten Sprechchöre auf: „Wir sind das Stahlwerk!”, „Stahl ist Zukunft!” und „Stahl muss fließen!”. Das Motto des Abends, von der IG Metall ausgegeben, lautete: „Verstummt der Puls des Stahls, verliert Geisweid sein Herz.”

Die Betriebsräte: Kritik an einer Videobotschaft

Deutliche Worte fanden die Betriebsräte. Der Betriebsratsvorsitzende des Standorts Geisweid erinnerte daran, dass er bereits 1993 als 17-Jähriger eine Schließungsdrohung miterlebt habe – damals habe die Belegschaft nicht aufgegeben. „Warum nicht jetzt?”, rief er unter dem Applaus der Menge. Besonders der Weg, auf dem die Belegschaft informiert worden sei, sorgte für Empörung: Die Ankündigung sei per Videobotschaft erfolgt. „Wir sind keine Nummer auf einer Bilanz, wir sind Menschen”, betonte er. Sein Appell an die Politik: „Macht unseren Kampf zu eurem Kampf!”

Solidarität kam vom Standort Hagen, der nach den Konzernplänen verkauft werden soll. Dessen Betriebsratsvorsitzender Thomas Richter betonte, man stehe vor denselben Sorgen und kämpfe für dasselbe Ziel. Vor allem aber verwies er auf einen Punkt, der sich an diesem Abend wie ein roter Faden zog: Schon seit vier, fünf Jahren fordere man verlässliche Strom- und Gaspreise. „Wenn nicht schnell was passiert in Berlin, dann gehen die Lichter aus”, habe man bereits vor Monaten gewarnt. „Und jetzt stehen wir hier, kurz davor.”

Bürgermeister Vitt: „Ein Stahlwerk ist kein Lichtschalter”

Am Demonstrationszug beteiligte sich auch Siegens Bürgermeister Tristan Vitt. In seiner Rede auf dem Klafelder Markt machte er deutlich, dass es um weit mehr als eine unternehmerische Entscheidung gehe – es stünden Familien, Existenzen und die Identität eines ganzen Stadtteils auf dem Spiel. Die Entscheidung treffe „Geisweid und Siegen mitten ins Herz”.

Die vom Konzern angekündigte „Pause” der Produktion kritisierte Vitt scharf: „Ein Stahlwerk ist kein Lichtschalter, den man einfach ausknipst und Jahre später wieder einschaltet. Wenn Fachkräfte gehen, Produktionskapazitäten abgebaut werden und jahrzehntelang gewachsenes Wissen verloren geht, lässt sich das nicht einfach rückgängig machen.” Zugleich nahm er die Bundes- und Europapolitik in die Pflicht. Man brauche „keine weiteren Sonntagsreden über den Industriestandort Deutschland”, so Vitt, und appellierte direkt an die Bundesregierung: „Lassen Sie die Menschen hier und an den anderen bedrohten Standorten nicht allein!”

Landrat Müller: vier Forderungen und ein klares Ziel

Landrat Andreas Müller stellte sich ebenfalls hinter die Beschäftigten und formulierte vier konkrete Forderungen: Swiss Steel müsse sämtliche Alternativen ernsthaft und transparent prüfen – gemeinsam mit Betriebsrat und IG Metall; alle Verantwortlichen aus Unternehmen, Arbeitnehmervertretung, Stadt, Kreis, IHK, Agentur für Arbeit und Land müssten an einen Tisch; die Strompreisfrage müsse endlich gelöst werden; und die Beschäftigten dürften nicht allein gelassen werden. Sein Ziel formulierte Müller unmissverständlich: „Unser Ziel ist nicht der beste Sozialplan. Unser Ziel ist ein Stahlwerk mit Zukunft.” Er erinnerte daran, dass im Siegerland seit rund 2.500 Jahren Eisen gewonnen werde und in Geisweid aus recyceltem Schrott mit Strom moderner Edelstahl – „Green Steel” – entstehe. Wer es mit dem Klimaschutz ernst meine, dürfe einen solchen Standort nicht aufgeben, sondern müsse ihn stärken. In Richtung Berlin, Düsseldorf und Brüssel forderte er: „Wettbewerbsfähige und verlässliche Strompreise! Und zwar jetzt, nicht irgendwann!”

Unterstützung aus dem Land

Auch das Land Nordrhein-Westfalen war vertreten: Die stellvertretende Ministerpräsidentin und Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne) war zur Kundgebung gekommen. Sie sicherte den Beschäftigten die Unterstützung der Landesregierung zu und verwies darauf, dass das Land bei Investitionsbereitschaft von Unternehmen zu Kofinanzierungen bereitstehe, wie an anderen Standorten in NRW bereits geschehen. Zugleich bekräftigte sie die Forderung nach einem Industriestrompreis auf Bundesebene, um energieintensive Betriebe im internationalen Wettbewerb nicht zu benachteiligen.

IG Metall: „Kämpfen lohnt sich”

Für die IG Metall sprach NRW-Bezirksleiter Knut Giesler. Er warf der DEW-Führung schwere Managementfehler über mehr als zehn Jahre und verfehlte Zukäufe vor und erinnerte an den jahrelangen Verzicht der Belegschaft, etwa bei Urlaubs- und Weihnachtsgeld, um das Werk zu sichern. Diesen Verzicht werde es im kommenden Jahr nicht mehr geben: „Wer schließen will, kriegt kein Geld von den Arbeitnehmern.” Als Vorbild nannte Giesler den Standort Kreuztal, der nach einem bereits beschlossenen Aus durch gemeinsamen Widerstand erhalten geblieben sei: „Kämpfen lohnt sich.” Scharf kritisierte er auch die Bundespolitik – man demonstriere seit Jahren für einen Industrie- beziehungsweise Brückenstrompreis, ohne dass eine Bundesregierung reagiere. Die IG Metall kündigte an, den Arbeitskampf notfalls bis zum Streik zu führen, sollte der Konzern an den Plänen festhalten. Solidaritätsgrüße überbrachte zudem André Arenz, bislang Erster Bevollmächtigter der IG Metall Olpe und neu gewähltes geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall.

Ein Abgeordneter wird selbstkritisch

Bemerkenswert offen äußerte sich der heimische CDU-Bundestagsabgeordnete Benedikt Büdenbender. Er benannte zu hohe Energiepreise und den härter gewordenen internationalen Wettbewerb – räumte aber zugleich ein: „Auch politische Entscheidungen der vergangenen Jahre haben dazu beigetragen, dass die Bedingungen für Industrieunternehmen in Deutschland schwieriger geworden sind, und das muss man auch selbstkritisch als Politiker aus Berlin sagen können.” Einen schnellen Schalter, der alle Probleme löse, gebe es nicht; er wolle aber „dort Druck machen, wo politischer Druck notwendig ist”. Entscheidend sei nicht das Parteibuch, sondern der Erhalt der Arbeitsplätze.

Der Hintergrund: der Konzernplan „DEW 2030″

Der Mutterkonzern Swiss Steel hatte seine Pläne am 13. Oktober unter dem Namen „DEW 2030″ vorgestellt. Danach soll die Stahlerzeugung in Geisweid voraussichtlich ab Mitte 2028 ausgesetzt werden. Das Walzwerk soll zunächst weiterlaufen und künftig mit Stahl aus dem Werk in Witten versorgt werden, wo der Konzern in einen neuen Elektrolichtbogenofen investiert. Die DEW-Werke in Hagen und Krefeld mit zusammen rund 750 Beschäftigten sollen verkauft werden; findet sich kein Käufer, droht auch dort das Aus. Konzernweit stehen damit mehr als 1.000 Arbeitsplätze im Fokus. Betriebsbedingte Kündigungen seien nicht beschlossen, über Interessenausgleich und Sozialplan werde mit den Betriebsräten verhandelt, erklärte das Unternehmen. Als Gründe nennt der Konzern einen dauerhaft geschrumpften europäischen Markt für Spezialstahl, eine schwache Nachfrage aus Automobilindustrie und Maschinenbau, billige Importe – und hohe Energiekosten.

Jahrelang gewarnt – und erst jetzt der große Aufschrei?

So geschlossen der Protest an diesem Abend war, so sehr drängte sich zwischen all den Aufrufen zum „Kämpfen” eine Frage auf: Warum erst jetzt? Das Kernproblem, das nahezu jeder Redner nannte – die hohen Energiekosten –, ist nicht neu. Betriebsräte und IG Metall betonten selbst, sie forderten seit „vier, fünf Jahren” verlässliche Strompreise; man habe bereits vor Monaten gewarnt, dass „die Lichter ausgehen”. Bezirksleiter Knut Giesler erklärte, man demonstriere „seit Jahren” für einen Industriestrompreis – „und jede Bundesregierung reagiert darauf nicht”.

Die Rahmenbedingungen, an denen der Standort heute leidet – hohe Strompreise, Abgaben, Wettbewerbsnachteile –, sind kein Naturereignis. Vieles davon ist das Ergebnis politischer Weichenstellungen der vergangenen Jahre, getroffen von wechselnden Bundesregierungen, an denen in den vergangenen rund zehn Jahren CDU/CSU, SPD, Grüne und FDP beteiligt waren – und gewählt von den Bürgern. Vertreter eben dieser Parteien standen am Montagabend auf der Bühne und riefen zum Kampf für den Standort auf. Dass auch die Politik ihren Anteil trägt, räumte immerhin einer offen ein: Der CDU-Bundestagsabgeordnete Benedikt Büdenbender sprach von politischen Entscheidungen der vergangenen Jahre, die die Bedingungen für die Industrie verschlechtert hätten.

So bleibt am Ende die unbequeme Frage, die dieser Abend offenließ: ob die Probleme, gegen die Geisweid heute so lautstark ankämpft, nicht zu einem Teil hausgemacht sind – entstanden aus Entscheidungen, die über Jahre getroffen und immer wieder bestätigt wurden. Und ob der Einsatz für bezahlbare Energie und den Industriestandort früh genug kam – oder erst, als die Entscheidung des Konzerns längst feststand.

Die Beschäftigten in Geisweid jedenfalls haben ihren Teil getan. Die IG Metall kündigte weitere Aktionen an, darunter Mahnwachen vor Ort; Stadt, Kreis, Land und Gewerkschaft sicherten zu, weiter gemeinsam zu kämpfen. Jetzt liegt es an der Politik, zu beweisen, dass auf das Wort „Kämpfen” auch Taten folgen – dort, wo die Entscheidungen wirklich fallen.

Fotos: Andreas Trojak / wirSiegen.de

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