(wS/red) Köln 01.11.2026 | Nur rund eine Autostunde vom Siegerland entfernt hat sich in der Nacht zum Sonntag abgespielt, was man sich so nicht ausmalen wollte: Vermummte warfen Glasflaschen, Steine und Knallkörper gezielt auf Einsatzkräfte, die Polizei setzte Wasserwerfer ein, und bei den anschließenden Kontrollen stellten die Beamten große Mengen an Stichwaffen, Nothämmern, selbstgebauter Pyrotechnik und Molotowcocktails sicher. Am Ende der Nacht standen 23 verletzte Polizisten, fünf beschädigte Streifenwagen und ein Mann in Haft, in dessen Rucksack selbstgebaute Brandsätze und spitze Stichwaffen lagen. Das geht aus der ersten vorläufigen Bilanz der Polizei Köln hervor.
Was in Köln passierte, war kein Einzelfall. In Frankfurt am Main plünderten Randalierer Geschäfte auf der Einkaufsmeile Zeil, in Stuttgart wurden sieben Beamte verletzt, in Hamburg brannten Barrikaden. Auslöser war an diesem Samstag bundesweit derselbe Aufruf – doch die Gewalt ging nach Darstellung der Behörden von einer entschlossenen Minderheit aus, die den Protest als Deckmantel nutzte.

Der Ablauf in Köln
Angemeldet war am Konrad-Adenauer-Ufer eine Kundgebung unter dem Thema „Bildung, Wehrpflicht, bezahlbares Leben“, die gegen 14.15 Uhr begann. Schon während der Versammlung vermummten sich nach Polizeiangaben einzelne Teilnehmer und zündeten Pyrotechnik, weshalb der geplante Aufzug nicht losziehen konnte. Gegen 16 Uhr erklärte die Versammlungsleiterin die Kundgebung für beendet.
Danach kippte die Lage. Aus einer Gruppe heraus flogen Glasflaschen, Steine und Knallkörper gezielt auf die Einsatzkräfte. Die Polizei setzte Wasserwerfer ein und stellte bis etwa 1.30 Uhr die Personalien von knapp 1.000 Personen fest. Ein Polizeibeamter erlitt eine Handverletzung und war anschließend nicht mehr dienstfähig. Ein 56-Jähriger, der zunächst Polizisten beleidigt und bei der Personalienfeststellung auf Einsatzkräfte eingeschlagen haben soll, wurde einem Haftrichter vorgeführt. In seinem Rucksack fanden die Beamten nach Polizeiangaben selbstgebaute Molotowcocktails und spitze Stichwaffen.
Einsatzleiter Martin Lotz betonte, man müsse klar zwischen den vielen friedlichen Teilnehmern und jenen unterscheiden, die das Versammlungsrecht unterwandert hätten. Nach seiner Einschätzung seien Personen gezielt nach Köln gekommen, um zu randalieren und die Demonstration als Vorwand für Gewalt zu missbrauchen. Die aufgefundene Bewaffnung und Vermummung deute nicht auf eine spontane Eskalation, sondern auf ein vorbereitetes Vorgehen hin.

Die zweite Front: die Innenstadt
Unabhängig vom Versammlungsgeschehen stellte die Polizei vor allem ab Mitternacht in der Kölner Innenstadt und in weiteren Stadtteilen größere randalierende Gruppen von Jugendlichen und jungen Männern fest. Zwischen diesen Gruppen und den Versammlungsteilnehmern besteht nach derzeitigem Kenntnisstand der Polizei kein Zusammenhang. Aus diesen Gruppen heraus wurde die Fensterfront eines Geschäfts eingeschlagen, Müllcontainer wurden in Brand gesetzt, E-Scooter und andere Gegenstände als Barrikaden auf die Straße gezogen.
Besonders schwer wiegt: Zahlreiche Personen warfen Pyrotechnik und Glasflaschen auf Einsatz- und Rettungskräfte, sogar Feuerwehrleute wurden bei Löscharbeiten attackiert. Insgesamt erlitten im Verlauf der Nacht 23 Polizisten Verletzungen. An fünf Streifenwagen wurden abgetretene und zersplitterte Außenspiegel, eingeschlagene Scheiben, verbeulte Türen und Farbschmierereien festgestellt. Ob aus den Geschäften Wertgegenstände entwendet wurden, ist nach Polizeiangaben Gegenstand der Ermittlungen; Plünderungen wurden in Köln bis zum frühen Sonntagmorgen nicht bestätigt.
Polizeipräsident Johannes Hermanns zeigte sich fassungslos über die Angriffe auf jene, die für die Sicherheit anderer im Einsatz seien – dafür fehle ihm jedes Verständnis. Die Polizei kündigte an, die Taten konsequent zu verfolgen, und richtete eine Ermittlungsgruppe sowie ein Hinweisportal („Köln-GenZ-31.10.2026“) ein, über das Zeugen Fotos und Videos hochladen können.


Fotos: Polizei Köln
Frankfurt: Zeil abgeriegelt, Geschäfte geplündert
Noch heftiger traf es Frankfurt am Main. Nach einem zunächst weitgehend friedlichen Protest eskalierte die Lage am Abend. Hunderte, überwiegend Jugendliche, suchten rund um die Zeil die direkte Auseinandersetzung mit der Polizei. Nach Angaben der hessenschau und der Polizei wurden die Hauptwache, die Konstablerwache und die Einkaufsstraße Zeil geräumt und abgeriegelt. Ein Schuhgeschäft wurde geplündert, weitere Läden verwüstet, Scheiben gingen zu Bruch, Mülltonnen brannten, ein Streifenwagen wurde zerstört. Ein Waffengeschäft in der Berliner Straße wurde attackiert; die Polizei nahm zwei Randalierer fest und stellte zwei Waffen sicher, ein Spezialeinsatzkommando sicherte anschließend den Laden. Im Einsatz waren über 1.000 Kräfte samt Wasserwerfern und Sonderwagen. Die Polizei sprach zunächst von mehr als 30 vorläufigen Festnahmen; eine spätere Bilanz der hessenschau nennt 54 Festnahmen und rund 100 verletzte Beamte. Die Initiative „Generation Z regelt“ distanzierte sich im Messenger-Dienst Telegram von der Gewalt.
Stuttgart, Hamburg, Berlin: ein Flickenteppich der Eskalation
In Stuttgart demonstrierten nach Polizeischätzung rund 6.000 Menschen überwiegend friedlich, dennoch registrierten die Beamten etwa 50 Straftaten. Sieben Polizisten wurden verletzt. Es kam zu Farbschmierereien, geworfenen Gegenständen, brennenden Mülltonnen, einem Versuch, die Scheibe einer Bankfiliale am Marienplatz einzuschlagen, und Farbbeuteln gegen Streifenwagen. Polizeipräsident Markus Eisenbraun stellte klar: „Krawall ist keine Protestform.“
In Hamburg zogen nach Angaben der taz rund 10.000 Menschen durch die Stadt; am Ende brannten Barrikaden, Flaschen flogen, Beamte wurden mit Gegenständen attackiert, die Polizei setzte einen Wasserwerfer ein. In Berlin waren rund 1.500 Beamte im Einsatz; am Brandenburger Tor wurden deutlich weniger Teilnehmer gezählt als die erwarteten 10.000. Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel hatte vorab beruhigt: „Deutschland ist nicht Frankreich, Berlin ist nicht Paris.“ Nach Medienberichten soll zudem in Hannover eine Frau durch einen Böllerwurf verletzt worden sein.
Der Hintergrund
Hinter den Protesten stand der Aufruf der Initiative „Gen Z regelt“, die für den 31. Oktober bundesweit zu Demonstrationen in rund 30 Städten mobilisiert hatte – mit Forderungen unter anderem zu Klimaschutz, gegen steigende Lebenshaltungskosten und gegen die Wehrpflicht. Das Bundesinnenministerium hatte die Aufrufe im Vorfeld ausdrücklich nicht unterstützt und auf undurchsichtige Organisationsstrukturen sowie die Gefahr politischer Instrumentalisierung verwiesen. Polizei und Verfassungsschutz hatten vor einer Unterwanderung durch gewaltbereite Gruppen gewarnt. Wer die Täter konkret waren und welche Motive sie hatten, ist noch Gegenstand der Ermittlungen.
Einordnung: Warum eskaliert so etwas – und was hätte helfen können?
Man darf an diesem Sonntagmorgen fragen: Warum ist das so? Und hätte sich diese Gewalt mit anderen politischen Entscheidungen verhindern lassen? Eine ehrliche Antwort muss aushalten, dass es darauf keine einfache gibt – und dass die Ursachen bisher nicht abschließend geklärt sind.
In der öffentlichen Debatte stehen sich mehrere Erklärungen gegenüber. Die eine Seite verweist auf die Sicherheits- und Rechtspolitik: konsequentere Durchsetzung des Vermummungsverbots, härtere und vor allem schnellere Strafen für Angriffe auf Einsatzkräfte, mehr Personal und bessere Ausrüstung. Wer Polizisten und Feuerwehrleute angreife, dürfe nicht mit Bewährung und Verfahrenseinstellung rechnen, so das Argument. Die andere Seite sieht die Wurzeln tiefer: in Perspektivlosigkeit, hohen Lebenshaltungskosten und einem wachsenden Misstrauen gegenüber der Politik – also in genau jenen Themen, die der Protest auf seine Fahnen geschrieben hatte. Dazu kommt die Rolle der sozialen Netzwerke, über die sich binnen Tagen in dutzenden Städten mobilisieren lässt, und der Blick nach Frankreich und Italien, wo ähnliche Proteste zuvor in schwere Krawalle gekippt waren.
wirSiegen bezieht hier bewusst keine parteipolitische Position. Festhalten lässt sich nur, was belegt ist: Menschen, die für die Sicherheit anderer im Einsatz waren, wurden angegriffen und verletzt. Ob strengere Gesetze, mehr Prävention, eine andere Sozial- und Bildungspolitik oder eine Kombination aus allem solche Nächte künftig verhindern können, ist eine Frage, die Politik und Gesellschaft nun beantworten müssen – und an der sie gemessen werden.











