Nationalpark-Debatte im Lÿz: Tourismus-Experten sehen große Chancen für die Region

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(wS/si) Siegen 30.07.2026 | Welche Impulse kann ein Nationalpark für den Tourismus, die regionale Wertschöpfung und die Entwicklung ländlicher Räume geben? Dieser Frage widmete sich eine Informationsveranstaltung des Kreises Siegen-Wittgenstein im Kulturhaus Lÿz. Vertreter der Nationalparkregion Kellerwald-Edersee und von Tourismus NRW stellten dabei ihre Erfahrungen und Einschätzungen vor – und machten deutlich, dass ein Nationalpark weit mehr sein kann als ein Naturschutzprojekt.

Dr. Heike Döll-König, Vorsitzende des Vorstands von Tourismus NRW, verwies auf den Nationalpark Eifel als konkretes Beispiel. Dort sichere der Nationalpark heute rund 1.350 Vollzeitarbeitsplätze. Für etwa jeden zweiten Gast sei der Nationalpark der Anlass seines Besuches. Regionale Marken, zertifizierte Gastgeber und Umweltbildungsangebote hätten die touristische Entwicklung vor Ort nachhaltig gestärkt. „Ein Nationalpark schafft nicht nur ganz direkt neue Arbeitsplätze, sondern sichert auch langfristig die Attraktivität eines Wirtschaftsstandortes“, so Döll-König.

Der Nutzen gehe jedoch über den reinen Tourismus hinaus. Eine attraktive Natur- und Erholungslandschaft erhöhe die Lebensqualität der Menschen vor Ort und könne im Wettbewerb um Fachkräfte ein wichtiger Standortvorteil sein. Auch neue Arbeitsformen wie sogenannte Workation-Angebote könnten ländlichen Regionen zusätzliche Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen. Natur werde zunehmend auch für Unternehmen zu einem Faktor – etwa für Gesundheitsangebote oder Teamentwicklung.

Landrat Andreas Müller ordnete die Veranstaltung in den laufenden Beteiligungsprozess ein: „Die Erfahrungen aus anderen Nationalparkregionen sind für unseren Beteiligungsprozess besonders wertvoll. Sie verdeutlichen, welche Potenziale sich für unsere Region eröffnen können, machen aber ebenso deutlich, welche Voraussetzungen dafür geschaffen werden müssen.“ Diese Erkenntnisse wolle man transparent in den Prozess einbringen und damit eine fundierte Grundlage für die öffentliche und politische Debatte schaffen.

Michaela Kuhnhenn und Klaus Dieter Brandstetter vom Touristik Service Waldeck-Ederbergland berichteten am Beispiel des Nationalparks Kellerwald-Edersee, wie ein solcher Prozess in der Praxis ablaufen kann. Die Region habe frühzeitig Kommunen, Touristiker, Verbände und Bevölkerung eingebunden. Seit der Ausweisung des Nationalparks seien zahlreiche neue touristische Angebote, Infrastrukturen und Kooperationen entstanden – von Nationalpark-Partnerbetrieben über Umweltbildungsangebote bis hin zu neuen Wander- und Radwegen.

Ein besonders positiver Effekt sei die gewachsene Identifikation der Bevölkerung mit ihrer Region. „Die Menschen sind stolz auf ihren Nationalpark“, sagte Klaus Dieter Brandstetter. Auch die anfänglich kritische Haltung mancher Landwirte habe sich im Laufe der Jahre deutlich verändert. Die gestiegene Nachfrage nach regionalen Produkten und das wachsende Bewusstsein für Nachhaltigkeit hätten dazu beigetragen, dass viele Betriebe heute die Chancen des Nationalparks erkennen.

Von einer stärkeren regionalen Vermarktung profitierten neben Beherbergungs- und Gastronomiebetrieben auch Direktvermarkter, landwirtschaftliche Betriebe und weitere Unternehmen. Der Beitrag des Tourismus zur Wirtschaft werde nach Einschätzung der Referenten häufig unterschätzt. So seien attraktive Natur- und Freizeitangebote ein wichtiger Standortfaktor für die Gewinnung und Bindung von Fachkräften.

Döll-König machte zudem deutlich, dass sich der Tourismus grundlegend verändert habe. Entscheidend seien heute nicht mehr allein steigende Gästezahlen, sondern die Qualität des Angebots, längere Aufenthalte und eine höhere regionale Wertschöpfung. „Es geht nicht mehr nur darum, möglichst viele Gäste anzuziehen, sondern ihnen authentische Naturerlebnisse zu ermöglichen und gleichzeitig die Region nachhaltig zu stärken“, betonte sie. Ein Nationalpark sei für Siegen-Wittgenstein eine große Chance, das naturtouristische Profil weiter zu schärfen und die Region langfristig als attraktiven Lebensraum und Reiseziel zu positionieren.

Naturtourismus liege bundesweit im Trend. Natur und Landschaft seien mit 34 Prozent der wichtigste Reiseanlass für Gäste in NRW, Natur- und Nationalparks folgten mit 15 Prozent. Immer mehr Menschen suchten einen Ausgleich zum digitalen Alltag – Wandern, Naturerlebnisse, Achtsamkeitsangebote oder gesundheitsorientierte Freizeitaktivitäten würden zunehmend nachgefragt. Gerade waldreiche Regionen wie Siegen-Wittgenstein könnten vor dem Hintergrund des Klimawandels zusätzliche Potenziale ausschöpfen, wenn sie ihre touristischen Angebote konsequent weiterentwickelten.

Nach mehrmonatiger Vorarbeit durch die Kreisverwaltung hatte der Kreistag im März beschlossen, sich erneut mit der Frage zu beschäftigen, ob auf dem Rothaarkamm der zweite Nationalpark in Nordrhein-Westfalen entstehen kann. Die Veranstaltung im Lÿz war Teil dieses Prozesses. Weitere Veranstaltungen werden derzeit vorbereitet. Am Donnerstag, 27. August, findet ein Nationalparkforum statt, an dem auch Oliver Krischer, Minister für Umwelt, Naturschutz und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen, teilnehmen wird.

Alle Informationen zum laufenden Nationalparkprozess, zu den Veranstaltungen und die bisher erarbeiteten Antworten der Expertenteams im Rahmen der Bürgerbeteiligung gibt es unter www.siegen-wittgenstein.de/nationalpark.

Fotos: Kreis Siegen-Wittgenstein

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