(wS/red) Siegen 28.09.2026 | An der Universität Siegen sind in mehreren Toiletten die Urinale außer Betrieb genommen worden. Ausgebaut wurden die Becken nicht – sie wurden lediglich abgedeckt und mit handelsüblichen Hauben verschlossen, auf denen „defekt / out of order“ steht. An der Tür hängt seitdem ein Schild mit der Aufschrift „Unisex-WC“. Hintergrund ist keine Reparatur, sondern die Umwidmung früherer Herrentoiletten zu geschlechtsneutralen WCs.


Genau daran entzündet sich Kritik. wirSiegen wurde durch einen Hinweis auf die Umbauten aufmerksam gemacht. Nach Darstellung des Hinweisgebers, der an der Universität arbeitet, handelt es sich um voll funktionsfähige Urinale, die allein für die Umwidmung stillgelegt worden seien. Bemängelt wird, dass hier intakte Anlagen außer Betrieb genommen würden – aus Sicht der Kritiker ein Rückschritt und Geld, das man sich hätte sparen können. wirSiegen hat die Vorgänge zum Anlass genommen, bei der Hochschule nachzufragen.
Auf die Presseanfrage hat die Universität die Umwidmungen bestätigt und mit Zahlen unterlegt. Danach hat die Universität Siegen die Einrichtung von Unisex-Toiletten anlässlich des Diversity-Tages 2022 bekanntgegeben. Seitdem seien 19 geschlechtsneutrale Toiletten und vier Sanitärräume eingerichtet worden, verteilt auf die verschiedenen Campus-Liegenschaften. Insgesamt verfügt die Universität nach eigenen Angaben über 485 Toiletten und 19 Sanitärräume. Die 19 Unisex-WCs machen damit rund vier Prozent aller Toiletten an der Hochschule aus. Die Kosten für die Maßnahmen beziffert die Universität auf einen Bereich von rund 2.100 Euro.
Wichtig ist dabei ein Punkt, der den ersten Eindruck korrigiert: Betroffen sind nach Angaben der Universität nicht nur Herrentoiletten. Umgewidmet wurden bestehende Toilettenanlagen – Damen- und Herren-WCs gleichermaßen – und mit den Türschildern „Unisex-WC“ gekennzeichnet. Dass der Umbau vor allem an früheren Herren-WCs auffällt, liegt an der Sichtbarkeit: Bei einer umgewidmeten Damentoilette ändert sich äußerlich kaum etwas, während bei einer Herrentoilette die stillgelegten Urinale sofort ins Auge fallen.
Neu ist das Vorhaben nicht. Bereits Anfang 2022 hatte die Hochschule ein erstes Unisex-WC im Erdgeschoss des NA-Gebäudes am Campus Adolf-Reichwein-Straße eingerichtet. Zum Deutschen Diversity-Tag im selben Jahr, unter dem Motto „#TINklUSiv“, gab es fünf solcher „Toiletten für Alle“, je eine pro Campus-Standort. Bis heute ist die Zahl auf 19 gestiegen. Als Grund nennt die Universität auf ihren Informationsseiten das Ziel, Diskriminierung abzubauen und trans-, inter- und nicht-binären Menschen einen Toilettenraum zu bieten, der ihrer geschlechtlichen Identität entspricht. Zugleich betont die Hochschule dort ausdrücklich, dass die nach Geschlechtern getrennten Toiletten nicht abgeschafft werden sollen – die Unisex-WCs kämen ergänzend hinzu.
Neben der Kritik an den stillgelegten Urinalen werden in dem Hinweis weitere Bedenken vorgebracht – vor allem mit Blick auf die Hygiene und auf geschützte Rückzugsräume für Frauen. Solche Sorgen werden in der Debatte um Unisex-Toiletten bundesweit vorgebracht. Sie stehen der Begründung der Hochschule gegenüber, die auf Gleichbehandlung und Teilhabe zielt.
Rechtlich sind gemeinschaftlich genutzte Toiletten in Deutschland zulässig. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) hält fest, dass Unisex-Toiletten grundsätzlich erlaubt sind. Für Beschäftigte gilt allerdings grundsätzlich weiter, dass getrennte Sanitärräume vorzuhalten sind; Unisex-Toiletten kommen in der Regel zusätzlich hinzu und dürfen nur in kleinen Betrieben mit bis zu neun Beschäftigten die alleinige Lösung sein. Diese Regeln des Arbeitsschutzes betreffen die Beschäftigten – für Studierende und Besucher greifen andere Rechtsbereiche wie das Baurecht. Da an der Universität Siegen 19 von 485 Toiletten umgewidmet wurden, bleibt der weit überwiegende Teil weiterhin nach Geschlechtern getrennt.
Auf die Frage nach Beschwerden oder kritischen Rückmeldungen von Studierenden oder Beschäftigten teilt die Universität mit: Nach ihren Erfahrungen habe es mit den Toiletten bisher keine Probleme gegeben.
Offen bleibt nach der Auskunft der Hochschule, in wie vielen Gebäuden die Umwidmungen konkret vorgenommen wurden und ob es sich um eine rein hochschuleigene Entscheidung ohne weitere Vorgaben handelt; auf beide Punkte ging die Universität in ihrer Antwort nicht im Detail ein.

In umgewidmeten Toiletten der Universität Siegen sind die Urinale außer Betrieb genommen.

Fotos: privat
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