Straße, Schiene und Wasserstraßen besser vernetzen

wS/ihk     Siegen   – Bis zum Jahr 2025 werden allen Verkehrsprognosen zufolge die Güterverkehrsleistungen bundesweit um rund 70 Prozent zunehmen. Ist die Region zwischen Hagen, Wetzlar und dem Kreis Altenkirchen darauf ausreichend vorbereitet? Wo muss die Verkehrsinfrastruktur wie verbessert werden, um auch in Zukunft sicherzustellen, dass die Produkte der vielen mittelständischen Industriebetriebe aus dieser Region zuverlässig zu den Kunden auf den Weltmärkten transportiert werden können?

Wie können Rohstoffe und Vorprodukte aus dem Ausland schneller zu heimischen Unternehmen gelangen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich ein Gutachten von Prof. Dr. Jürgen Steinbrecher, Universität Siegen, der dieses im Auftrag der Industrie- und Handelskammern Siegen, Hagen und Lahn-Dill sowie der IHK Koblenz für den Bereich Altenkirchen/Betzdorf gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung Altenkirchen erstellt hat.

Die wesentlichen Ergebnisse und die aus dem Gutachten abgeleiteten Forderungen stellte der Verfasser der Studie gemeinsam mit den beiden IHK-Hauptgeschäftsführern Franz J. Mockenhaupt, Siegen und Hans-Peter Rapp-Frick, Hagen, sowie Saskia Kuhl, IHK Lahn-Dill, Dr. Ulrich Bernhardt, IHK Koblenz – Beiratsvorsitzender Altenkirchen, vor.

Die Wirtschaft der Region zwischen Hagen, Wetzlar und dem Kreis Altenkirchen ist geprägt von einem hohen Anteil industrieller Unternehmen, die einen Großteil ihrer Produkte exportieren. Daher sind die Unternehmen auf funktionierende Verkehrsverbindungen angewiesen im Hinblick auf die hohen Exportquoten, insbesondere auf eine gute Verbindung zu den europäischen Seehäfen. Für diesen sogenannten „Seehafen-Hinterlandverkehr“ wird bis in die Mitte der 2020-er Jahre ein Wachstum von über 160 Prozent erwartet. „Die Güterverkehrsströme fließen hauptsächlich in Richtung der ZARA-Häfen Zeebrügge, Antwerpen, Rotterdam und Amsterdam“, so Prof. Steinbrecher. 110 Millionen Tonnen pro Jahr werden aus der untersuchten Region derzeit überwiegend zu diesen Häfen transportiert.

Davon werden 90 Prozent auf der Straße abgewickelt. Mit Blick auf die aktuellen, aber zukünftig noch stärker absehbaren Mängel der Straßeninfrastruktur stellt Steinbrecher fest, dass bestimmte Straßenabschnitte bereits heute an der Kapazitätsgrenze betrieben werden und auf ihnen das künftige Güterverkehrsaufkommen nicht mehr abgewickelt werden kann. Hier verweist er beispielhaft auf die anstehenden Brückensanierungen beziehungsweise Brückenneubauten im Verlauf der A 45 zwischen Wetzlar und Dortmund. Alle Brücken werden entlang dieser Hauptroute des Straßenverkehrs derzeit überprüft. Ein Hinweis auf die Dimension dieser Baumaßnahmen liefern die dafür bisher schon bereitgestellten rund 3,5 Milliarden Euro.

Ebenfalls deutlich eingeschränkt ist die Nutzungsmöglichkeit der Hauptschienenverkehrsstrecken der untersuchten Region. Enge Kurvenradien, starke Steigungen, eingleisige Abschnitte und Tunnel, durch die moderne „High-cube-container“ nicht mehr transportiert werden können, sind hier die Stichworte. Auch die Erreichbarkeit von Anlagen für den kombinierten Verkehr ist mangelhaft. Die Konsequenz des Gutachters daraus: „Bei langen Anfahrten über die Straße bis zu einem Umladeterminal sinkt die Chance, dass ein Umschlag auf die Schiene betriebswirtschaftlich lohnt“.

Vor diesem Hintergrund plädiert Prof. Steinbrecher zeitgleich zu den Brückensanierungen für einen sechsspurigen Ausbau der A 45, macht aber gleichzeitig deutlich, dass damit über mindestens zwei Jahrzehnte gravierende Verkehrsprobleme für die Region zu erwarten sind. „Deshalb und angesichts der prognostizierten Verkehrszuwächse ist die Region gut beraten, nicht allein auf die Straße, sondern auch auf die Schiene zu setzen“, so Steinbrecher.

Dies aber sei nur möglich, so der Gutachter, wenn der Ausbau der Ruhr-Sieg-Strecke und der Siegstrecke bedarfsgerecht erfolge. Die Ruhr-Sieg-Strecke und die Siegstrecke haben ihre überregionale Bedeutung im deutschen Schienennetz nicht zuletzt als Umleitungstrasse für weitlaufende Verkehre und als Alternative zur Rheinschiene.

Neben dem Ausbau der Bahnstrecken sind aber auch Investitionen in der Region erforderlich, die den Unternehmen die Nutzung der Bahn als Transportmittel ermöglichen. Dazu zählt zum Beispiel das neue Verladeterminal in Kreuztal, das die Siegener Kreisbahn plant.

 

„Damit“, so Prof. Steinbrecher, „können Synergien im sogenannten intermodalen Güterverkehr genutzt werden“. Darunter ist die Kombination von mehreren Transportarten wie Schiene, Straße und Schiff zu verstehen.

Eine weitere Empfehlung: Regionale Schienenverkehrsanbieter wie die Siegener Kreisbahn und die Westerwaldbahn sollten eng kooperieren. Derartige Ansätze, so Steinbrecher, entwickeln sich aktuell im Bereich Mittelhessen. Dort befindet sich ein Logistik-Cluster in Planung, das durchaus Möglichkeiten bietet, Strahlwirkung auf die Region und das Thema Güterverkehr zu entwickeln. Nachdrückliche Empfehlung des Gutachters: „Intensivierung der Kooperation in der Region, denn die Gemeinsamkeiten gehen über die Grenzen von Kreisen und Bundesländern hinaus“. Die Studie selbst bewertet Steinbrecher als einen solchen „ersten Schritt in Richtung stärkere Kooperation. Für die Zukunft“, so seine Schlussempfehlung, „sollten weitere Möglichkeiten geprüft werden: angefangen bei der Intensivierung lokaler Abstimmungsprozesse zwischen Verladern und Transporteuren, über eine engere Verzahnung von Straße und Schiene bis hin zu einer Abstimmung der Strukturpolitik der beteiligten Teilregionen über die Landesgrenzen hinweg“.

Die Auftraggeber kommentierten übereinstimmend die Kernaussagen und Empfehlungen des Gutachters. „Uns ist heute deutlicher als je zuvor, dass wir gerade mit unserer Lage im Dreiländereck intensiv kooperieren müssen, um mittel- und langfristig den Gütertransport in Richtung der Weltmärkte zu beschleunigen. Klar ist auch, dass wir künftig stärker ‚in Schiene’ denken müssen. Nicht nur die Sicherung, sondern der Ausbau der Ruhr-Sieg-Strecke bleibt dabei das A und O“, so Franz J. Mockenhaupt (IHK Siegen).

 

Auf die großräumige verkehrsstrategische Bedeutung der Ruhr-Sieg-Strecke verwies sein Hagener Kollege Hans-Peter Rapp-Frick: „Wie sollen denn in den nächsten 25 Jahren ein deutlich gesteigertes Güterverkehrsaufkommen zwischen Rhein-Main und dem östlichen Ruhrgebiet und darüber hinaus bis in die Überseehäfen bewegt werden, wenn der Ruhr-Sieg-Strecke aktuell ein ‚politisches Begräbnis’ droht? Diese Studie macht deutlich, dass diese Trasse sowohl für unsere Region als auch das Bundesschienennetz unverzichtbar ist. Diese Trasse muss ertüchtigt und damit attraktiver werden“.

Die Gemeinsamkeiten des Wirtschaftsraumes Dreiländereck unterstrich Dr. Ulrich Bernhardt (IHK Koblenz, Geschäftsstelle Altenkirchen). „Schon heute wird die Sieg-Strecke teilweise als großräumige Umleitungstrasse genutzt. Über die Sieg-Strecke hinaus hat die Wirtschaft im Raum Altenkirchen und Betzdorf allerdings auch ein sehr deutliches Interesse an einer Verbesserung der mangelhaften Straßeninfrastruktur. Bessere Straßen würden unsere Unternehmen unter Umständen schneller nach Siegen an die Ruhr-Sieg-Strecke beziehungsweise nach Kreuztal zum geplanten Terminal gelangen lassen“.

„Diese Studie könnte einen wichtigen Beitrag dazu leisten, gerade auch in Mittelhessen die Diskussion über neue Einrichtungen für Schienengütertransporte beziehungsweise den kombinierten Verkehr zu beschleunigen“, so Saskia Kuhl (IHK Lahn-Dill). „Bisher wurde in Hessen möglicherweise die Gesamtbedeutung dieser Ruhr-Sieg-Strecke als Verbindungsachse zwischen den Wirtschaftsräumen nicht ausreichend gesehen. Die Ertüchtigung der Ruhr-Sieg-Strecke für den Güterverkehr kann dadurch ebenso positive Effekte auf den Personennahverkehr haben.

Die gemeinsame Feststellung der Auftraggeber der Studie ist: „Diese erfolgreiche und industriestarke Region Dreiländereck ist für jede der drei Landesregierungen im wahrsten Sinne des Wortes ‚weit weg’. Umso dringender ist es, zukünftig erheblich stärker gemeinsam an der Verbesserung der Standortbedingungen für unsere Unternehmen zu arbeiten. Dazu gehören insbesondere die Fragen der Güterverkehrsinfrastruktur. Wir sind fest entschlossen“, so die IHK Vertreter, „eine in der Sache zwingend notwendige, aber bisher kaum praktizierte Landesgrenzen überschreitende Verkehrsplanung bei unseren drei Landesregierungen einzufordern. Die aktuell angelaufene Fortschreibung des Bundesverkehrswegeplanes ist dabei nur ein Anlass, wenn auch ein wichtiger mit langfristiger Bedeutung“.

Auftraggeber der Studie: Hermann-Josef Droege (Geschäftsführer IHK Siegen) Franz J. Mockenhaupt (Hauptgeschäftsführer IHK Siegen),Saskia Kuhl (IHK Lahn-Dill), Hans-Peter Rapp-Frick (IHK-Hauptgeschäftsführer Hagen) und Dr. Ulrich Bernhardt (IHK Koblenz/Altenkirchen) präsentierten die IHK-Studie zum Güterverkehr (v.l.n.r.)