Auch Small Talk will gekonnt sein

Prof. Dr. Stephan Habscheid sprach bei „Forum Siegen“ über „Kommunikative Formate der Rekreation und Ausgelassenheit“.

(wS/red) Siegen 31.01.2017 | Der Vorhang fällt. Zwei Schauspielakte sind über die Bühne gegangen. Der Applaus verebbt, die Ränge leeren, das Theaterfoyer füllt sich. Bei Sekt und Selters, bei Bretzel und Canapes wird nun in Gruppen oder Duos Konversation gemacht, bis die Glocke zur zweiten Halbzeit ruft. Mal ist diese tiefgründiger, mal leicht-locker oder sogar humorvoll-witzig, ähnelt eher dem Small Talk. Gespräche in der Theaterpause haben in Anbetracht ihrer gesellschaftlichen wie auch kommunikativen Relevanz Wissenschaftler auf den Plan gerufen. Prof. Dr. Stephan Habscheid (Germanistik, Angewandte Sprachwissenschaft der Universität Siegen) forscht dazu im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekts „Theater im Gespräch. Sprachliche Kunstaneignungspraktiken in der Theaterpause“. Habscheid war nun zu Gast bei der Vortragsreihe „Forum Siegen“, die sich in diesem Semester dem Thema „Große Pause – Muße in der Arbeitsgesellschaft“ widmet. Sein Thema lautete „Konversation und Small Talk – Kommunikative Formate der Rekreation und Ausgelassenheit“.

2016-11-04_logo_uni_siegenDie Forum Siegen-Besucher spielten via Aufzeichnung Mäuschen beim Pausen-Small Talk. Agnes, Fabian und Jasmin verbringen gemeinsam die Pause einer Vorstellung von Shakespeares „Kaufmann von Venedig“. Fabian: „ah“. Agnes: „ähm(…) Jasmin: „wie lange is pause. Fünfzehn Minuten?“ Fabian: „WEISS gar nich – ich MUSS jetzt auf jeden fall mal raus.“ Agnes: „oKEE“. In der Forschung erleichtert das Transkript die Untersuchung der Aufzeichnung. Auch die Besucherinnen und Besucher in der Aula des alten Lyz erhielten Transkripte und konnten so die Gespräche leichter verfolgen. Nicht immer hängen die Gesprächsbeiträge der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusammen, Kunstkommunikation wechselt manchmal unvermittelt in gesellige Spaßkommunikation.

So leicht und vielleicht oberflächlich das Ganze klingt: Sowohl Konversation als auch Small Talk wollen gekonnt sein. Sie fordern den Teilnehmern in der Regel spezielle Fähigkeiten (Skills) ab. Begrüßungsformeln und ein wenig belangloser Schwatz zum Auftakt sind Mittel, das Eis zu brechen und das Schweigen zu überwinden. Die Gemeinschaft der Wörter hilft, einen tragfähigen sozialen Kontakt zu etablieren. Nicht zuletzt die Beziehungsgestaltung in der Kommunikation ist wichtig: Gesprächspartner werden mit Respekt und Anerkennung bedacht, Gesichtsbedrohungen vermieden. Auch die Verletzung der Privatsphäre und der Entfaltungsmöglichkeit des anderen sind tabu. Durch das Streben nach Harmonie im Gespräch werden Wissensunterschiede überbrückt und wechselseitiges Lernen ermöglicht. Um an diesem sozialen Spiel teilhaben zu können, benötigt man aber auch gewisse bildungssprachliche Fähigkeiten. Insofern können Small Talk und Konversation auch ausschließenden Charakter haben.

Hinter dem Fachbegriff Homileischer Diskurs (sich unterredend versammeln) verbergen sich Gespräche, etwa am Arbeitsplatz, die sich außerhalb institutioneller Zwecke, formeller und professioneller Rollen vollziehen. Darunter fallen beispielsweise Klatsch, Lästern, Frotzeln und Anekdoten. Auch diese Formen der Kommunikation ermöglichen psychische Erholung und Entlastung.

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