(wS/red) Bad Laasphe 12.10.2026 | Wer einen Menschen mit Demenz begleitet, kennt diese eine Sorge: Er macht sich auf den Weg – und findet allein nicht mehr zurück. Ein junges Unternehmen von der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) in Friedberg will diese Sorge leiser machen, und zwar mit einer Einlegesohle, die man nicht sieht. Das Produkt heißt „nearby”, auf Deutsch „in der Nähe”. Zwei der drei Gründer gingen in Bad Laasphe zur Schule.
Die Sorge, die viele Angehörige und Pflegekräfte kennen
Bei einer Demenz kommt oft eine sogenannte Hinlauftendenz dazu: Der Weg nach draußen ist ein natürlicher Impuls, nur wissen die Betroffenen nicht immer, wie sie zurückfinden. Wer sie begleitet – in der Familie, in der Tagespflege oder im Pflegeheim –, kennt den Zwiespalt. Der Mensch soll sich frei bewegen und selbstständig bleiben. Zugleich bleibt die Sorge im Hinterkopf, dass er sich verlaufen könnte.
Genau hier will „nearby” ansetzen. Die Sohle soll diese Sorge leiser machen. Es geht dem Team ausdrücklich nicht darum, jemanden zu kontrollieren, sondern darum, dass im richtigen Moment jemand da sein kann. So sollen Freiräume erhalten bleiben – für die Betroffenen selbst und für die, die sich um sie kümmern.

Die Gründer von nearby (v. l.): Schlemun Danho, Vincent Dern und Emily Schmidt vor der THM in Friedberg. Foto: Panousi Fotografie
Eine Sohle, die niemand sieht
Das Besondere an „nearby” ist, dass man es nicht bemerkt. Die Sohle liegt in dem Schuh, den die Person ohnehin trägt, und ist von außen nicht zu sehen. Es gibt kein Armband, keinen Anhänger und kein Gerät, das abgelegt oder vergessen werden kann. Der gewohnte Alltag bleibt, wie er ist.
Nähe statt Technik
Für das Team ist die Technik nur das Mittel zum Zweck – im Mittelpunkt steht der Mensch. Das zeigt schon der neue Name. Aus „Clever Sole”, der klugen Sohle, wurde „nearby”.
„Mit ‚Clever Sole’ haben wir über die Sohle gesprochen. Mit ‚nearby’ sprechen wir über die Menschen, die sie tragen, und über die, die sich um sie sorgen”, sagt Vincent Dern, Mitgründer von nearby. „Die Technik ist nur das Mittel. Entscheidend ist die Nähe.”
Wie nearby funktioniert – und was heute schon geht
Die Sohle soll Menschen im Haus und draußen begleiten. Am weitesten ist die Begleitung im Haus. Dafür stecken kleine, unauffällige Funkpunkte in den Steckdosen. In einem Pflegeheim lassen sie sich zum Beispiel auf den Fluren, in den Wohnbereichen, im Treppenhaus und an den Ausgängen verteilen. So erkennt die Sohle, in welchem Bereich sich die Person gerade aufhält. Wechselt sie von ihrer Station ins Treppenhaus oder verlässt sie das Haus, sehen die Pflege- und Betreuungskräfte das in der nearby-App – und können dazukommen und begleiten.
Bei Menschen, die zu Hause leben, ist es einfacher: Dort geht es zunächst allein um die Frage, ob die Person das Haus verlässt. Schon das ist eine Hilfe, denn die Angehörigen wissen so, ob sich der Mensch noch im Haus befindet.
Anders ist die Lage, sobald die Person draußen ist: Dann kann „nearby” im Moment noch nicht sagen, wo genau sie sich aufhält. Diese Begleitung im Freien testet das Team zurzeit noch intern, sie ist deshalb noch nicht Teil der Tests mit Menschen. In den kommenden Monaten soll sie im Alltag erprobt werden. Aus „Die Person ist draußen” soll dann „Die Person ist dort” werden. Danach ist eine Sturzerkennung geplant, die in der Sohle steckt.
Von der THM zur eigenen Firma – mit einem Bezug nach Bad Laasphe
Hinter „nearby” stehen Vincent Dern, Emily Schmidt und Schlemun Danho. Die Idee entstand an der THM in Friedberg. Im Sommer 2025 gründeten die drei die TrackTech GmbH, unter der „nearby” als Start-up auftritt. Ihr Büro hat das Team bis heute an der Hochschule, wo es an der Technik, der App und den Abläufen für den Pflegealltag arbeitet. Inzwischen sind die ersten Mitarbeiter an Bord.
Einen Bezug zur Region gibt es auch: Zwei der Gründer, Emily Schmidt und Vincent Dern, gingen in Bad Laasphe zur Schule.

Vincent Dern, Mitgründer von nearby, in seinem Büro an der THM – Foto: Panousi Fotografie
Wer jetzt mitmachen kann
„nearby” soll gemeinsam mit den Menschen entstehen, die es am Ende nutzen – mit denen, die die Sohle tragen, mit ihren Angehörigen und mit den Pflege- und Betreuungskräften. Erste Tests mit privaten Testpersonen und in Pflegeheimen laufen bereits. Für die zweite Pilotphase ab Mitte oder Ende November sucht das Team weitere Partner. Gedacht ist an drei Gruppen:
- Pflegeheime und Senioren-Residenzen, in denen sich die Begleitung im Haus im Alltag ausprobieren lässt
- Tagespflegen, in denen Menschen mit Demenz oder Hinlauftendenz tagsüber betreut werden
- Familien und Angehörige, die zu Hause einen Menschen mit Demenz oder Hinlauftendenz begleiten
„Wer neugierig ist, wie das bei ihm aussehen könnte, darf sich gern bei mir melden”, sagt Vincent Dern. „Am einfachsten per E-Mail an vincent.dern@mynearby.de.” Mehr über das Start-up gibt es im Internet unter mynearby.de.

Die nearby-Einlegesohle wird in einen Schuh gelegt, von außen ist sie nicht zu sehen. Foto: Emily Schmidt
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