Prof. Dr. Karin S. Weber geht in den Ruhestand

(wS/uni) Ihre Hände fliegen gestenreich und die Augen blitzen, wenn Prof. Dr. Karin S. Weber erzählt. So viele Erinnerungen, so viele Geschichten. 33 Jahre war sie an der Universität Siegen tätig, hat spannende Entwicklungen an „ihrer“ Hochschule miterlebt, hat schöne und erfolgreiche, aber auch schwierige Zeiten mitgemacht. Nun geht die Universitäts-Professorin für Bildungs-, Kultur-, Kommunikationswissenschaft  in Ruhestand. Ein Wort, das so gar nicht zu ihr passt. Denn Bewegung ist ihr ursprüngliches Thema: wissenschaftlich im Bereich der Bewegungspädagogik, aber auch als Lebensmotto einer engagierten Frau.

Nach der Promotion an der Universität Hamburg und einer Zeit als Studienrätin begegnet sie 1978 der damaligen Staatsministerin, FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher, die sie 1979 als wissenschaftliche Mitarbeiterin für Kulturpolitik ins Auswärtige Amt holt. „Das waren zwei unglaublich spannende Jahre“, erinnert sich Weber. Die Verlockung, als Seiteneinsteigerin im Ausland im diplomatischen Dienst zu arbeiten, ist da. Doch die Liebe und die Familie halten sie in Bonn. „Außerdem wollte ich immer eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen.“ Als 1981 aus Siegen der Ruf auf eine Professur für Ästhetik und Kommunikation mit Schwerpunkt Bewegung kommt, sagt sie ja. Sie lässt sich sogar vom damaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher nicht beeinflussen: „Bewegungspädagogik? Warum machen Sie das denn? Sie können doch viel mehr“, sagt er erstaunt, als sie ihren Job beim Auswärtigen Amt aufgibt.
Ihr Forschungsthema ist die Konduktive Bildung, also die inklusive Bildung für Menschen mit und ohne Behinderung. Durch eine Exkursion nach Ungarn wird sie Mitte der 1980er Jahre auf eine einzigartige komplexe Förderung am Petö-Institut in Budapest aufmerksam. „Wie dort mit schwerbehinderten Kindern und Erwachsenen gearbeitet wurde, hat mich beeindruckt.“ Rollstühle sieht sie dort keine. Karin Weber hospitiert am dortigen Institut und hat das Glück, dass sie ihre beiden eigenen, damals noch kleinen Kinder mitbringen kann. Die Wissenschaftlerin stellt das ganzheitliche Konzept in Deutschland vor und kann gegen massive Widerstände ein groß angelegtes Pilotprojekt und weitere Folgeprojekte etablieren, aus denen heraus sich das Rehabilitationskonzept ScoRe! (Siegener complexe Rehabilitation) für Studium, Weiterbildung und Praxis entwickelt. Wichtig ist der Professorin auch die Vernetzung in der Region. So gründet sie 1987 den Verein für Konduktive Förderung Siegen. Bis heute hat sie engen Kontakt zu vielen Familien, deren schwerbehinderte Kinder an einem ihrer Projekte teilnahmen. In sozialgerichtlichen Verfahren wird sie bundesweit als Gutachterin geschätzt.

Karin Weber hat kein Parteibuch, ist aber politisch engagiert. Als Hochschullehrerin findet sie es selbstverständlich, in der akademischen Selbstverwaltung mitzuarbeiten. Sie wird Prodekanin und Dekanin, gehört viele Jahre dem Senat an und bewirbt sich Mitte der 1990er Jahre als Rektorin. Ein einschneidendes Erlebnis, denn trotz 2/3-Mehrheit im Senat verliert sie im Konvent knapp gegen ihren Mitbewerber. Das Ergebnis habe sie als Demokratin akzeptiert. Spuren hinterlassen haben aber die Machtkämpfe hinter den Kulissen. „Das hat mich als Mensch tief verletzt“, sagt Karin Weber nachdenklich. An ihrer Identifikation mit der Universität Siegen hat es nicht gerüttelt. „Ich bin immer uneingeschränkt und selbstbewusst für meine Uni eingetreten und habe im In- und Ausland für die Hochschule geworben“, so die Professorin. Die Lehre steht für sie im Mittelpunkt. „Studierende zu qualifizieren, ihnen über Klippen zu helfen, ihnen zuzuhören sowie Begabungen zu erkennen und zu fördern; das habe ich immer als Kardinalaufgabe gesehen und gelebt.“ Sie sieht die Studierenden als „unsere Kunden, ohne die wir überflüssig wären, und das erfordert einen umfassenden und guten Service!“
Nach 33 Jahren fällt ihr der Abschied nicht leicht. „Gesundheitliche Gründe zwingen mich, jetzt mit 65 Jahren etwas mehr auf mich zu achten.“ Aber sie kann sich gut vorstellen, noch einmal eine Gastprofessur im Ausland zu übernehmen. „Konkrete Angebote gibt es und Ideen habe ich viele“, sagt sie, und ihre Augen blitzen wieder voller Tatendrang.

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Prof. Dr. Karin S. Weber geht nach 33 Jahren an der Uni Siegen in den Ruhestand.

Verdienstmedaille
Im Rahmen des Festaktes zum 40-jährigen Bestehen des Studentenwerks Siegen wurde Prof. Dr. Karin S. Weber vom Generalsekretär des Deutschen Studentenwerkes, Achim Meyer auf der Heyde, die Verdienstmedaille des DSW verliehen.

Zur Person
Geboren 1948 in Berlin, aufgewachsen in Frankfurt/M. und Hamburg.
Studium an der Universität Hamburg: Bildungs- und Politikwissenschaft, Staatslehre, Völker- und Europarecht.
Familie: Zwei erwachsene Kinder: Sohn, 32 J., Tochter, 30 J.
Hobbys: Freundeskreis pflegen, den Terrier bewegen, handwerklich-technische Arbeiten in Haus und Garten, Literatur, Film, Musik, Theater, Wellness.