(wS/igb) Kreis Siegen-Wittgenstein 09.07.2026 | Maurer, Dachdecker, Kanal- oder Straßenbauer – sie alle leisten harte körperliche Arbeit, bei Wind und Wetter, bei Hitze und Frost. Doch die wenigsten von ihnen schaffen es, bis zum regulären Rentenalter durchzuhalten. Von den rund 3.670 Bauarbeitern im Kreis Siegen-Wittgenstein sind nach aktuellen Angaben der Arbeitsagentur gerade einmal rund 150 Beschäftigte älter als 63 Jahre. Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) schlägt deshalb Alarm – und fordert eine „Flexi-Rente“, die sich am Härtegrad der geleisteten Arbeit orientiert.
„Für die meisten ist schon Schluss, bevor sie 60 sind. Sie packen die Arbeit auf dem Bau gesundheitlich dann einfach nicht mehr“, sagt Friedhelm Kreft, Vorsitzender der IG BAU Westfalen Mitte-Süd. Dass die Bundesregierung plane, das Renteneintrittsalter künftig noch weiter anzuheben, hält er für völlig realitätsfern: „Es schafft kaum einer, auf dem Bau bis 67 zu arbeiten. Wenn es demnächst dann noch länger gehen soll: keine Chance.“
Was nach Ansicht der Gewerkschaft fehlt, ist ein flexibler Übergang vom Arbeitsleben in den Ruhestand – ein „Expresszugang in den regulären Ruhestand“ für alle Branchen, in denen Beschäftigte durch ihren Job gesundheitlich früher am Ende sind. Das gelte nicht nur für die Baubranche, sondern auch für die Land- und Forstwirtschaft, die Gebäudereinigung sowie den Garten- und Landschaftsbau. „Eine faire Rente muss unbedingt dem Härtegrad der Arbeit, die geleistet wird, angepasst werden“, fordert Kreft.
Scharfe Kritik übt die IG BAU auch an den Plänen, die Rente mit 63 abzuschaffen. „Das wäre gerade für viele Baby-Boomer ein Schlag ins Gesicht. Es macht ihnen nämlich einen dicken Strich durch ihre Lebensplanung“, warnt Friedhelm Kreft. Laut Berechnungen des Pestel-Instituts gibt es im Kreis Siegen-Wittgenstein 43.100 Baby-Boomer, die in den kommenden zehn Jahren in Rente gehen werden. Viele von ihnen hätten bereits 45 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt. „Ihnen jetzt – gewissermaßen kurz vor knapp – die Rente mit 63 vor der Nase wegzuschnappen, das geht nicht. Das kostet politisches Vertrauen – und Vertrauen in den Staat“, ist Kreft überzeugt.
Auch beim Rentenniveau sieht die IG BAU Westfalen Mitte-Süd dringenden Handlungsbedarf. In den 33 Vorschlägen der Rentenkommission fehle eine garantierte Haltelinie. „Der Staat darf den Baby-Boomern ab 2031 kein Absenken des Rentenniveaus unter 48 Prozent zumuten“, fordert Kreft. Die Zielmarke müsse grundsätzlich wieder auf mindestens 53 Prozent steigen – auch beim Übergang zur kapitalgedeckten Zusatzrente dürfe es keinen Einbruch geben. „Rente ist politische Vertrauenssache“, so der IG BAU-Bezirkschef.
An die heimischen Bundestagsabgeordneten im Kreis Siegen-Wittgenstein appelliert die Gewerkschaft, „Renten-Rückgrat“ zu zeigen und die Pläne der Bundesregierung „dringend zu korrigieren“. Andernfalls würden viele Berufe, in denen hart gearbeitet werde, mehr und mehr an Attraktivität verlieren.

Auf Dauer nicht zu machen: das Schleppen schwerer Säcke auf dem Bau. Gerade Ältere stoßen bei harter körperlicher Arbeit an ihre Grenzen. Die IG BAU fordert deshalb eine „Flexi-Rente“, die sich am Härtegrad der Arbeit orientiert. Foto: IG BAU / Alireza Khalili
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