„Nur die wenigsten gehen zum Arzt“ – Patientenforum hilft, Tabuthema Inkontinenz zu überwinden

wS/js Siegen – 25. Juni 2013 – „Inkontinenz ist in unserer Gesellschaft leider immer noch ein Tabuthema“, sagte Dr. Peter Weib, Chefarzt der Urologie im Ev. Jung-Stilling-Krankenhaus Siegen, bei einem Patientenforum zum Thema Inkontinenz. Dabei leiden weltweit viele Menschen unter einer schwachen Blase und einem schwachen Darm – auch in Siegen-Wittgenstein. „Jede vierte Frau und jeder zehnte Mann ist von Inkontinenz betroffen“, erklärte Margot Kieruj, Leiterin des Schwerpunktes Inkontinenz in der Urologie des Ev. Jung-Stilling-Krankenhauses. Gerade im Alter würden Menschen zunehmend erkranken. Das bestätigte auch Dr. Guido Orth, Chefarzt der Akutgeriatrie im Ev. Krankenhaus Kredenbach: „Mit dem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, an Inkontinenz zu erkranken.“

Besonders bei älteren Patienten gelte, eine schonende Therapie durchzuführen. Darüber hinaus müsse man bereits verschriebene Medikamente berücksichtigen: „Oft nehmen ältere Patienten zehn und mehr Medikamente ein, von denen viele eine Harninkontinenz begünstigen oder deren Kombination die Erkrankung verschlimmern kann“, erklärte Orth. Trotz unterschiedlicher Therapieansätze eint ältere und jüngere Inkontinenz-Patienten eines gleichermaßen: Der Umgang mit ihrer Krankheit. „Nur die wenigsten gehen zum Arzt“, weiß Kieruj. Dabei kann Betroffenen heute auf ganz verschiedene Weise geholfen werden: Es gibt Hilfsmittel, konservative und operative Behandlungsmöglichkeiten. „Mit einer Verhaltenstherapie oder einem Blasentraining kann dauerhaft viel erreicht werden“, erläuterte Kieruj. Auch Krankengymnastik und Beckenbodentraining seien wichtig. Wie der Beckenboden trainiert wird, erfuhren die Besucher bereits während des Patientenforums. Gemeinsam mit Sabrina Wohlfahrt aus dem Ambulanten Rehabilitationszentrum Siegerland übten sie, ihren Beckenboden anzuspannen.

Die Physiotherapeutin zeigte, wie jeder seinen Beckenboden zu Hause selbst stärken kann. Im Zusammenhang mit Inkontinenz hat der Beckenboden eine zentrale Bedeutung. Das verdeutlichte Dr. Osama Shamia, Kooperationsarzt der Klinik für Gynäkologie und gynäkologische Onkologie im Ev. Jung-Stilling-Krankenhaus. „Der Beckenboden ist wie eine Hängematte.“ Geben die Bänder beispielsweise durch mehrere Geburten nach, würden Blase, Gebärmutter und manchmal auch der Enddarm nach unten sinken. Durch diese Senkung kann die Funktion des Schließmuskels beeinträchtigt werden. Vor allem Frauen rät der Gynäkologe deshalb, den Beckenboden zu trainieren. Ursache für eine Inkontinenz ist aber nicht ausnahmslos der Beckenboden: Auch akute oder chronische Erkrankungen, psychische Probleme, Medikamente, Operationen der Prostata oder eine Schädigung des Zentralen Nervensystems können Inkontinenz auslösen.

Letzteren Punkt beleuchtete Professor Dr. Veit Braun, Chefarzt der Neurochirurgie im Ev. Jung-Stilling-Krankenhaus: „Bei Harninkontinenz können nicht immer Urologe oder Gynäkologe helfen, sondern oftmals sind auch Neurochirurgen die richtigen Ansprechpartner.“ Schlaganfall oder Bandscheibenvorfall könnten beispielsweise dazu führen, dass Nerven den Schließmuskel nicht mehr richtig steuern können. Harninkontinenz muss also nicht zwingend etwas mit der Blase selbst zu tun haben. Generell gilt daher immer: „Um Inkontinenz diagnostizieren und behandeln zu können, müssen wir den Grund für die Erkrankung kennen“, sagten Dr. Dietmar Zielinski, Oberarzt der Medizinischen Klinik, und Dr. Andreas Müller, Chefarzt der Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie im Ev. Jung-Stilling-Krankenhaus. Entscheidend sei neben der Untersuchung die Krankheitsgeschichte des Patienten.

Für Männer mit Harninkontinenz wenden die Mediziner in der Urologie des Ev. Jung-Stilling-Krankenhauses zwei Operationsverfahren an – die Advance Male Sling und das Argus- Band. Wie Urologin Kieruj erklärte, setzt man bei diesen Operationen ein Band unterhalb des Schließmuskels ein, wodurch dessen Funktion wieder hergestellt wird. „Nach einer sorgfältigen Voruntersuchung entscheiden wir, welche der beiden Methoden für den Patienten geeignet ist.“ Die Erfahrung zeige, dass Patienten häufig geholfen werden kann.

Expertenrat am Telefon

Am Dienstag, 2. Juli, können Patienten und Interessierte von 16 bis 18 Uhr ihre Fragen zum Thema „Harninkontinenz“ ganz persönlich an Margot Kieruj richten. Die Leiterin des Schwerpunktes Inkontinenz (Urologie des Ev. Jung-Stilling-Krankenhauses Siegen) steht dann telefonisch unter 0271/ 33340666 Rede und Antwort.

Anlässlich der weltweiten Kontinenz-Woche informierten Mediziner des Diakonie-Klinikums fachübergreifend über Inkontinenz und trugen dazu bei, das Bewusstsein für diese Erkrankung zu fördern.

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