Kreuztaler Messerprozess: Neue Details belasten Angeklagten am Verhandlungstag

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(wS/red) Siegen 31.03.2026 | Im September 2025 wurde Kreuztal von einer tödlichen Messerattacke erschüttert. Der Angeklagte Maurizio S. konnte kurz nach der Tat in der Nähe festgenommen werden. Nach ersten Ermittlungen stand das Verbrechen im Zeichen eines schwelenden Konflikts zwischen den beiden Männern.

Im Prozess stand heute der nächste Verhandlungstag an. Erneut rückte der Fall mit eindringlichen Zeugenaussagen und weiteren Details in den Fokus des Gerichts. Nach den turbulenten Szenen zum Auftakt setzte die Kammer ihre Beweisaufnahme fort – und zeichnete dabei ein zunehmend komplexes Bild der Ereignisse rund um die Tat und den Angeklagten.

Im Saal 161 des Landgerichts Siegen herrscht an diesem Vormittag eine beklemmende Stille. Die vorsitzende Richterin Dreisbach eröffnet um 09:30 Uhr den Fortsetzungstermin in einem Fall, der das beschauliche Kreuztal am 13. September 2025 erschütterte. Was als polizeiliche Routine beginnt, entwickelt sich im Laufe der Stunden zu einem hochemotionalen Drama, das tiefe Einblicke in die Abgründe menschlicher Existenz und die Kaltblütigkeit einer Tat am helllichten Tag gewährt.

Den Auftakt macht ein 45-jähriger Kriminalhauptkommissar der Polizei Siegen. Er war einer der ersten, der die Welt des Angeklagten Maurizio S. betrat – nicht als Gast, sondern als Ermittler. Seine Schilderung der Wohnungsdurchsuchung: Ein kombiniertes Wohn- und Schlafzimmer, in dem sich geöffnete Briefe stapelten, unaufgeräumt, vernachlässigt. Zwischen zwei verdorrten Cannabispflanzen fanden die Beamten Unterlagen diverser Ärzte.

Der wohl brisanteste Fund des Beamten: Ein Diagnosebrief, der S. eine paranoide Schizophrenie attestiert. Dieser medizinische Befund schwebt wie ein unsichtbarer Schatten über der Anklagebank. Während der Polizist von der Versiegelung der Wohnung und dem Einsatz eines Diensthundes zur Absuche des Fluchtwegs berichtet, starrt der Angeklagte fast ununterbrochen auf den Laptop-Bildschirm seines Verteidigers.

Ein weiterer Zeuge, ein junger Polizeibeamter, bringt Licht in das Umfeld des Opfers Massimo. Die Durchsuchung dessen Wohnung über einer Pizzeria offenbarte Gegenstände, die Fragen nach dem Hintergrund der Tat aufwerfen. Die Beamten fanden ein Mobiltelefon am Ladegerät und eine Taschenlampe, die als Elektroschocker fungieren kann. Besonders brisant: Eine Papier mit einer handgeschriebenen Liste. „Da standen 16 bis 25 Namen mit Beträgen, notiert mit Komma und Strich“, gibt der Beamte zu Protokoll. Unter den Namen fand sich auch die Bezeichnung „Mauri“. War es ein Schuldenregister aus dem Betäubungsmittelmilieu? Der Polizist äußert den Verdacht, das Opfer habe mit Drogen gehandelt – Massimo war der Polizei bereits wegen einem BTM-Delikt bekannt.

Forensik gegen Notwehr-Behauptung

Die Verteidigung setzt indes alles auf die Karte Notwehr. Auf Lichtbildern aus der JVA Attendorn vom 15. September sind Hämatome am linken Arm des Angeklagten zu sehen. Maurizio S. behauptet, diese stammten von Schlägen mit einem Teleskopschlagstock.

Doch die Sachverständigen des LKA Nordrhein-Westfalen setzen der Verteidigungsstrategie harte Fakten entgegen. Die Vorsitzende Richterin liest die Details der Textiluntersuchungen vor:

  • Blutspuren: Das Blut an dem bei S. gefundenen Messer gehört zweifelsfrei dem Opfer. Auch am Jackenärmel des Angeklagten klebt das Blut des später Verstorbenen.
  • Der Schlagstock: Zwar wurden am Griff des am Tatort gefundenen Teleskopschlagstocks DNA-Spuren einer unbekannten männlichen Person und des Opfers gefunden, jedoch kein Blut und keine belastbaren Faserspuren des Angeklagten.
  • Die Tat: Die Rechtsmedizin bestätigt einen massiven Stich in den Bauchraum und einen weiteren in die rechte Flanke.

Der „Knallmoment“: Ein Augenzeuge am Rande der Kraft

Der emotionale Scheitelpunkt des Tages ist die Aussage eines 46-jährigen Kreuztalers. Er stand während einer Geburtstagsfeier am Vereinsheim beim Rauchen, als die Tat um 12:30 Uhr unmittelbar vor seinen Augen geschah. „Ich sah die Klinge in der Sonne blitzen“, sagt er mit brüchiger Stimme.

„Er rammte ihm das Messer rein.“

Der Zeuge schildert das Unfassbare: Das Opfer, schwer verletzt, kommt auf die Partygäste zu, zieht den Pullover hoch und ruft verzweifelt: „Messer, Messer, Polizei!“ In diesem Moment der höchsten Not reagiert der Zeuge geistesgegenwärtig, fotografiert den flüchtenden Täter mit seinem Handy und wählt parallel den Notruf.

Doch die psychischen Folgen sind verheerend. Mitten im Gerichtssaal ist der Mann den Tränen nahe. Er hat oft keine Stimme mehr gehabt. Die Richterin lässt ihm Zeit, das ganze Gericht wartet in respektvoller Anteilnahme. Er berichtet von seiner Trauma-Therapie und davon, dass er seit diesem Tag nicht mehr derselbe sei.

Schwere Vorwürfe gegen die Ermittler aus Hagen

Doch die Erschütterung des Zeugen schlägt am Ende um. Er berichtet dem Gericht, wie er nach seinem Einsatz von der Kripo Hagen behandelt worden sei. Er sprach von acht Stunden Wartezeit, Beleidigungen und Drohungen, ihn zwangsweise vorzuführen. „Ich wurde von der Polizei schlecht behandelt. Ich habe null Vertrauen mehr zur Polizei“, sagt der Mann.

Wenn die Strafkammer am 2. April 2026 um 09:30 Uhr die Verhandlung fortsetzt, werden nüchterne toxikologische Gutachten im Mittelpunkt stehen. Sie sollen klären, ob Drogen oder Alkohol in jener blutigen Mittagsstunde eine Rolle spielten.

Doch für die Anwesenden im Saal 161 wird nach diesem Verhandlungstag etwas anderes nachhallen als reine Laborwerte: Es ist das Bild einer langen Klinge, die unter der Septembersonne aufblitzte, und die Tränen eines Augenzeugen, dessen Vertrauen in die Welt erschüttert wurde. Über allem steht jedoch die unumkehrbare Bilanz dieses Tages in Kreuztal – das Leben des 32-jährigen Massimo C., das an jenem Nachmittag für immer ausgelöscht wurde.

Bildquelle: Andreas Trojak / wirSiegen.de (Fotos vom Tattag)

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