(wS/red) Kreuztal 17.05.2026 | Es gibt Orte in einer Stadt, die mehr sind als die Summe ihrer Teile. Dreslers Park in Kreuztal ist so ein Ort. Wer an der Hagener Straße in den Park einbiegt, betritt nicht einfach eine Grünanlage – er betritt über 150 Jahre Stadtgeschichte, Industriegeschichte und Familiengeschichte des Siegerlandes. Zwei prachtvolle historische Villen, ein weitläufiger Park mit altem Baumbestand, Rhododendren und gepflegten Gärten, dazu Geschichten, die bis ins Jahr 1502 zurückreichen. Dreslers Park ist Kreuztal in seiner schönsten Form: gewachsen, gelebt, geliebt.


1502: Alles beginnt mit einem Feuerschilling
Wer die Geschichte des Dreslers Parks wirklich begreifen will, muss mehr als 500 Jahre zurückblicken. Im Jahr 1502 zahlte ein Siegerländer Schmiedemeister namens Heylmann Dresseler einen sogenannten Feuerschilling – eine Gebühr, um eine örtliche Feuerstelle nutzen zu dürfen. Ein scheinbar unbedeutender Moment. Doch aus diesem Funken entstand im Laufe von Generationen eine der außergewöhnlichsten Unternehmer- und Familiengeschichten, die das Siegerland je hervorgebracht hat.
Die Familie wuchs, der Einfluss wuchs, das Gewicht in der Region wuchs. Über viele Generationen hinweg stellten die Dreslers den Bürgermeister der Stadt Siegen – mehr als zwei Jahrhunderte lang, von der fünften bis zur zehnten Generation. Stahl, Eisen, Politik und Familie: In dieser Dynastie war alles miteinander verwoben.
Das Kreuzthaler Walzwerk – Fundament einer Ära
Im Jahr 1860 übernahmen die Brüder Heinrich Adolf Dresler (geboren 1835) und Friedrich Wilhelm Dresler (geboren 1839) das Kreuzthaler Walzwerk von ihrem Vater Johann Dresler III. Das Werk zählte zu den bedeutendsten Industrieanlagen im Amt Ferndorf. Das Problem: Die Brüder lebten in Siegen. Je mehr der Betrieb wuchs, desto unpraktikabler wurde dieser Zustand. Die Entscheidung fiel 1869: Man kaufte ein Gelände in Kreuztal, direkt an der Chaussee nach Krombach – und begann zu bauen.
Das Weiße Haus – Herrschaftssitz einer Industriellenfamilie
Das erste Gebäude, das auf dem neuen Grundstück entstand, war das sogenannte Weiße Haus – heute als Weiße Villa bekannt. Der Bau, fertiggestellt 1869, orientierte sich am Architekturstil der Renaissance. Hohe Fenster, repräsentative Fassade, eindrucksvolle Proportionen: Die Architektur sollte Herrschaftspräsenz ausdrücken – und sie tat es.
Die beiden Brüder bezogen das Haus gemeinsam: Friedrich Wilhelm mit seiner Frau Henriette im Erdgeschoss, Heinrich Adolf im Obergeschoss. Was anfangs praktisch wirkte, wurde mit den Jahren enger – denn Heinrich Adolfs Familie wuchs stetig. Am Ende lebten er, seine Frau Clementine, geborene Klein, und ihre elf Kinder gemeinsam in der Villa. Ein Familienhaus hinter der herrschaftlichen Fassade.
Die Gelbe Villa – Als Platzmangel zur Schönheit wurde
1882 ließ Friedrich Wilhelm direkt neben dem Weißen Haus eine zweite Villa errichten. Der Anlass war sachlich: Der Kinderreichtum des Bruders hatte den Wohnraum im gemeinsamen Gebäude aufgebraucht. Was dabei entstand, war jedoch alles andere als nüchtern: Die Gelbe Villa ist ein Backsteinbau aus leuchtend gelben Industrieziegeln, gestaltet nach dem Vorbild eines florentinischen Renaissancepalazzo – typisch für den Repräsentationswillen des deutschen Industrieadels im späten 19. Jahrhundert.
Im Inneren haben sich original erhaltene Stuckdecken sowie teilweise freigelegte Wand- und Deckenmalereien erhalten – beeindruckende Zeugnisse der damaligen Handwerkskunst. Zur Gelben Villa gehörten von Anfang an eine Terrasse auf der Südseite sowie ein niedrigerer Anbau im Osten. Friedrich Wilhelm bezog das neue Haus mit seiner Frau Henriette und dem gemeinsamen Sohn Heinrich. Danach teilten die Brüder den Park unter sich auf – zwei Villen, zwei Gärten, zwei Welten.
Ein Park wie ein kleines Gut
Was heute als rund 1,2 Hektar großes Grünareal zum Spazierengehen einlädt, war zu Lebzeiten der Dresler-Brüder ein weitaus ausgedehnteres Anwesen. Neben den Gärten rund um die Villen gab es landwirtschaftlich genutzte Flächen: Felder, Wiesen, Weiden, Obst- und Gemüsegärten – und sogar Gewächshäuser für den Weinanbau. Das Anwesen war weitgehend selbstversorgend. Noch nach dem Zweiten Weltkrieg wurden im Stall Schafe, Kaninchen und Hühner gehalten.
Gestalterisch zeigen die beiden Villengärten bewusst unterschiedliche Charaktere: Der Garten der Weißen Villa folgt dem Vorbild des englischen Landschaftsparks, der der Gelben Villa ist formal und streng nach italienischem Vorbild konzipiert. Den Rahmen des gesamten Areals bilden mächtige alte Bäume, Rhododendronsträucher und Staudenpflanzungen.
Das Kutscherhaus und eine überlieferte Geschichte
Zum Ensemble des Parks gehört auch das Kutscherhaus – ursprünglich Unterstand für Pferde und Kutschen, mit einem kleinen Wohnraum für den Kutscher beziehungsweise später den Chauffeur. Überliefert ist, dass die Kinder der Familie Dresler das Kutscherhaus als heimlichen Spielort nutzten – streng genommen verboten, aber offenbar unwiderstehlich.
Dass das Gebäude heute eine Kindertagesstätte beherbergt, hat so eine ganz eigene, schöne Logik. Der Musikpavillon wiederum diente der Familie Dresler bei gutem Wetter als Speiseplatz im Freien – er steht bis heute an gleicher Stelle im Park.

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Heinrich Adolf Dresler – eine außergewöhnliche Persönlichkeit
Heinrich Adolf Dresler war weit mehr als ein Bauherr. Als Aktionär und Direktor der Siegener Verzinkerei Actiengesellschaft – dem Vorläufer der heutigen The Coatinc Company – legte er den Grundstein für ein Unternehmen, das bis ins 21. Jahrhundert Bestand haben sollte. Als Politiker saß er im Deutschen Reichstag in Berlin. Und als Familienvater brachte er elf Kinder groß.
Sein Leben umspannte fast ein volles Jahrhundert: 1835 geboren, erlebte er das Kaiserreich, den Ersten Weltkrieg und den Beginn der Weimarer Republik. Als er 1929 starb, war er 94 Jahre alt.
Ein besonders bemerkenswerter Moment aus seinem hohen Alter: Zum 85. Geburtstag, im Jahr 1918, überreichte ihm seine Tochter Emmy in den Räumen der Villa ein selbst verfasstes Buch über die Geschichte der Familie Dresler. Dieses Werk wurde später zur Grundlage der gesamten Familienforschung und bewahrte das Gedächtnis einer der bedeutendsten Siegerländer Dynastien für die Nachwelt.
Luise Dresler – Brücke zu einer neuen Generation
Luise Charlotte Dresler, am 19. April 1873 als erstes Kind Heinrich Adolfs in Kreuztal geboren, heiratete Alfred Emil Niederstein, einen evangelischen Pfarrer und späteren Superintendenten. Diese Verbindung war der Beginn eines neuen Kapitels im Dresler’schen Erbe.
Alfred Niederstein gehörte während der NS-Zeit der Bekennenden Kirche an, die sich offen von den regimetreuen „Deutschen Christen“ distanzierte. 1938 wurde er von den Nationalsozialisten seines Amtes enthoben. Auch Luise geriet ins Visier des Regimes – ihr Briefverkehr wurde überwacht, weil sie sich als Vorstandsmitglied der Evangelischen Frauenhilfe engagierte. Nach dem Krieg kehrte Alfred in sein Amt zurück. Nach seinem Tod am 17. Juli 1963 lebte Luise mit ihrer Schwester Charlotte im Elternhaus in Dreslers Park. Sie starb am 25. August 1968 in Kreuztal – in dem Haus, in dem sie aufgewachsen war.
The Coatinc Company – das älteste Familienunternehmen Deutschlands
Der zweite Sohn von Luise und Alfred, Werner Niederstein, geboren 1901, trat 1923 in das Familienunternehmen ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm er 1945 die alleinige Führung der Siegener Actiengesellschaft; von den alliierten Besatzungsmächten wurde er zugleich als IHK-Präsident eingesetzt. Sein Sohn Klaus Niederstein trieb später die Internationalisierung voran. Heute führt Paul Niederstein das Unternehmen – als The Coatinc Company (TCC), einen international tätigen Spezialisten für die Feuerverzinkung von Stahl und Metall mit Stammsitz in Kreuztal.
Seit 2019 gilt TCC laut Ranking der Stiftung Familienunternehmen offiziell als das älteste Familienunternehmen Deutschlands – gegründet 1502, heute in der 17. Generation. Im Dezember 2025 wurde bekannt, dass der britische Mitgesellschafter B.E. Wedge Holdings seine seit 1992 gehaltenen 49-Prozent-Anteile verkauft hat. Das Unternehmen befindet sich damit wieder vollständig in Familienhand.
Die Verbundenheit mit Kreuztal und dem Park ist bis heute spürbar. Paul Niederstein brachte es selbst auf den Punkt, als er die Weiße Villa betrat: „Wir sind hier im Wohnzimmer meines Urgroßvaters.“
Besatzung, Wandel und die Rettung durch die Stadt
Das Ende des Zweiten Weltkriegs brachte für den Park eine einschneidende Zäsur. Die alliierten Besatzungsmächte beschlagnahmten die Villen und nutzten sie bis 1950 als Kommandozentrale. Danach wurden Teile des großen Geländes nach und nach verkauft oder für den Bau neuer Straßen geopfert. Der Park schrumpfte auf das heutige Kerngelände von rund 1,2 Hektar.
1989 kaufte die Stadt Kreuztal das gesamte verbliebene Anwesen. Am 29. März 1990 wurden der Park und alle seine Gebäude in die Denkmalliste der Stadt eingetragen. 1997 öffnete Dreslers Park offiziell als Bürger- und Kulturzentrum für alle Kreuztalerinnen und Kreuztaler.
Was die Stadt daraus gemacht hat
Die Umnutzung der historischen Gebäude ist in jeder Hinsicht gelungen. In der Weißen Villa stehen ein Großer Saal für bis zu rund 100 Gäste sowie ein Terrassensaal mit historischem Parkett, Stuckdecken und Kronleuchtern zur Verfügung – für Veranstaltungen, Tagungen und kulturelle Darbietungen. Für größere Veranstaltungen bis zu 200 Personen stehen weitere Seminarräume bereit. Außerdem ist hier eine Kindertagesstätte untergebracht.
Die Gelbe Villa beherbergt das Stadtarchiv sowie ein Trauzimmer des Standesamtes – für alle, die in historischem Ambiente heiraten möchten, gibt es in Kreuztal kaum eine schönere Kulisse. Das Kutscherhaus ist heute ein Restaurant mit Terrasse und Blick in den Park. Der Musikpavillon steht nach wie vor mitten im Grünen – genau dort, wo er seit Generationen steht.
Konzerte, Lichterglanz und ein Park voller Leben
Dreslers Park ist seit seiner Öffnung für die Öffentlichkeit zu einem echten Kulturort geworden. Der „Kreuztalsommer“ bringt regelmäßig Open-Air-Veranstaltungen in den Park: Konzerte, Feste, Begegnungen – die Villen und der Pavillon als Bühne, der alte Baumbestand als natürliche Kulisse.
Besonders beliebt ist der Weihnachtsmarkt am zweiten Adventswochenende, wenn der Park in festlichem Lichterglanz erstrahlt. Diese Tradition hat Dreslers Park tief ins Gedächtnis der Kreuztalerinnen und Kreuztaler eingeschrieben – und sie wird weitergehen. Auch in Zukunft wird dieser Park wieder leuchten, klingen und Menschen zusammenbringen.
Dankeschön – und eine herzliche Bitte
Dreslers Park ist heute ein Ort, der alles kann: Er lädt zum Spazierengehen ein und zum Staunen, zum Feiern und zum stillen Innehalten. Ein herzliches Dankeschön an alle, die diesen besonderen Platz hegen und pflegen – ob hauptamtlich oder ehrenamtlich, ob mit Rechen, Pinsel oder einfach mit Herzblut. Ihr macht Kreuztal ein Stück schöner!
Und weil Dreslers Park uns allen gehört, trägt auch jede und jeder Einzelne Verantwortung: Bitte haltet den Park sauber. Nehmt euren Müll mit, schont die Grünanlagen, respektiert die alten Bäume und die historischen Gebäude. Dieser Ort hat über 150 Jahre überdauert – damit er das auch weiterhin tut, braucht er unsere Wertschätzung und unsere Sorgfalt.
📍 Dreslers Park · Hagener Straße 22–30 · 57223 Kreuztal




















Fotos: Andreas Trojak / wirSiegen.de
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