„Gutes tun macht glücklich“

Eine Vision bildet den Auftakt von „Forum Siegen“ – Am 8. Dezember wird die Zukunft der Veranstaltungsreihe gemeinsam erarbeitet

(wS/red) Siegen 28.11.2016 „Muße ist aller Lösung Anfang“ – der Titel des Auftaktvortrags von Prof. Dr. Gustav Bergmann bei „Forum Siegen“ im Alten Lyz in Siegen weckt unterschiedliche Assoziationen und lädt auf den ersten Blick zur Interpretation, gar Spekulation. Geht es ums reine Faulenzen, ums Nachdenken ohne Zeitdruck, darum, Kreativität ungezwungen freien Lauf lassen zu können? Der Ökonom und Sozialwissenschaftler ist sich der Provokation seines Titels bewusst, vor allem im protestantisch geprägten Siegerland, wo (Arbeits-)Leistung durchaus als Lebensinhalt gilt. Bergmann, der aus Ostwestfalen stammt, ist die hiesige Grundeinstellung nicht fremd: „Zuhause durfte es nie so aussehen, dass man sich dem Müßiggang hingibt.“

Prof. Dr. Gustav Bergmann beim Vortrag.

Prof. Dr. Gustav Bergmann beim Vortrag.

Muße, das ist für den Referenten „Zeit, die eine Person nach eigenem Wunsch nutzen kann.“ Insofern stehe der Begriff nicht für Faulheit, Nichtstun oder Entschleunigung, sondern gemäß der altdeutschen Übersetzung von „muoza“ für „Gelegenheit“ oder „Möglichkeit“. Als Beispiel führt Bergmann das Ehrenamt an: „Es ist zumeist zwecklos, aber keinesfalls sinnlos.“ Wer ehrenamtlich tätig sei, engagiere sich nicht, um damit Geld zu verdienen, sondern um anderen zu helfen oder Dinge voranzubringen. Wer im Stress stehe, könne weniger für andere tun. Das Engagement für andere trage aber zu eigener Zufriedenheit und zum Glück bei. Muße birgt Freiheit, die Möglichkeit, ja oder nein zu sagen.

Muße und Fleiß, oder Scola und Industria – sind das gegensätzliche Begrifflichkeiten? Bergmann verneint: „Müßiggang kann mit großer Aktivität gepaart sein. Er bietet aber die Möglichkeit, über seine Arbeit selbst zu bestimmen.“ Muße also als aller Lösung Anfang? Als Ergebnis der „totalen Beschleunigung“ macht der Hochschullehrer „materiellen Wohlstand für wenige auf  Stabsstelle Wissenschaft trifft Gesellschaft  diesem Planeten“ aus, „der auf Kosten der meisten Menschen und der Natur realisiert wurde“. Stress störe die Weltbeziehung zu sich selbst, zu den Mitmenschen, zur Natur und zu den Dingen. „Der wahre Wohlständige ist der Zeithaber.“ Und weiter: „Wir brauchen Muße um zu erkennen, was wir können und wollen.“ Auch Demokratie benötige Zeit: „Man muss überzeugen und in die Köpfe gelangen.“

Die Lösung liegt für Bergmann in einer Vision, der sich eine Gesellschaft Stück für Stück annähern könne. Diese Vision beinhaltet vor allem ein bedingungsloses Grundeinkommen für Jedermann, bedingungsloses Grundvermögen (jedem sein Eigenheim) sowie ein intensives Bildungsprogramm. Die Erbschaftssteuer solle (bis auf die Höhe des bedingungslosen Grundvermögens) 100 Prozent betragen: „Sonst wächst die Ungleichheit immer weiter.“ Das Leben müsse entkommerzialisiert, die Werbung eingeschränkt werden. Menschen erhielten durch das bedingungslose Grundeinkommen ihre Würde zurück. Es biete Raum, „sich zu empören und zu engagieren“, für die „Erziehung zur Seelengröße“, für „Nachhaltigkeit und Wirksamkeit, für effektiven Aktionismus“. Denn: „Gutes tun macht glücklich“.

Die monothematische Vortragsreihe „Forum Siegen“ beschäftigt sich in diesem Wintersemester mit dem Leitthema „Große Pause – Muße in der Arbeitsgesellschaft“. Am 1. Dezember referiert Prof. Dr. Friedhelm Decher über „Eine Gesellschaft, die keine Zeit hat, lebt nicht – Zeitnot, Ökonomie und Muße“. Am 8. Dezember steht ganz Grundlegendes auf dem Programm. Jedermann ist eingeladen, das Format „Forum Siegen“ mitzugestalten. In Form einer Open-SpaceVeranstaltung laden die Organisatoren ein, gemeinsam Zukunftsperspektiven für die Veranstaltung zu entwickeln. Dabei wird auf eine Erfahrung der Pause zurückgegriffen. Denn: „Während der Pause gibt es den lebhaftesten Austausch“. Forum Siegen findet jeweils ab 20 Uhr in der Aula des Alten Lyz an der St.-Johann-Straße in Siegen statt.

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