Diakonie in Südwestfalen – Von Pionieren zu Jubilaren

wS/wi  –  Wilnsdorf  –  15.05.2012  –  „Von einem Suchtproblem sind nicht nur die Erkrankten betroffen, sondern vor allem ihre Kinder“, erklärte Helga Rothenpieler von der familienorientierten Suchthilfe der Diakonie in Südwestfalen.

Etwa 800 dieser Kinder unterstützten die beiden Mitarbeiterinnen der familienorientierten Suchthilfe bislang. Den Bedarf erkannte Rothenpieler bereits 1986. Ihre Pionierarbeit zahlte sich nun aus: Um das 25-jährige Bestehen der Institution zu würdigen, fand eine Jubiläumsfeier in der Jugendbildungsstätte in Wilnsdorf statt. Rund 250 Besucher, die mit der Arbeit der Suchthilfe verbunden sind, kamen zur Veranstaltung. In einer Talkrunde erklärte Rothenpieler ihre Motivation, vor allem die Kinder in den Mittelpunkt der Behandlung zu stellen: „Die Kinder begleiteten ihre Eltern damals in den offenen Beratungsbereich – man musste nur hinschauen, um den Bedarf zu erkennen.

“ Volker Gürke, Geschäftsführer der Diakonie Sozialdienste, blickte ebenfalls auf die Anfänge der familienorientierten Suchthilfe zurück: „Es waren Helga Rothenpieler von der Diakonie und Horst Fischer von der Stadt Siegen, die sich einig waren, diese Institution ins Leben zu rufen.“ Horst Fischer (ehemaliger Fachbereichsleiter Jugend und Soziales der Stadt Siegen) unterstrich, dass es für ihn nie Zweifel am Gelingen dieser Arbeit gegeben habe: „Es ist ein ganzes Netzwerk von Hilfe, das die Erkrankten und deren Angehörige familientherapeutisch unterstützt.“ Für Rothenpieler ist es wichtig, „die Eltern stets miteinzubeziehen und die Probleme der Kinder nicht isoliert zu betrachten“. Angesichts der etwa 10.000 betroffenen Kinder in Siegen-Wittgenstein seien frühzeitige Hilfen für suchtbelastete Familien die wichtigste Prävention.

Denn die Kinder von suchtkranken Eltern tragen ein großes Risiko, selbst eine Abhängigkeit zu entwickeln. „Die Kinder von heute sollen nicht die Klienten von morgen werden“, so Rothenpieler. Dabei nimmt die Suchtproblematik heutzutage zu: „Obwohl es mehr Suchtkranke gibt, kann man keine spezifische Suchtpersönlichkeit benennen“, wusste Chefärztin Dr. Barbara Beuscher-Willems (Suchtbehandlungszentrum, Krankenhaus Bethesda Freudenberg). Denn die Ursachen für eine Suchterkrankung seien vielfältig, Abhängigkeiten kämen daher in allen Gesellschaftsschichten vor.

Beuscher-Willems beleuchtete, wie sich der Umgang mit Sucht in den letzten 25 Jahren veränderte. „Damals war eine Sucht noch keine anerkannte Krankheit, deshalb übernahmen die Krankenkassen keine Therapiekosten“, erklärte die Ärztin. Man habe sich in Selbsthilfegruppen selbst organisieren müssen. Dies sei heute anders. Wie wichtig eine neutrale Vertrauensperson für Kinder suchtkranker Eltern ist, betonte Liane K. (Name geändert). Als Mitglied der Selbsthilfegruppe für erwachsene Kinder von Alkoholkranken Al-Anon hat sie selbst suchtkranke Eltern erlebt: „Ich habe mich in meiner Kindheit einer Person anvertraut und die wies mich ab.“ Seitdem habe sie die Suchtproblematik ihrer Eltern nicht mehr angesprochen, hätte sich aber eine Vertrauensperson gewünscht. „Wichtig ist, dass die Kinder bei uns angstfrei sprechen können“, erläuterte Vera Königsfeld von der familienorientierten Suchthilfe.

Dass die praktizierte Kombination von Jugend- und Suchthilfe einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft leistet, betonte auch Siegens Bürgermeister Steffen Mues. „Die Arbeit ist wegweisend und beispielhaft“, sagte der Bürgermeister. Dem stimmte auch Ralph Seiler, Geschäftsbereichsleiter Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe, zu: „Für mich ist Siegen mit der familienorientierten Suchthilfe verbunden.“ Die Einmaligkeit dieses Ansatzes unterstrich Ingrid Arenz-Greiving. Sie arbeitet am Institut für angewandte Suchtforschung und Evaluation in Münster und hielt einen Fachvortrag zum Thema „Auch Suchtkranke wollen gute Eltern sein“. Hier ging sie zunächst auf die Probleme von Kindern suchtkranker Eltern ein: „Die Kinder wollen ihre Eltern oftmals entlasten und übernehmen zusätzliche Aufgaben, um sie zu schonen.“ Dabei käme es zu einer Überforderung, die Kinder würden die Elternrolle übernehmen. Daher sei es wichtig, die Eltern in ihrer Verantwortung zu unterstützen. „Gute Unterstützungsmöglichkeiten für Eltern helfen auch den Kindern“, resümierte Arenz-Greiving. Anschließend gab Liedermacher Siegfried Fietz ein Konzert. Dabei präsentierte er ein eigens für das Jubiläum komponiertes Lied, das auf einem Gedicht von Rothenpieler beruht. Es folgte ein Theaterstück über eine suchtbelastete Familie. Danach klang das „bewegte Jubiläum“ mit gemeinsamen Tänzen unter der Leitung von Professor Hartmut Kapteina (Schwerpunkt Musiktherapie mit Suchtkranken) aus.

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In einer Talkrunde diskutierten (von links) Helga Rothenpieler (Familienorientierte Suchthilfe), Chefärztin Dr. Barbara Beuscher-Willems (Suchtbehandlungszentrum, Krankenhaus Bethesda Freudenberg), Liane K. (Selbsthilfegruppe erwachsene Kinder von Alkoholkranken Al-Anon), Vera Königsfeld (Familienorientierte Suchthilfe) und Horst Fischer (ehemaliger Fachbereichsleiter Jugend und Soziales der Stadt Siegen) über das Thema Sucht.

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