(wS/red) Siegen 25.08.2026 | Zehn Jahre – und kein bisschen leiser. Das FrauenForum Siegen-Wittgenstein feiert sein zehnjähriges Bestehen, doch statt sich auf dem Erreichten auszuruhen, nutzt das Netzwerk aus mehr als 20 Organisationen das Jubiläum für eine unmissverständliche Botschaft: Gewalt gegen Frauen und Mädchen ist kein privates Schicksal, das hinter verschlossenen Türen bleiben darf, sondern ein drängendes gesellschaftliches Problem, das entschlossenes Handeln braucht. Das wurde beim Pressegespräch in Siegen deutlich, mit dem die Verantwortlichen ihre Jubiläums- und Fachveranstaltung am 24. September vorstellten – ein Abend, der Information, Diskussion und Kultur verbinden und zugleich Betroffenen Mut machen soll, sich Hilfe zu holen.
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Was: Jubiläums- und Fachveranstaltung „10 Jahre FrauenForum Siegen-Wittgenstein“ mit Podiumsdiskussion „Gewalt gegen Frauen nimmt zu: Wie stoppen wir aggressive Männer?“
Wann: Donnerstag, 24. September 2026, 17 bis 22 Uhr
Wo: Aula im Kulturhaus Lÿz, St.-Johann-Straße 18, 57074 Siegen
Schirmherr und Redner: NRW-Innenminister Herbert Reul
Grußwort: Landrat Andreas Müller
Moderation: Beate Schmies (Sprecherin des FrauenForums)
Auf dem Podium: Alice Westphal, Susanne Otto, Katharina Heinrich und Daniel Schulte
Musik: Ulrike Wesely (Gesang) und Eiko Takahashi (Piano)
Eintritt und Anmeldung: Teilnahme kostenlos, Anmeldung bis 10. September 2026 an frauenforum.siwi@gmx.de
Zehn Jahre „Vernetzen. Stärken. Handeln.“
Angefangen hat alles im Sommer 2016. Damals rief die Kreuztalerin Gabriele Fleschenberg ein kreisweites Netzwerkprojekt ins Leben, das die vielen einzelnen Stimmen für Fraueninteressen im Kreis bündeln sollte. Aus zunächst 16 Frauenverbänden, -vereinen und -initiativen ist bis heute ein Bündnis von mehr als 20 Organisationen gewachsen. Der Leitgedanke steht bis heute über allem und findet sich sogar im Logo wieder: „Vernetzen. Stärken. Handeln.“
Die Idee dahinter ist so einfach wie wirkungsvoll: Gemeinsam ist man lauter, sichtbarer und schlagkräftiger als allein. Das FrauenForum setzt sich für ein gewaltfreies und selbstbestimmtes Leben von Mädchen und Frauen ein – aber längst nicht nur dort. Auf der Agenda stehen ebenso die Teilhabe an Bildung, die gerechte Aufteilung von Sorgearbeit, der Abbau von Diskriminierung und die konkrete Unterstützung von Frauen und Mädchen, die in Not geraten sind. Auch schwierige, oft tabuisierte Themen wie Zwangsheirat, Prostitution oder Genitalverstümmelung greift das Netzwerk auf. Die eigentliche Stärke liegt dabei in der Unterschiedlichkeit der Mitglieder: von der Fachberatungsstelle über den Wohlfahrtsverband bis zum berufspolitischen Kompetenzzentrum – jede Organisation bringt ihren eigenen Blick, ihr eigenes Wissen und ihre eigenen Zugänge mit ein.
Ein Schirmherr, der Gewicht hat
Als Schirmherr und Redner des Abends konnte NRW-Innenminister Herbert Reul gewonnen werden, der im Anschluss an das Grußwort von Landrat Andreas Müller einen Impulsvortrag halten wird. Dass ein Landesminister die Bühne betritt, ist kein Zufall: Es unterstreicht, wie ernst die Lage inzwischen genommen wird – und wie sehr das Thema aus der Nische heraus in die Mitte der Gesellschaft gehört. Im Zentrum des Abends steht neben den nüchternen Zahlen vor allem eine Forderung, die in der Debatte oft zu kurz kommt: der Ausbau präventiver Täterarbeit und Männerberatung.
Zahlen, die wachrütteln
Dass der Handlungsbedarf akut ist, belegen aktuelle Erhebungen. Nach dem Bundeslagebild des Bundeskriminalamts wird in Deutschland fast täglich eine Frau getötet – die meisten Opfer sterben durch Partnerschaftsgewalt oder innerhalb der eigenen Familie. Häusliche Gewalt hat 2024 mit 265.942 erfassten Betroffenen einen neuen Höchststand erreicht; die große Mehrheit der Opfer ist weiblich. Und das ist nur das sogenannte Hellfeld, also die polizeilich bekannten Fälle.
Wie groß das Dunkel dahinter ist, zeigt die bundesweite Dunkelfeldstudie LeSuBiA, die das BKA gemeinsam mit den zuständigen Bundesministerien vorgelegt hat: Bei körperlicher und psychischer Gewalt in (Ex-)Partnerschaften liegt die Anzeigequote bei unter fünf Prozent. Anders gesagt: Der allergrößte Teil der Gewalt wird nie zur Anzeige gebracht – und bleibt damit unsichtbar. „Gewalt gegen Frauen ist eine massive Gefahr für unsere Gesellschaft“, betonte Kreuztals Gleichstellungsbeauftragte Simone Schröer-Dilling im Vorfeld. Zugleich verwies sie auf eine wachsende Verrohung durch Hass im Netz, der gezielt versuche, Frauen aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen.
Wenn das Hilfesystem an seine Grenzen kommt
Erste Kriminalhauptkommissarin Susanne Otto, Leiterin des Kriminalkommissariats für Kriminalprävention und Opferschutz (KK 6) und Opferschutzbeauftragte der Kreispolizeibehörde Siegen-Wittgenstein, machte im Pressegespräch deutlich, wie wichtig die enge Vernetzung aller Hilfsorganisationen ist– gerade weil kein Akteur die Aufgabe allein bewältigen kann. Dass die Beratungsstellen längst an Belastungsgrenzen stoßen, zeigt der jüngste Jahresbericht der Beratungsstelle „Mädchen in Not e.V.“: Wegen eines Rekordhochs an Anfragen musste dort eine Warteliste eingerichtet werden. Hinzu kommt der bundesweite Mangel an Schutzplätzen – gemessen an den Vorgaben der für Deutschland verbindlichen Istanbul-Konvention fehlen rund 14.000 Frauenhausplätze. Besonders im ländlichen Raum ist das Angebot dünn.
Gewalt an der Wurzel stoppen – bei den Tätern
Ein zentraler Schlüssel liegt für die Initiatorinnen in der Prävention bei Männern. Der Gedanke dahinter: Wer verhindern will, dass immer neue Opfer entstehen, muss den Kreislauf der Gewalt durchbrechen und mit den Tätern arbeiten. Während im Nachbarkreis Olpe mit dem Angebot „Echte Männer reden“ bereits etablierte Männerberatungsstrukturen bestehen, fordern die Akteurinnen für Siegen-Wittgenstein mehr Ressourcen als die bisherige halbe Stelle. Es ist ein Perspektivwechsel, der auch die andere, oft übersehene Frage stellt: Wer hilft eigentlich den Jungen, bevor aus Konflikten Gewalt wird? Der Jubiläumsabend ist deshalb ausdrücklich auch als Impuls für weitere Überlegungen zu Hilfe und Prävention für Jungen und Männer gedacht.
Das Netzwerk hinter dem Forum: Wer mitmacht – und was diese Organisationen leisten
Was das FrauenForum so stark macht, sind die Organisationen, die dahinterstehen. Sie sind es, die im Alltag helfen, beraten, begleiten und Frauen wie Mädchen den Rücken stärken. Ein Überblick über einige der Mitglieder – und ihre Arbeit:
Frauen helfen Frauen e.V. Siegen ist für viele Betroffene die erste Adresse in einer akuten Notlage. Der Verein betreibt ein Frauenhaus, eine Frauenberatungsstelle und eine Fachstelle Sexualisierte Gewalt. Hier finden Frauen Schutz, ein offenes Ohr und fachkundige Begleitung – vertraulich und auf Wunsch anonym.
Mädchen in Not e.V. richtet sich gezielt an Mädchen und junge Frauen bis 27 Jahre, die sexuelle Gewalt erlebt haben. Die Beratungsstelle steht auch Bezugspersonen aus dem privaten und institutionellen Umfeld sowie Fachkräften offen und wahrt dabei konsequent Vertraulichkeit und Anonymität. Dass gerade diese Einrichtung eine Warteliste führen muss, sagt viel über den Bedarf – und über die Notwendigkeit, das Angebot auszubauen.
Der DRK Frauenverein Siegen e.V. blickt auf eine lange Geschichte zurück: Gegründet bereits 1888, engagiert sich der Verein bis heute mit großem Einsatz für zahlreiche soziale Aufgaben. Besonders eng ist die Verbindung zur DRK-Kinderklinik, die 1925 gegründet wurde und für die der Verein bis 1981 alleiniger Träger war. Als Mitgesellschafter der DRK-Kinderklinik Siegen gGmbH unterstützt er die Einrichtung bis heute regelmäßig finanziell. Darüber hinaus fördert der Verein mit Spenden soziale Einrichtungen und Projekte in der Region und ist ein tragender Pfeiler der Blutspende: In der City-Galerie Siegen sind die Ehrenamtlichen an sechs Tagen in der Woche und bei rund 300 Blutspendeterminen im Jahr im Einsatz – ganz im Sinne des Rotkreuz-Gedankens, Menschen zu helfen und füreinander da zu sein.
Zum Bezirksverband der Siegerländer Frauenhilfen e.V. gehören rund 60 Frauenhilfen und Frauenkreise mit mehr als 2.000 Mitgliedern. Der Verband verantwortet schwerpunktmäßig die Frauenarbeit innerhalb des Evangelischen Kirchenkreises Siegen und ist Mitglied der Evangelischen Frauenhilfe in Westfalen e.V. Zu seinen Aufgaben zählen die Beratung und Begleitung der Mitgliedsgruppen, die Organisation von Seminaren, Tagungen und Gesprächsforen, die Vernetzung mit anderen Frauenverbänden sowie der Aufbau und die Durchführung sozial-diakonischer Angebote zur Unterstützung und Stärkung von Frauen.
Das Kompetenzzentrum Frau & Beruf Siegen-Wittgenstein/Olpe (Competentia NRW) setzt an einer anderen, ebenso wichtigen Stelle an: der wirtschaftlichen Selbstständigkeit. Es richtet sich vor allem an kleine und mittlere Unternehmen in den Kreisen Siegen-Wittgenstein und Olpe und will deren Wettbewerbsfähigkeit stärken und zugleich die Chancengleichheit von Frauen auf dem Arbeitsmarkt verbessern. Mit Impulsen für eine frauen- und familienfördernde Personalpolitik wirkt das Kompetenzzentrum dem Fachkräftemangel entgegen – ein Ansatz, der Gleichstellung und Regionalentwicklung zusammendenkt.
Der Deutsche Frauenring, Ortsring Siegen, schließlich mischt sich gezielt gesellschaftspolitisch ein. Unter dem Vorsitz von Gabriele Fleschenberg – die auch das FrauenForum ins Leben gerufen hat – bietet der Ortsring Vorträge, Seminare, Arbeitskreise und Exkursionen zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen an. Bundesweit ist der Deutsche Frauenring in rund 80 Städten aktiv; er organisiert Veranstaltungen, bezieht Stellung und bringt Fraueninteressen bis auf die politische Ebene ein.
Diese Aufzählung ließe sich fortsetzen – das FrauenForum ist bewusst breit aufgestellt. Genau darin liegt die eigentliche Botschaft: Wer Hilfe sucht, findet in der Region nicht nur eine Tür, an die er oder sie klopfen kann, sondern viele.
Ein Podium mit Fachwissen – und Mut machenden Gästen
Im Zentrum des Jubiläumsabends steht eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion. Neben Polizei und Fachberatung sitzt dort Daniel Schulte, Geschäftsführer des Katholischen Sozialdienstes Olpe (KSD) und Jungen- und Männerberater, der die Perspektive der Täterarbeit und der Männerberatung einbringt. Katharina Heinrich, Sozialarbeiterin bei „Mädchen in Not“ in Kreuztal, kennt die Nöte von Mädchen und jungen Frauen aus der täglichen Praxis. Erste Kriminalhauptkommissarin Susanne Otto steuert die Sicht der Strafverfolgung und des Opferschutzes bei.
Besonders persönlich wird es bei Alice Westphal: Die Aktivistin und Buchautorin ist selbst von Gewalt betroffen und gibt Frauen eine Stimme, die vor Scham und Schuldgefühlen verstummt sind. Als leidenschaftliche Hyrox-Athletin berichtet sie über ihren ganz eigenen Weg zurück ins Leben – „Sport gegen das Trauma“. Für den festlichen Rahmen sorgen Sängerin Ulrike Wesely und Pianistin Eiko Takahashi. Die Moderation übernimmt Beate Schmies, Sprecherin des FrauenForums. Nach dem offiziellen Programm sind alle Gäste zu Imbiss, Austausch und Vernetzung eingeladen.

Stellten beim Pressegespräch die Jubiläumsveranstaltung „10 Jahre FrauenForum Siegen-Wittgenstein“ vor: Vertreterinnen und Vertreter des Netzwerks auf der Dachterrasse des SkF Siegen am Löhrtor 10–12 in Siegen.
Wo Betroffene im Kreis Siegen-Wittgenstein Hilfe finden
Der wichtigste Satz zuerst: Sich Hilfe zu holen, ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke. Die folgenden Stellen beraten vertraulich, auf Wunsch anonym und in aller Regel kostenlos – für Betroffene selbst, aber ausdrücklich auch für Angehörige, Freundinnen, Freunde und Nachbarn, die sich Sorgen machen.
- Im akuten Notfall: Polizei 110
- Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“: 116 016 – rund um die Uhr, an 365 Tagen im Jahr, kostenlos, anonym und mehrsprachig. Beratung auch per Chat und E-Mail unter hilfetelefon.de
- Hilfetelefon „Gewalt an Männern“: 0800 123 9900 – kostenlos und vertraulich, mit Online- und Chatberatung unter maennerhilfetelefon.de (aktuelle Sprechzeiten auf der Webseite)
- Frauen helfen Frauen e.V. Siegen – Frauenhaus, Frauenberatungsstelle und Fachstelle Sexualisierte Gewalt: frauenhelfenfrauen-siegen.de
- Mädchen in Not e.V. – Beratung für Mädchen und junge Frauen bis 27 Jahre nach sexualisierter Gewalt: maedchen-in-not.de
- Männerberatung „Echte Männer reden“ beim Katholischen Sozialdienst (KSD) für den Kreis Olpe – auch für Jungen und Männer, die gewalttätig geworden sind und ihr Verhalten ändern wollen: ksd-olpe.de
Niemand muss den ersten Schritt allein gehen – und niemand muss warten, bis „es schlimm genug“ ist. Schon ein einziges vertrauliches Gespräch kann der Anfang eines Weges in ein sicheres, selbstbestimmtes Leben sein.
Auch die nächsten zehn Jahre gebraucht
Mit dem Jubiläumsabend blickt das FrauenForum Siegen-Wittgenstein auf zehn Jahre engagierter Arbeit für Frauenrechte, Gleichstellung und gesellschaftliche Sensibilisierung zurück – und setzt zugleich ein deutliches Zeichen nach vorn. Die Bilanz kann sich sehen lassen: ein gewachsenes Netzwerk, das im Kreis fest verankert ist, das Betroffenen konkrete Wege aus der Gewalt eröffnet und das schwierige Themen benennt, wo andere lieber schweigen. Die Botschaft aus Siegen ist klar: Solange fast täglich eine Frau stirbt und der größte Teil der Gewalt im Verborgenen bleibt, bleibt die gemeinsame Stimme für Frauenrechte und ein Leben ohne Gewalt in der Region unverzichtbar – heute wie in den kommenden zehn Jahren.
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