Nach tödlicher Messerattacke in Kreuztal: Prozess gegen mutmaßlichen Täter in Siegen gestartet

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(wS/red) Siegen – Kreuztal 09.03.2026 | Rückblick und Prozessauftakt: Die tödliche Messerattacke von Kreuztal vor dem Schwurgericht

Es war ein Samstagmittag im September 2025, der Kreuztal tief erschütterte. Am helllichten Tag wurde ein junger Mann auf dem viel frequentierten Fuß- und Radweg an der Moltkestraße, nahe der Otto-Flick-Halle, durch Messerstiche lebensgefährlich verletzt. Trotz der schnellen medizinischen Hilfe verstarb das Opfer einige Tage später an den Folgen der schweren Verletzungen.

Heute, rund sechs Monate nach der Tat, hat vor der 1. großen Strafkammer (Schwurgericht) des Landgerichts Siegen die juristische Aufarbeitung dieses gewaltsamen Todes begonnen.

Was am 13. September 2025 geschah

Die Chronik des Tattages zeichnet ein Bild von hoher Dynamik und einem schnellen Fahndungserfolg der Polizei:

  • Der Notruf: Gegen Mittag gingen die ersten Meldungen über eine Auseinandersetzung im Bereich des Bahnübergangs in Richtung Ferndorf ein.
  • Der Einsatz: Während Rettungskräfte um das Leben des Opfers kämpften, leitete die Polizei einen Großeinsatz ein. Zeugen wurden vor Ort durch die Notfallseelsorge betreut.
  • Die Festnahme: Nur kurze Zeit später klickten auf der Marburger Straße die Handschellen. Der damals 28-jährige Maurizio S. konnte in unmittelbarer Tatortnähe festgenommen werden.

Fotos: Andreas Trojak / wirSiegen – SIEHE VORBERICHT

Der Prozessbeginn heute

Die Staatsanwaltschaft legt dem Angeklagten Totschlag zur Last. Mit dem heutigen Auftakt der Hauptverhandlung richtet sich der Blick der Öffentlichkeit auf die Schwurgerichtskammer unter Vorsitz des Landgerichts.

Der erste Verhandlungstag begann am Morgen mit leichter Verzögerung gegen 9:45 Uhr im voll besetzten Saal 165. Unter den zahlreichen Zuhörern befanden sich überwiegend Freunde und Angehörige des verstorbenen Massimo C.


Die Anklage: „Tötung ohne Mörder zu sein“

Zu Beginn der Sitzung machte der Angeklagte Angaben zu seiner Person. Der 28-Jährige gab an, deutsch-italienischer Staatsangehöriger zu sein. Auf der Anklagebank wirkte er ruhig und gefasst und machte einen gepflegten Eindruck.

Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft soll der Angeklagte einen Menschen getötet haben, ohne Mörder zu sein. Nach den Ausführungen der Anklage habe der Beschuldigte das spätere Opfer zunächst mit mehreren Tritten attackiert. Im weiteren Verlauf soll er dem 32-Jährigen zwei Stichverletzungen mit einem Messer zugefügt haben, dessen Klinge etwa 15 Zentimeter lang gewesen sein soll. Den Angaben zufolge wurden dabei unter anderem die Leber, die Hohlvene sowie ein versorgendes Gefäß verletzt.

Ein wesentlicher Teil der Anklage stützt sich auf ein Gutachten, das dem Angeklagten eine chronische Erkrankung attestiert. Demnach könnte der Beschuldigte zur Tatzeit schuldunfähig gewesen sein. Gleichzeitig sieht das Gutachten nach Darstellung der Anklage aufgrund seines Zustands eine mögliche Gefährdung für die Allgemeinheit.

Der Verteidiger des Angeklagten riet seinem Mandanten zunächst, sich nicht zur Sache zu äußern.


Zeugin schildert das Tatgeschehen

Als erste Zeugin wurde eine 55-jährige Frührentnerin aus Kreuztal vernommen. Sie hatte sich nach eigenen Angaben zum Tatzeitpunkt auf einer Familienfeier – einem Kleinkindergeburtstag – im Tennisverein an der Moltkestraße befunden.

Die Zeugin berichtete, sie habe sich am Wegesrand aufgehalten, als ihr zwei Männer aufgefallen seien, die zunächst – wie sie es beschrieb – „herumalberten“.

Die Situation habe sich jedoch plötzlich verändert.

„Irgendwann sah ich, dass ein Mann den anderen getreten hatte. Er flog richtig weit. Er kam hoch und wurde wieder getreten“, schilderte die Zeugin.

Auch beim zweiten Tritt sei das Opfer ihrer Wahrnehmung nach „sehr weit geflogen“. Die 55-Jährige habe daraufhin anderen Gästen der Feier zugerufen: „Ruft schnell die Polizei, macht ein Foto!“

Weiter sagte sie aus, es habe anschließend so ausgesehen, als ob der Angreifer dem Mann drei- bis viermal in den Bauch geschlagen habe. Ein weiterer Gast habe laut gerufen: „Hört auf, hört auf!“

In diesem Moment habe das Opfer wiederholt „Messer, Messer, Aua!“ gerufen. Die Zeugin beschrieb die Waffe als ein „richtig langes und breites Messer“. Sie habe sich nach eigenen Angaben stark erschrocken.

Das Opfer habe sich anschließend in Richtung des Vereinsheims geschleppt, wo Gäste Erste Hilfe leisteten.

„Er sollte seinen Pulli ausziehen, den wir ihm dann ganz fest auf die Wunden gedrückt haben“, sagte sie.

Zu diesem Zeitpunkt habe der Verletzte noch klar sprechen können. Kurz darauf seien Polizei und Rettungsdienst eingetroffen.

Die Zeugin erklärte, sie habe weder den Angeklagten noch das Opfer zuvor gekannt. Auf Nachfrage bestätigte sie ihre Wahrnehmung der Tritte und beschrieb erneut deren Wucht.

Außerdem berichtete sie, ein weiterer Mann habe sich dem Angeklagten genähert, woraufhin dieser gesagt haben soll: „Du bist der Nächste.“

Die Zeugin gab an, das Geschehen habe sie stark belastet. Sie befinde sich deshalb in Traumabehandlung.

„Die Bilder gehen mir nicht mehr aus dem Kopf“, sagte sie vor Gericht.

Der Weg, an dem sich der Vorfall ereignet habe, sei früher ihr Lieblingsweg gewesen.

Nachdem ihr ein Foto aus der Ermittlungsakte gezeigt worden war, erklärte sie zudem, sie habe beim Opfer keine Gegenstände zur Gegenwehr gesehen.


Weitere Zeugen

Ein 48-jähriger Mann aus Dahlbruch, ebenfalls Gast der Feier, sagte als zweiter Zeuge aus. Er habe sich zum Rauchen draußen aufgehalten, als er Rufe wie „Hör auf, lass das sein!“ gehört habe.

Kurz darauf habe er das Opfer gesehen, das – wie er schilderte – „kreidebleich“ und gebückt mit einer Hand auf dem Bauch auf eine Gruppe von Menschen zugekommen sei und „Messer, Messer“ gerufen habe.

Der Angeklagte habe sich zu diesem Zeitpunkt noch am Ort des Geschehens befunden.

Auf Nachfrage der Vorsitzenden Richterin erklärte der Zeuge, das Erlebnis habe ihn belastet:

„Es geht nicht spurlos an einem vorbei.“

Die von ihm wahrgenommene Situation habe maximal etwa eine Minute gedauert.


Aussagen aus dem Umfeld

Ein weiterer Zeuge, ein Pizzabäcker, erklärte vor Gericht, er kenne sowohl den Angeklagten als auch das spätere Opfer.

Der Angeklagte sei häufiger Gast in der Pizzeria gewesen. In letzter Zeit habe er jedoch „sehr aggressiv“ gewirkt, „komische Dinge“ bei Facebook gepostet und Selbstgespräche geführt.

Das Opfer – das er als „Massimo“ kannte – habe im selben Haus gewohnt und in einem Café gearbeitet. Er beschrieb ihn als freundlich. Am Tattag habe er den Angeklagten gegen 12:15 Uhr in der Nähe der Pizzeria gesehen.

Eine 19-jährige Zeugin, die seit Anfang 2025 mit dem Opfer befreundet gewesen sein will, berichtete ebenfalls von Spannungen zwischen den Beteiligten.

Das Opfer habe ihr erzählt, der Angeklagte sei „am Durchdrehen“, „verrückt“ und „paranoid“. Er habe geglaubt, Menschen aus dem Café seien gegen ihn.

Auf Nachfrage der Richterin äußerte sich die Zeugin auch zu einem Schlagstock, den sie nach eigenen Angaben unter einer Couch in der Wohnung ihres Freundes gefunden hatte. Beim Opfer selbst habe sie diesen jedoch nie gesehen.

Der 31-jährige Betreiber des Cafés und der Pizzeria beschrieb das Opfer als engen Freund.

„Er war für mich wie ein Bruder.“

Auch er bestätigte, dass der Angeklagte häufig Gast gewesen sei. Früher habe es keine Probleme gegeben. Später habe der Mann jedoch „komische Sachen“ erzählt.


Aussagen der Schwester

Die 33-jährige Schwester des Angeklagten berichtete, ihr Bruder habe seit dem Jahr 2016 eine psychiatrische Diagnose und stehe unter Betreuung.

Etwa zwei Wochen vor der Tat habe sich sein Zustand deutlich verändert. Er sei sehr abwesend gewesen und habe unter Verfolgungsvorstellungen gelitten.

So habe er unter anderem geglaubt, seine Schwester wolle ihn vergiften.

Obwohl er Medikamente erhalten habe, habe er diese zeitweise wegen Nebenwirkungen – insbesondere Gewichtszunahme – abgelehnt.

Die Zeugin berichtete zudem von einem Vorfall aus dem Jahr 2019, bei dem ihr Bruder eine Flasche geworfen habe.

Über die Tat selbst habe sie mit ihm aufgrund der laufenden Ermittlungen nicht gesprochen. Er habe jedoch geäußert, dass ihm die Situation leid tue.


Aussage des gesetzlichen Betreuers

Als letzter Zeuge des ersten Verhandlungstages wurde der 61-jährige gesetzliche Betreuer des Angeklagten vernommen.

Auf Nachfrage der Vorsitzenden Richterin bestätigte er, seit August 2018 für den Angeklagten zuständig zu sein.

Die Betreuung habe er als schwierig beschrieben. Es habe viele „Höhen und Tiefen“ gegeben. Immer wieder habe der Angeklagte seine Unterstützung abgelehnt.

Ein zentraler Konfliktpunkt sei der Umgang mit Geld gewesen. Der Angeklagte habe die Einteilung seiner finanziellen Mittel durch den Betreuer nicht akzeptiert und regelmäßig höhere Beträge verlangt.

Dies habe wiederholt zu verbalen Auseinandersetzungen geführt.

Der Zeuge berichtete zudem von Beleidigungen und Bedrohungen. Der Angeklagte habe ihn unter anderem als „Mafiamitglied“ beschimpft und angezeigt.

Im Zusammenhang mit dieser Anzeige habe der Betreuer im März 2025 bei der Polizei in Kreuztal eine Aussage machen müssen.

Zuletzt habe er den Angeklagten am 10. September 2025 im Stadtgebiet von Kreuztal getroffen.

Nach seiner Einschätzung habe sich der Mann damals in einem psychotischen Zustand befunden.

„Mir war klar, dass er in akuter Psychose war“, sagte der Zeuge vor Gericht.

Der Angeklagte habe sehr unausgeschlafen gewirkt und seinem Betreuer vorgeworfen, mit seiner Familie zusammenzuarbeiten.

Eine Krankheitseinsicht habe nach dessen Eindruck nicht bestanden.

Beim letzten Treffen sei ihm der Angeklagte außerdem körperlich sehr nahe gekommen.

„Wenn er angerollt kommt, muss man gucken, wo man bleibt“, sagte der Betreuer.

Diese Aussage löste unter den Zuhörern im Gerichtssaal ein hörbares Raunen aus.


Fortsetzung des Prozesses

Nach weiteren Ausführungen zur finanziellen Situation des Angeklagten wurde die Sitzung beendet.

Die Hauptverhandlung wird am Donnerstag, 12. März 2026, um 14:00 Uhr fortgesetzt.

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