Kastanienzeit: Dekorative Nussfrüchte mit viel Potential und inneren Werten

Ein Gastbeitrag von Jürgen Heimann

(wS/jh) Siegen-Wittgenstein 14.10.2016 |Schon der olle Johann-Wolfgang hatte einen poetischen Narren an ihnen gefressen: „An vollen Büschelzweigen, Geliebte sieh nur hin! Lass dir die Früchte zeigen“ reimte der Dichterfürst 1815 in seinem Buch „Suleika“ über die Kastanie. Goethes Lobgesang zielte allerdings eher auf Maronen, Edel- oder Esskastanien ab. Selbige für seine Angebetete Marianne von Willemer aus dem Feuer zu holen, wäre er auch durchaus bereit gewesen. Aber sie sind mit der (gewöhnlichen) Rosskastanie, wie wir sie in unseren Breiten häufiger antreffen, weder verwandt noch verschwägert – trotz der Ähnlichkeiten in Namen und Aussehen. Die Edelkastanie, dem Gebiet der heutigen Türkei entstammend, zählt nämlich zur Familie der Buchen-, die Rosskastanie hingegen zur Familie der Seifenbaumgewächse. Letztere, ursprünglich auf dem Balkan beheimatet, ist, zumindest für den Menschen, weil leicht giftig, eher ungenießbar, erstere, von den „Pälzern“ auch „Keschde“ genannt, gilt als nahrhafte, in der Küche vielseitig verwendbare Delikatesse. Reden wir aber von der gewöhnlichen, eigentlich nicht zum Verspeisen konzipierten Variante, der Rosskastanie.

Außen pfui, innen hui: Der stachelige „Panzer“ der Kastanie platzt in der Regel von alleine auf. Er schützt eine Nussfrucht, die es in sich hat und vielseitig verwendbar ist. (Foto: knispeline/pixelio.de)

Außen pfui, innen hui: Der stachelige „Panzer“ der Kastanie platzt in der Regel von alleine auf. Er schützt eine Nussfrucht, die es in sich hat und vielseitig verwendbar ist. (Foto: knispeline/pixelio.de)

Deren Bezeichnung rührt daher, dass die Menschen in früherer Zeit ihren Pferden und Rindern diese Frucht als Mittel gegen Asthma und Husten ins Futter zu geben pflegten. Ein Trick, den sie sich bei den Osmanen abgeschaut hatten. Die sollen es auch gewesen sein, die die Kastanien nach Mitteleuropa brachten.

Ursprünglich in Nordgriechenland, Albanien und Mazedonien beheimatet, fanden die sommergrünen Gewächse, die bis zu 30 Meter hoch werden und deren Blüten, die ausgiebig Nektar und Pollen bilden, bei Maja und Co. als Bienenweide begehrt sind, Ende des 16. Jahrhunderts auch in Mitteleuropa Verbreitung. Kastanien säumten in Folge nicht nur unzählige Alleen, sondern wurden schnell zum „Charakterbaum städtischer Grünanlagen“. Die Flachwurzler, die bis zu 300 Jahre alt werden können, waren als Schatten spendende Zierden in Parks und Uferpromenaden sowie als Futterlieferant für Wildtiere geschätzt. Dam- und Rotwild, aber auch Wildschweine, Wisente, Ziegen, Schafe und Eichhörnchen wussten und wissen die Nussfrüchte zu genießen.2005 wurde die Kastanie zum „Baum des Jahres“ gekürt.

Kastanien fallen, wenn sie reif sind, von alleine vom Baum. Das ist der Schwerkraft geschuldet. Die pieksige Fruchthülle beherbergt meist zwischen ein bis drei braune Samen – und die kommen beim Herabfallen ohne Geburtshelfer auf die Welt. (Foto: Rolf Handke/pixelio.de)

Kastanien fallen, wenn sie reif sind, von alleine vom Baum. Das ist der Schwerkraft geschuldet. Die pieksige Fruchthülle beherbergt meist zwischen ein bis drei braune Samen – und die kommen beim Herabfallen ohne Geburtshelfer auf die Welt. (Foto: Rolf Handke/pixelio.de)

Die Rosskastanie hat es in sich

Welche inneren Werte ihre Früchte, die, in stachelige Schalen eingebettet, im Spätherbst schwerkraftbedingt zu Boden fallen, sonst noch haben, stellte sich erst nach und nach heraus. Das Holz des Kastanienbaums hingegen ist freilich nur von ganz geringer wirtschaftlicher Bedeutung. Es wird zum Furnieren in der Möbelerzeugung, für Schnitzereien und als Verpackungsmaterial genutzt. Die daraus gewonnene Holzkohle diente einst zur Herstellung von Schießpulver.

Die Frucht der Rosskastanie wird gerne auch zum herbstlichen Dekorieren und Basteln benutzt. Daraus lassen sich phantasievolle Tierfiguren herstellen. (Foto: knispeline/pixelio.de)

Die Frucht der Rosskastanie wird gerne auch zum herbstlichen Dekorieren und Basteln benutzt. Daraus lassen sich phantasievolle Tierfiguren herstellen. (Foto: knispeline/pixelio.de)

Zunächst sind Kastanien begehrte Sammelobjekte vor allem für Kinder, und das einfach um ihrer selbst willen. Ganze Familienverbände rücken in diesen Tagen mit Tragetaschen bewaffnet wieder aus, um möglichst viele davon zu ernten. Daraus können dann in Folge selbst doppelte Linkshänder mit wenig Aufwand ansprechende Basteleien herstellen, und seien es nur einfache „Kastanienmännchen“ oder auch phantasievolle Tierfiguren. Von der dekorativen Rolle einmal abgesehen sind die dunkelbraunen, glänzenden Dinger aber auch in vielerlei anderer Hinsicht durchaus von praktischer Verwendbarkeit. Und das sogar, aller gegenteiliger Meinungen zum Trotz, auch in der Küche.

Speisestärke und Kaffee-Ersatz

War in früheren Zeiten Schmalhans wieder mal Chefkoch, wurde die Rosskastanie auch als Nahrungsmittel verwendet. Die Samen enthalten viel Stärke und einen hohen Eiweißanteil, müssen aber, um Bekömmlichkeit zu generieren, zunächst entbittert werden. Dies geschieht, indem die Kastanien geschält und über Nacht in Wasser eingeweicht werden. Dann werden die Früchte in frischem Wasser aufgekocht und lassen sich nach dem Trocknen zu Mehl pulverisieren und wie Speisestärke einsetzen. Das Ganze diente armen Leuten auch als Kaffee-Ersatz.

Schattenspendende Zierden:  Kastanien sind "Charakterbaum städtischer Grünanlagen". Die Flachwurzler können bis zu 300 Jahre alt werden.  (Foto: Rainer Sturm/pixelio.de)

Schattenspendende Zierden: Kastanien sind „Charakterbaum städtischer Grünanlagen“. Die Flachwurzler können bis zu 300 Jahre alt werden. (Foto: Rainer Sturm/pixelio.de)

Die pharmazeutische Industrie nutzt sowohl die Samen als auch Borken, Blätter und Blüten. Das neben diversen Gerb- und Nährstoffen enthaltene Wirkstoffgemisch Aescin hat eine gefäßstärkende und entzündungshemmende Wirkung und vermindert die Blutgerinnung. Die daraus hergestellten Präparate werden gegen Magen- und Zwölffingerdarm-Geschwüre, Gebärmutter-Blutungen, Krampfadern und Hämorrhoiden eingesetzt, während ein aus dem Samen gewonnener Sud als Spülung, Fußbad oder Umschlag gegen geschwollene Arme oder Beine helfen soll. Auch Ausschlag und Zahnschmerzen soll das Zeugs lindern. Wohl nicht ganz von ungefähr ist die Rosskastanie 2008 auch zur Arzneipflanze des Jahres gekürt worden.

Angenehme Nebenwirkungen

Die Naturheilkunde weiß seit langem um die heilende, labende Wirkung dieser bestachelten Kapselfrüchte. Aber auch darüber hinaus machen sich die Menschen ihre angenehmen Nebenwirkungen zunutze. Beispielsweise bei der Eigen-Herstellung von Waschmitteln, Duschgels, Haarshampoos, Zahnputzpulver, Tinkturen und Salben. Wie das funktioniert und was bei der Vorbehandlung des Grundstoffs, der Produktion und der Lagerung beachten ist, steht HIER.

Rosskastanien enthalten, genauso wie Efeu, viele Saponine. Das sind chemische Verbindungen, die, in Wasser gelöst, seifenartige Eigenschaften aufweisen. Deshalb lässt sich daraus beispielsweise auch ein erstklassiges biologisches Waschmittel herstellen, und das völlig kostenlos. Fünf bis acht trockene, saubere Kastanien auf einem Brettchen vierteln. Dann mit ca. 300 ml Wasser in ein Glas geben. Das Glas ungefähr acht Stunden stehen lassen.

Die gewöhnliche europäische Rosskastanie ist in  der Regel weißblühend. Es gibt aber auch eine rotblühende Version, die aus einer Kreuzung mit einer nordamerikanischen Art hervorgegangen ist. Weltweit gibt es etwa 20 verschiedene Arten. (Foto: Birgit Winter/pixelio.de)

Die gewöhnliche europäische Rosskastanie ist in der Regel weißblühend. Es gibt aber auch eine rotblühende Version, die aus einer Kreuzung mit einer nordamerikanischen Art hervorgegangen ist. Weltweit gibt es etwa 20 verschiedene Arten. (Foto: Birgit Winter/pixelio.de)

Flotter geht’s, wenn man/frau die Kastanien vorher zu Pulver zerrieben hat. Dadurch lösen sich die Saponine – ein Sud daraus ist übrigens auch ein probates Mittel gegen Blattläuse – schneller heraus. Da Kastanien aufgrund ihres hohen Feuchtigkeitsgehaltes aber zur schnellen Schimmelbildung neigen, sollten sie grundsätzlich trocken gelagert werden bzw. das Pulver nach Zerreiben der Frucht getrocknet werden – beispielsweise im Backofen. Zum Waschen die Flüssigkeit einfach durch ein Sieb in das Waschmittelfach füllen. Damit wird normal verschmutze Wäsche problemlos sauber. Da auch keine Duftstoffe oder Parfums enthalten sind, riecht die Wäsche nach dem Waschen idealerweise nach gar nichts.

Volks- und Aberglaube

Gut, ein bisschen Volks- und Aberglaube muss und darf auch drin sein. Demzufolge soll es bereits hilfreich sein und u.a. gegen Rheuma und andere Wehwehchen vorbeugen, ein paar Kastanien in der Hosentasche mit sich herum zu tragen. Wenn schon, dann aber bitteschön in einer Dreierzahl, also entweder drei, sechs, neun oder auch zwölf Exemplare. Wundergläubige meinen auch, dass die in der Beinkleidtasche mitgeführten Kastanien Glück heraufbeschwören. In Kombination mit einer Hasenpfote müssten dann sechs Richtige im Lotto mit Zusatzzahl allemal drin sein. Unheil hingegen soll dem widerfahren, der von Kastanien träumt. Von solchen düsteren Prognosen sind nachtschlafende Wunschbilder von der Traumfrau mit kastanienbraunem Haar ausdrücklich ausgenommen.

Esskastanien oder die aus diesen heraus gezüchteten Maronen (Foto) sind  mit den Rosskastanien nicht verwandt und gehören zu den Buchengewächsen.  Ihre Früchte werden auch von einem wesentlich feineren Stachelkleid ummantelt.  Geröstet oder gekocht beispielsweise finden sie  als Suppe, als Püree,  gewürfelt als Beilage zum Hauptgericht oder als geschmacksgebende Füllung des Weihnachtsbratens Verwendung.  (Foto: Annamartha/pixelio.de)

Esskastanien oder die aus diesen heraus gezüchteten Maronen (Foto) sind mit den Rosskastanien nicht verwandt und gehören zu den Buchengewächsen. Ihre Früchte werden auch von einem wesentlich feineren Stachelkleid ummantelt. Geröstet oder gekocht beispielsweise finden sie als Suppe, als Püree, gewürfelt als Beilage zum Hauptgericht oder als geschmacksgebende Füllung des Weihnachtsbratens Verwendung. (Foto: Annamartha/pixelio.de)

Und kleinen Kindern darf man keine Kastanienkränze umhängen, da sie „erdrückt“ würden. Apropos Kinder: Weil diese ja gerne mal Finger und Hände in den Mund stecken, sollte man die Kleinen zumindest von den hellgrünen stacheligen Samenschalen unreifer Kastanien fernhalten. Die sind giftig. Für den, der größere Hautverletzungen an den Händen hat, gilt das Gleiche. Je nach abbekommener Dosis können Übelkeit, Bauchschmerzen, Erbrechen und Sehstörungen die Folge sein. Die gleichen Symptome treten ja auch nach übermäßigem Alkoholgenuss auf. Beispielsweise dann, wenn man sich zu viel Kastanienschnaps genehmigt hat. Solchen gibt es neben einer entsprechenden Likörvariante tatsächlich. Ist aber sauteuer – und wird allerdings aus Edelkastanien gebrannt. Eine Schweizer Destille verlangt für eine 70cl-Flasche ihres 43 Prozent starken „Mc Alpin“ stolze 122 Franken. Dann schon lieber einen Tee aus getrockneten Kastanienblättern. Es darf auch ein Jägermeister sein, so er aus der Abfüllanlage kommt und nicht vom Hochsitz…

Was rauscht zu meinen Füßen so? Es ist das falbe Laub vom Baum! Auch die Kastanien verlieren jetzt nach und nach ihre Blätter. Dazwischen und darunter verborgen  findet der Sammler noch so manche versteckte Frucht.  (Foto: Uschi  Dreiucker/pixelio.de)

Was rauscht zu meinen Füßen so? Es ist das falbe Laub vom Baum! Auch die Kastanien verlieren jetzt nach und nach ihre Blätter. Dazwischen und darunter verborgen findet der Sammler noch so manche versteckte Frucht. (Foto: Uschi Dreiucker/pixelio.de)

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