Wie Kinder sprechen lernen: Logopäde der DRK-Kinderklinik Siegen erklärt, was Eltern wirklich helfen kann

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(wS/drk) Siegen 22.06.2026 | Wenn ein Kleinkind seine ersten Wörter spricht, ist das für viele Eltern ein bewegender Moment. Doch was wie ein plötzlicher Durchbruch wirkt, ist in Wahrheit das Ergebnis eines langen, vielschichtigen Entwicklungsprozesses – der bereits im Säuglingsalter beginnt. Bernd Hammel, langjähriger Logopäde an der DRK-Kinderklinik Siegen, erklärt, wie Sprache bei Kindern wirklich entsteht, welche Rolle Eltern dabei spielen – und welche gut gemeinten Verhaltensweisen eher schaden als nützen.

Sprache ist kein isolierter Vorgang

„Die Sprachentwicklung ist kein isolierter Vorgang“, betont Bernd Hammel. „Sie ist tief verwoben mit Motorik, Wahrnehmung, emotionaler Bindung, Denken und sozialer Entwicklung. All diese Faktoren bilden gemeinsam das Fundament, auf dem Sprache gedeihen kann.“

Das bedeutet konkret: Sprache wächst nicht für sich allein, sondern ist eingebettet in die gesamte kindliche Entwicklung. Dazu gehören die motorische Entwicklung einschließlich Körperhaltung und Atmung, die Feinmotorik, die eng mit den neuronalen Arealen verknüpft ist, die Sprache verarbeiten, die geistige Entwicklung – also Denken, Erinnern und Zuordnen –, die sozial-emotionale Entwicklung sowie die Sinneswahrnehmung, die vom Hören über das Sehen bis hin zur Tiefensensibilität reicht.

Besonders wichtig ist laut Hammel die sichere Bindung an Eltern oder andere primäre Bezugspersonen: „Sie schafft Urvertrauen, Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen – und auf diesem emotionalen Fundament wächst die Fähigkeit, Sprache einzusetzen, um mit anderen Menschen in Kontakt zu treten.“

Liebe und Geborgenheit wichtiger als Förderprogramme

Was können Eltern also konkret tun? Hammels Antwort ist eindeutig: Das Wichtigste ist weder ein spezielles Förderprogramm noch eine bestimmte Methode. „Diese Grundannahme, dass ein Kind gut ist, wie es ist, öffnet ihm die Tür zum Lernen. Ein Kind, das sich sicher fühlt, traut sich, einfach drauflos zu sprechen, dabei auch Fehler zu machen und sich unbefangen mitzuteilen. Es sollte merken, dass seinen Eltern wichtig ist, was es sagt und nicht, ob es alles schon richtig sagt.“

Für die Sprachentwicklung braucht ein Kind vor allem Zeit – Zeit, die Eltern und Bezugspersonen gemeinsam mit ihm verbringen: beim Spielen, beim Zuhören, beim Betrachten von Bilderbüchern oder beim Erzählen im Alltag. Sprachförderliches Verhalten ist dabei gar nicht kompliziert: Man spricht mit dem Kind, begleitet Handlungen mit Worten, erzählt beim Wickeln oder Baden, was man gerade gemeinsam tut, beschreibt Eindrücke beim Spaziergang oder beim Einkaufen. „Gerade diese alltäglichen Situationen, die ganz unspektakulär erscheinen, sind für die Sprachentwicklung von unschätzbarem Wert“, so Hammel.

Kinder lernen durch echten Austausch – nicht durch Nachsprechen

Ein verbreiteter Irrtum: Kinder lernen Sprache am besten, wenn man ihnen etwas vorspricht und sie es wiederholen lassen. Hammel widerspricht klar: „Kinder lernen Sprache im realen Austausch, nicht durch Vorsagen. Sie sind keine Papageien. Sie lernen, indem sie Wörter und Satzstrukturen ausprobieren, vergleichen, Fehler machen und sich weiterentwickeln. Sie sind Regellerner. Die Grammatik erwerben sie über unzählige sprachliche Mitteilungen, die sie an andere richten und über die vorsichtigen verbessernden Rückmeldungen, die sie aus ihrem Umfeld erhalten.“

Zwar gibt es zwischen eineinhalb und vier Jahren häufig eine Phase, in der Kinder von selbst gerne wiederholen, was sie hören – doch das geschieht freiwillig und ist Teil ihrer spielerischen Auseinandersetzung mit Sprache. Eltern sollten daraus keine Übung machen: „Zwang ist nicht hilfreich und kann sogar blockieren.“

Fehler korrigieren – aber richtig

Was tun, wenn ein Kind etwas falsch sagt? Direkte Kritik ist laut Hammel der falsche Weg. Wer einem Kind sagt „Das hast du falsch gesagt“, riskiert, die Freude am Sprechen zu beeinträchtigen und das Kind zu verunsichern. Viel wirksamer ist die indirekte Korrektur: Eltern greifen die Äußerung des Kindes auf und formulieren sie in ihrer Antwort einfach korrekt – freundlich und ohne Kommentar. So lernt das Kind im Kontext, ohne entmutigt zu werden. „Indirekte Korrekturen, verpackt in ein freundliches Gespräch, fördern Selbstvertrauen und Lernbereitschaft“, erklärt der Logopäde.

Warnung vor elektronischen Medien

Abschließend richtet Hammel noch eine klare Warnung an Eltern: „Elektronische Medien sind keine geeigneten Lehrmittel für Sprache. Kinder lernen sprechen nur im echten Kontakt, nicht durch passive Beschallung.“


Bernd Hammel ist langjähriger Logopäde an der DRK-Kinderklinik Siegen. Die Klinik versorgte im Jahr 2025 insgesamt 6.886 Patienten stationär und 75.958 Patienten ambulant und gehört mit fast 1.300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu den großen Fachkliniken für Kinder- und Jugendmedizin in der Region. Foto: DRK

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