Größter Crash-Kurs aller Zeiten: Die Kreispolizeibehörde setzt in Siegen neue Maßstäbe in der Prävention

Teilen Sie
Teilen Sie

(wS/red) Siegen 11.02.2026 | Es ist ein Moment, der sich tief in das Gedächtnis brennt: Schweigend, mit gesenkten Köpfen und sichtlich emotional gezeichnet, verlassen hunderte junge Menschen den Leonhard-Gläser-Saal der Siegerlandhalle. Wo sonst gelacht und diskutiert wird, herrschte nach den letzten Worten auf der Bühne eine fast unheimliche Stille. Was die überwiegend jungen Besucherinnen und Besucher an diesem Mittwochvormittag erlebt haben, war kein gewöhnlicher Schultermin – es war der bisher größte und emotionalste „Crash Kurs“, den die Kreispolizeibehörde Siegen-Wittgenstein jemals durchgeführt hat.

Rund 800 Schülerinnen und Schüler waren gekommen, um an einer Veranstaltung teilzunehmen, die es in dieser Form und Größe bisher im Kreis nicht gab. Ein Termin, der unter die Haut ging und die harte Grenze zwischen jugendlicher Unbeschwertheit und der grausamen Realität eines Bruchteils einer Sekunde aufzeigte.

Ein Appell an das Leben

Eröffnet wurde die Veranstaltung unter tosendem Beifall von Klaus Bunse, dem Abteilungsleiter der Polizei in Siegen-Wittgenstein. Doch schon in seiner Begrüßung wurde der Ton ernst. Unter dem Motto „Realität erfahren. Echt hart.“ machte er unmissverständlich klar: „Nach einem schweren oder auch tödlichen Verkehrsunfall ist nichts mehr so, wie es vorher war. Und das wollen wir vermeiden!“ Sein besonderer Dank galt den Kolleginnen und Kollegen sowie allen Beteiligten, die diesen wichtigen und lehrreichen Vormittag möglich gemacht hatten.

Klaus Bunse

Polizist Heiko Görg, Leiter der Verkehrsunfallprävention und ein Mann mit reichlich Erfahrung, brachte das Ziel des Crash-Kurses im Interview auf den Punkt: „Wir möchten besonders den jungen Erwachsenen und Fahranfängern echte Einblicke geben. Wir wollen sie sensibilisieren, wie schnell Unfälle passieren und wie dadurch das Leben komplett verändert oder ausgelöscht werden kann.“ Sein Wunsch ist simpel, aber essenziell: „Wir möchten, dass unsere Fahranfänger jederzeit sicher und gesund am Ziel ankommen.“ Unfälle, so Görg, seien kein Schicksal, sondern das Ergebnis von Fehlern: Alkohol, Drogen, Raserei und die ständige Ablenkung durch das Handy.

Heiko Görg

Wenn Träume platzen

Ein besonders bewegendes Element der Veranstaltung waren die Lebensträume. Jeder Jugendliche hat sie, und viele hatten sie zuvor auf Luftballons geschrieben. Doch Heiko Görg mahnte: Diese Träume können platzen. Unfallursache Nummer 1 sei nach wie vor die überhöhte Geschwindigkeit. „Durch Raserei riskiert man sein eigenes Leben und das der anderen“, so Görg. Seine Lösung ist einfach: Langsamer und kontrollierter fahren. „Denn sicher ankommen kann nie uncool sein!“ Er warnte zudem eindringlich: „Wenn ihr Freunde habt, die getrunken haben, lasst sie nicht fahren! Haltet sie auf! Eine falsche Entscheidung und alles ist vorbei.“ Auch das Anschnallen rettet Leben – eine Botschaft, die an diesem Vormittag noch eine ganz praktische Bestätigung finden sollte.

Protokolle des Schmerzes: Augenzeugen berichten

Dann wurde es im Saal merklich ruhiger. Die Jugendlichen folgten gebannt den Schilderungen derer, die an den Unfallorten die Trümmer wegräumen und die Toten zählen müssen.

Sonja Teichmann, erfahrene Polizistin im Streifendienst und Pressesprecherin der Behörde, trat auf die Bühne. Mit jeder Minute ihrer Rede wurde es stiller im weiten Rund. Sie berichtete von einem Einsatz auf der B62 bei Hilchenbach, im Bereich der berüchtigten Applauskurve. „Wir waren zufällig in der Nähe und sahen schon beim Eintreffen eine schwarze Rauchwolke“, erzählte sie. Ein Motorradfahrer war aus der Kurve getragen worden und unter einen LKW gerast. Der LKW brannte, die Hitze war unvorstellbar. „Als ich es schaffte, zur Person vorzudringen, war es still. Da war kein Schreien, kein Jammern, kein Wimmern.“ Der Fahrer hatte sein Leben verloren. Teichmann endete mit einer Bitte, die viele Augen feucht werden ließ: „Denkt nicht nur an euch, um ein paar Sekunden Spaß zu haben, sondern an die, die mit dem Verlust kämpfen müssen. Denn ihr seid dann vielleicht nicht mehr da.“

Sonja Teichmann

Ihr folgte Rafael Brüggemann, ein erfahrener Rettungsassistent. Er schilderte einen schweren Unfall zwischen Richstein und Arfeld. Auf der Leinwand sah man das Foto eines roten Autos, das zerstört auf dem Dach lag. Brüggemann beschrieb den Moment, als er zum Wrack kam: Zwei junge Menschen hingen kopfüber leblos in den Sitzen. „Zwei Betroffene, keine Lebenszeichen“, rief er damals seinen Kollegen zu. Sie waren vermutlich unter Zeitdruck zu schnell unterwegs gewesen. Sein Appell: „Habt Zeit! Wenn ihr das Gefühl habt, ich komme zu spät – dann kommt zu spät. Lieber zu spät als nie mehr!“

Rafael Brüggemann

Auch die Perspektive derer, die die schlimmsten Nachrichten überbringen müssen, kam zu Wort. Notfallseelsorger Martin Jung (63) erzählte von einem Einsatz an einem sonnigen Julimorgen. Das Stichwort auf seinem Melder: „Überbringung Todesnachricht“. Er schilderte den schweren Gang zum Haus der Angehörigen und den Moment, als eine Frau nach der Nachricht zusammenbrach. Sechs Stunden blieb er vor Ort, um Beistand zu leisten. „Beachtet diese Dinge, fahrt vorsichtig. Es geht um eure Eltern, Geschwister und Freunde.“

Martin Jung

Ein Überlebender warnt

Zuletzt sprach Rouven Gommers (38) aus Kreuztal. Er ist ein Unfallopfer, das den Horror am eigenen Leib erfahren hat. Am 20. Mai 2011 wollte er „schnell“ von Köln nach Kreuztal, um mit einem Freund Pommes zu essen. Er fühlte sich als „King of the Road“, gab auf der A4 Vollgas. Bei Eckenhagen passierte es: Kontrollverlust, mehrfacher Überschlag. „Es fühlte sich an wie in einer Schrottpresse.“ Er überlebte schwer verletzt, musste mehrfach operiert werden und hat bis heute Schmerzen. „Ich war angeschnallt. Wäre ich das nicht gewesen, stünde ich heute nicht mehr hier!“

Rouven Gommers

Ein Rahmenprogramm für die Sicherheit

Vor und nach der emotionalen Achterbahnfahrt hatten die Jugendlichen im Foyer reichlich Gelegenheit, mit der Polizei und Seelsorgern ins Gespräch zu kommen. Dort gab es auch das Kampagnenfahrzeug „Verantwortung stoppt Vollgas“, VR-Brillen für eine interaktive Unfallprävention sowie einen E-Scooter im Polizei-Look zu sehen.

Der „Crash Kurs NRW“ in der Siegerlandhalle hat ein deutliches Zeichen gesetzt. Es geht nicht um Belehrung, sondern um das Überleben. Damit die Träume der jungen Menschen in Siegen-Wittgenstein nicht auf dem Asphalt enden.

Eine kurze Ablenkung am Steuer, Alkohol oder Drogen vor der Fahrt, überhöhte Geschwindigkeit oder das Weglassen des Sicherheitsgurtes können innerhalb von Sekunden Leben verändern oder zerstören. Hinter jedem schweren Unfall stehen nicht nur Zahlen, sondern Menschen – Familien, Freundinnen und Freunde, die mit den Folgen weiterleben müssen. Polizei, Rettungsdienst und Seelsorge appellieren deshalb eindringlich an junge Fahrerinnen und Fahrer, Verantwortung zu übernehmen und Risiken im Straßenverkehr zu vermeiden. Denn am Ende zählt vor allem eines: gesund und sicher anzukommen.

KOMMT SICHER AN!

Fotos: Andreas Trojak / wirSiegen.de

Filmbeitrag folgt

Werbepartner der Region – Anzeige




Werden Sie Teil unserer Unterstützer-Community

Gefällt Ihnen unsere Berichterstattung auf wirSiegen.de? Helfen Sie mit, dass wir weiterhin unabhängig für Sie berichten können.

👉 Jetzt unterstützen

Jeder Beitrag hilft – vielen Dank für Ihre Unterstützung!

Teilen Sie

Anzeige

E-Mail Marketing: 512 Neukunden in 5 Tagen! Kostenlose Schulung!

Archivkalender

Mo. Di. Mi. Do. Fr. Sa. So.
 1
2345678
9101112131415
16171819202122
232425262728