Uni Siegen – Siegen erholt sich, Erndtebrück hat Probleme

(wS/red) Siegen/Erndtebrück 04.03.2019Siegen erholt sich, Erndtebrück hat Probleme

 Der demografische Wandel ist in aller Munde. Doch wie soll man das komplexe Thema greifbar machen? Der Siegener Forscher Frank Luschei hat dafür die Demografie-Ampel entwickelt, mit der sich die wichtigsten Faktoren aller Kommunen in NRW vergleichen und einordnen lassen. Auch für Siegen-Wittgenstein zeigen sich interessante Ergebnisse.

Die Stadt Siegen gehört zu den Top-Kommunen in Nordrhein-Westfalen, die Gemeinde Erndtebrück findet sich am anderen Ende der Tabelle wieder. Das ist das Ergebnis der Demografie-Ampel, die der Siegener Forscher Frank Luschei entwickelt hat. Das Mitglied des Forschungskollegs der Uni Siegen (FoKos) bietet mit seiner grafischen Darstellung einen Vergleich aller 396 Kommunen in NRW an. Die Ampel zeigt die wichtigsten demografischen Faktoren für das Jahr 2017 auf und veranschaulicht, in welchen Bereichen es in den Kommunen gut läuft und wo es Verbesserungspotential gibt. „Es ist wichtig, die entscheidenden Kennzahlen des demografischen Wandels der eigenen Gemeinde einzuordnen und mit anderen vergleichen zu können. Dadurch lässt sich ein Bild von der Lage in der jeweiligen Kommune machen“, sagt Luschei.

Der Wissenschaftler gehört zu jener Forschungsgruppe um Prof. Dr. Christoph Strünck, die bereits zur Attraktivität von Städten in NRW geforscht hat. Daraus ist nun in einem nächsten Schritt die Demografie-Ampel hervorgegangen. Diese zeigt in fünf farblichen Abstufungen von dunkelgrün über gelb bis dunkelrot an, wie sich die Städte und Gemeinden im Vergleich untereinander positionieren. Zentrale Variablen, die verglichen werden, sind die Geburten- und Sterberate sowie die Zahl der Zugezogenen und Fortgezogenen. Daraus wiederum ergeben sich ein natürlicher Saldo und ein Wanderungssaldo. Alle Werte zusammengenommen ermöglichen eine Einordnung, wo die 396 Kommunen mit Blick auf den demografischen Wandel stehen. Die von Luschei verwendeten Daten stammen vom Landesbetrieb IT.NRW.

Dabei ergeben sich auch für die Städte und Gemeinden in Siegen-Wittgenstein interessante Erkenntnisse. „Insgesamt sind die Ergebnisse für Siegen im Jahr 2017 sehr positiv. Die Einwohnerzahl ist um 474 Personen gestiegen. Das entspricht 4,6 Personen pro 1000 Einwohner. Damit liegt Siegen auf Rang 69 aller Städte und Gemeinden in NRW“, erläutert Luschei die Werte für die Krönchenstadt. Die Ampel steht also auf dunkelgrün, Siegen gehört in der Auswertung zum ersten Fünftel aller Kommunen. Auffällig für Siegen ist, dass der sogenannte natürliche Saldo geringfügig negativ ist. Das heißt, es gibt – wie in den meisten Kommunen – mehr Gestorbene als Geborene, allerdings nicht in einem so drastischen Ausmaß wie andernorts. Zudem stehen vielen fortgezogenen Menschen noch mehr Neubürger gegenüber, was zu einem positiven Wanderungssaldo führt. In der Kreisstadt herrscht viel Dynamik.

Trotz dieser positiven Zahlen warnt Luschei: „Siegen ist zwar im Jahr 2017 äußerst positiv aufgestellt, allerdings über einen längeren Zeitraum betrachtet auf einem ungünstigen Niveau.“ Dafür zieht der Wissenschaftler die Entwicklung der Bevölkerungszahlen seit 1962 heran. Siegen erreichte 2011 mit 99.000 Einwohnern den Tiefstand, 2017 lag die Zahl wieder bei über 102.000. „Das ist zwar immer noch unter dem langjährigen Mittelwert, die aktuelle Erholung ist dafür aber umso stärker.“ Ebenfalls positiv verlaufe die Bevölkerungsentwicklung in Netphen und Burbach, die Trends würden aber auch durch die Aufnahme von Geflüchteten in den Jahren 2015 und 2016 beeinflusst. Kritischer sehe es in Bad Laasphe, Neunkirchen und Erndtebrück aus. „In den drei Städten und Gemeinden liegt die Bevölkerungszahl schon unter dem langjährigen Mittelwert und sinkt aktuell weiter“, so Luschei.

Vor allem die Entwicklung in Erndtebrück sieht der Forscher kritisch: „Im Ergebnis aller Indikatoren gibt es in Nordrhein-Westfalen kaum eine Stadt oder Gemeinde, die mehr Einwohner verliert.“ In der Demografie-Ampel nimmt die Edergemeinde Rang 385 ein. Positiv sei, dass es sehr wenig Fortzüge gebe, allerdings gab es 2017 auch kaum Zugezogene. Vergleichsweise wenigen Neugeborenen stehen viele Gestorbene gegenüber, so dass sowohl der natürliche Saldo als auch der Wanderungssaldo auf Rot stehen. „Das Ergebnis ist bemerkenswert. Es gibt in Erndtebrück viele Arbeitsplätze, die Gemeinde ist aber dennoch stark vom demografischen Wandel betroffen“, so Luschei. In Erndtebrück ist man sich der Situation bewusst – und so wurde auch bereits reagiert. „Diese Daten zeigen, wie wichtig es war, dass wir uns bei diesem Thema strategisch auf den Weg gemacht haben. Bereits im Jahr 2018, also im Jahr nach den betrachteten Zahlen, konnten wir uns über eine Steigerung der Geburtenrate von 42 Prozent freuen. Dies folgte letztlich auch aus dem Baugebiet für junge Familien, das wir erschlossen haben und das in der Folge zu einem wahren Bau-Boom vor Ort geführt hat. Die kommunal vermarkteten Grundstücke haben sich in dieser Zeit vervierfacht – das Baugebiet ist nahezu ausvermarktet. Wir haben also die richtigen Schlüsse gezogen“, erklärt Bürgermeister Henning Gronau.

Dass es alle vom Land in die Stadt ziehe, sei ohnehin ein Trugschluss, sagt Frank Luschei. Musterbeispiele für eine sehr positive Entwicklung seien Augustdorf mit etwa 10.000 Einwohnern und Bad Lippspringe mit knapp 16.000 Einwohnern – beides Kommunen in der Region Ostwestfalen-Lippe. „Positive Entwicklungen sind also möglich.“ Umso wichtiger sei der Vergleich der Kommunen, um bestimmte Entwicklungen verstehen zu können. „Wir wollen Veränderungsprozesse in den Kommunen anstoßen. Wir wollen, dass zunächst über die demografische Lage nachgedacht und dann vielleicht auch etwas getan wird“, so Luschei, der den Städten und Gemeinden bei Fragen und Interesse an den Ergebnissen der Demografie-Ampel zur Verfügung steht.

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