„Welcome to Slavery“ oder Quo Vadis BIG DATA

(wS/js) Siegen 27.02.2020 | Eine belebte Kreuzung in der Siegener Innenstadt, hoch oben an einer Hausfassade hängt eine LED-Mediawand. Werbespots werden abgespielt. Plötzlich taucht für einen kurzen Moment eine Schwarzweiß-Grafik auf.

Die Konturen eines menschlichen Kopfes sind zu sehen. Eine Hälfte des Gesichts ist schwarz, die andere schwarzweiß gestreift, die Augen – Strichcodes. Dann wird ein Text eingeblendet: „Welcome to Slavery“ Willkommen in der Sklaverei? Weiter geht’s mit normaler Werbung. Was war das? Unwillkürlich stellt man sich diese Frage und bleibt leicht irritiert stehen. Unvermittelt erscheint der seltsame Kopf wieder auf dem Monitor und stört kontinuierlich die laufende Reklame. Mit normaler Werbung, das ist schnell klar, hat das nichts zu tun.

Es ist das neueste Projekt des Künstlers Jürgen Stahl, der sich vor allem mit seinen spektakulären Illuminationen einen Namen gemacht hat.

Hier verlässt der „Illuminator“ ausgetretene Pfade und widmet sich dem Thema „Big Data“ mitsamt den immer deutlicher zutage tretenden negativen Auswirkungen. Dieser bewusst scharfe Kontrast zur üblichen Dauerwerbung auf dem riesigen Bildschirm an Kochs Ecke, soll sensibilisieren, vielleicht zum Nachdenken anregen und Frage aufwerfen: In was für einer Zukunft wollen wir als Gesellschaft leben und welche Optionen haben wir überhaupt, bestimmten negativen Entwicklungen der immer schneller werdenden digitalen Welt, entgegenzuwirken oder gar aufzuhalten? Wie weit ist dem Einzelnen bewusst, wie sehr diese sein Leben schon dominiert?

Ein Blick auf die chinesische Stadt Rongcheng alarmiert und zeigt auf wie sehr Georg Orwells alptraumhafte Dystopie ‚1984’ in der Gegenwart angekommen ist. Ein allgegenwärtiger Staatsapparat späht seine Bürger bis in die intimsten Bereiche aus, bewertet und belohnt wohlgefälliges Verhalten in einem Punktesystem, das zur Ächtung von Meinungs- und Verhaltensabweichlern führt. Doch ist das eifrige Datensammeln nicht auf totalitären Staaten beschränkt. Auch in der westlichen Welt geht es nicht viel anders zu. Staatlich und private Datenkraken durchleuchten die virtuelle Welt, nicht nur Big Player wie die FANG Konzerne (Facebook, Amazon, Netflix und Google) auch unzählige kleinere Firmen und Institutionen entmündigen den Bürger und degradieren ihn zum gläsernen Konsumenten. Und wir sind dabei noch behilflich, sei es durch Nutzung des Smartphones oder beim bequemen Shoppen, von unterwegs oder zuhause. Beim Surfen durchs World Wide Web werden oft Dinge gekauft, die man gar nicht braucht, in den Social Media wie Facebook, Instagramm oder Twitter leichtfertig privateste Angelegenheiten geteilt. Die Datenjäger liegen auf der Lauer und erstellen Profile aus unserem Kaufverhalten, unseren sozialen Kontakten, unseren Vorlieben, Interessen und Hobbys, die dann an den Meistbietenden verhökert werden, mit Alexa und Co. werden den Kunden noch Abhörstationen ins heimische Nest gelegt. Alles ist nur noch smart. Smartphone, Smart Home, Smart Live . . . Doch der Preis für diese schöne neue Welt ist hoch. Denn es steht, so die Ansicht des Künstlers, nicht weniger als die Freiheit und Demokratie auf dem Spiel.

Die persönliche Freiheit, die Privatsphäre, das Recht auf informationelle Selbstbestimmung, all das spielt in der neuen digitalen Welt anscheinend keine Rolle mehr und wird eliminiert. Der Künstler will mit seiner Arbeit auf die Diskrepanz zwischen der analogen und digitalen Welt hinweisen, unserem realen Alltagsleben und dem virtuellen Paralleluniversum, in dem es keine Privatsphäre mehr gibt. Wohin führt die Technologie, die als Befreiung angepriesen wurde und uns womöglich in die totale Kontrolle führt? Ist die Digitalisierung am Ende so unkontrollierbar wie die Atomkraft?

Ist der Fortschritt in manchen Fällen nicht eher ein Rückschritt?

Quo vadis, Big Data?

Klar ist, was immer technisch möglich ist, wird gemacht, egal ob sinnvoll oder nicht. Doch hat der Einzelne es in der Hand, sich der Abhängigkeit von Zeit zu Zeit zu entziehen, dem virtuellen Stress kurzzeitig zu entsagen, indem er sich bewusst macht, in welcher Welt er sich eigentlich gerade befindet, Handy und Tablet ausschaltet, ohne Angst, etwas zu verpassen oder sich „ausgestoßen“ zu fühlen; die schöne alte Welt zu entdecken und Körper, Geist und Seele zu entgiften. Digital Detox, so lautet die Empfehlung des Künstlers. Die Kunstaktion ist einen Monat lang seit dem 1.Februar auf dem Mediaboard an Kochs Ecke zu sehen. Besonderer Dank gilt dem Kreis Siegen-Wittgenstein, dem Aktionsfonds Kultur der Stadt Siegen, und der Fa. LED Marketing, die, die Kunstaktion unterstützen.

Text: Mike Brück